Kreatives

Was zwischen 22 Uhr und dem ersten Licht kalt wurde

22.14 Uhr, Bödeli, Interlaken. Im Schaltraum der Kabelfernsehen Bödeli AG sinkt die Temperatur zum ersten Mal seit April unter zwölf Grad. Ein Techniker legt die Hand auf ein Glasfaserbündel, das den ganzen Tag über sonnenwarme Dächer gelaufen ist, und spürt, wie es sich zusammenzieht. Zwischen den Steckverbindern bleibt jetzt ein Zehntelmillimeter mehr Spiel als am Nachmittag, an einer Kreuzung, über die täglich Filme, Videogespräche und die Datenverbindung eines ganzen Hotelbetriebs laufen. Niemand merkt das am Bildschirm. Die Leitung, die das Bödeli mit der Welt verbindet, atmet in dieser Nacht zum ersten Mal seit dem Sommer wieder ruhig, und der Techniker macht seine Kontrollrunde eine halbe Stunde kürzer als sonst, weil die Kälte ihn schneller durch die Gänge treibt.

01.47 Uhr, ein Rechenzentrum im Mittelland. Die Aussenluft fällt unter neun Grad, und eine Klappe öffnet sich, die den ganzen Sommer über geschlossen blieb. Statt der stromfressenden Kältemaschine übernimmt jetzt die Nachtluft selbst das Kühlen der Serverreihen, die weiterrechnen, während andernorts darüber gestritten wird, ob genau solche Systeme eines Tages die Kontrolle übernehmen könnten und ob ein Konzern seinen Börsengang deswegen besser verschiebt. Den Servern ist das gleich. Sie kühlen von jetzt an billiger, einfach weil es draussen kälter ist als drinnen, ganz unabhängig davon, was sie gerade ausrechnen und wer davor warnt.

05.52 Uhr, Musikschule, Muri bei Bern. Ein Bub schraubt sein Kornett auseinander, weil der dritte Zug klemmt. Die Ventile, die gestern Nachmittag butterweich liefen, greifen jetzt zäh, das Fett zwischen den Kolben ist über Nacht steifer geworden und nimmt der Mechanik einen Teil ihres Gleitens. Er übt trotzdem, denn der Kanton hat gerade erst geprüft, ob wirklich jedes Kind im Kanton Bern Zugang zu einer Musikschule bekommen soll, und seine Mutter hat ihm gesagt, das sei keine Selbstverständlichkeit, für die man sich nicht auch früh aus dem Bett quälen dürfe. Draussen liegt ein flacher Nebel über dem Pausenplatz, der um sieben schon wieder weg sein wird.

06.38 Uhr, ein Freibad im Berner Oberland, das die Saison eigentlich schon beenden wollte. Robin Steiner steht auf der Plattform des Blobs, einundzwanzig Jahre alt, frisch von der Weltmeisterschaft zurück. Das Wasser hat über Nacht zwei Grad verloren, und mit ihm ein wenig von seiner Oberflächenspannung, die dem Sprung sonst mehr Widerstand entgegensetzt. Als sein Trainer auf die andere Seite der Luftmatratze springt, schiesst Steiner 28 Meter durch die kühle Morgenluft, ehe er landet – ein Wert, der reicht, um ins Guinness-Buch der Rekorde einzutragen. Mit dem Rekord selbst habe die Kälte nichts zu tun, sagt sein Trainer nachher. Sie hat nur dafür gesorgt, dass die beiden heute Morgen ganz allein auf der Anlage waren.

07.15 Uhr, Einfallsachse Richtung Bern. Auf dem Radstreifen liegt ein Film, den man mit blossem Auge kaum sieht, genau dort, wo die Sonne die Fahrbahn noch nicht erreicht hat. Velofahrerinnen und Velofahrer bremsen an diesen Stellen weiter, ohne es zu merken, denn Gummi verliert auf kaltem, feuchtem Belag einen Teil des Griffs, auf den es sich sonst verlassen kann. Eine Studie hat diese Woche vorgerechnet, dass Velofahren hierzulande, gemessen an den gefahrenen Kilometern, doppelt so gefährlich ist wie in Holland, wo die Wege breiter und die Kreuzungen anders gebaut sind. Um kurz nach sieben spielt das an dieser Kreuzung keine Rolle, die Strasse ist noch leer, und die Kälte hat sich, Meter für Meter, längst weiterverzogen, talwärts, wo sie in der ersten Sonne verschwinden wird, ohne dass jemand ihr dabei zusieht.


Eingewobene Meldungen vom 15. September 2026:

  • Die Kabelfernsehen Bödeli AG betreibt das Glasfasernetz, über das Internet, Fernsehen und Datenverbindungen im Bödeli laufen – ein Blick auf die unsichtbare Infrastruktur dahinter. Plattform J
  • Der Kanton Bern prüft einen Vorstoss, der allen Kindern im Kanton Zugang zu einer Musikschule ermöglichen soll. Plattform J
  • Ein Experte warnt öffentlich, künstliche Intelligenz könnte ausser Kontrolle geraten; OpenAI verschiebt derweil seinen geplanten Börsengang wegen Sicherheitsbedenken, und Anthropic-Chef Dario Amodei fordert, die KI-Entwicklung zu bremsen. 20 Minuten
  • Der 21-jährige Berner Robin Steiner springt per Blob 28 Meter durch die Luft und schafft damit den Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Plattform J
  • Eine neue Studie zeigt: Gemessen an den gefahrenen Kilometern ist Velofahren in der Schweiz doppelt so gefährlich wie in Holland. Plattform J

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert