Die Stunde, die ich schlage, gehört mir nicht
Ich bin die Zytglogge, und ich kenne Bern nur von unten. Wer mich betrachten will, muss den Kopf in den Nacken legen, ich selbst schaue nur nach unten, auf Pflastersteine, Schuhe, Velos und das, was liegen bleibt, wenn die Schuhe weitergehen. Zwölfmal am Tag schlage ich die Stunde, die gerade vergeht, aber welche Stunde für mich selbst gerade ist, habe ich nie herausgefunden. Dafür bräuchte es eine zweite Uhr, die mich beobachtet, und die gibt es nicht.
Heute Morgen fiel eine goldene Folie vor meinen Fuss, klein, rund, mit einem geprägten Türmchen darauf, das mir verdächtig bekannt vorkam. Ein Schoggigeschäft ein paar Gassen weiter hat mich offenbar nachgebaut, im Kleinen, aus Kakaobutter und Konfitüre, und verkauft mich jetzt löffelweise an Leute, die mich nie ganz aufgegessen bekommen, weil ich zu gross dafür bin. Ich finde das weniger kränkend, als man erwarten würde. Es ist nicht das erste Mal, dass jemand eine Kopie von mir mitnimmt, nur die frühere Kopie war aus Blei und hiess Modell, diese hier zergeht auf der Zunge.
Von Uhren weiss ich mehr, als mir eigentlich zusteht, weil alles, was mit Zeit zu tun hat, irgendwann an mir vorbeikommt oder wenigstens an mir vorbeigedacht wird. So habe ich erfahren, ohne dass es mir vorgelesen wurde, dass an der Universität, keine zwanzig Gehminuten von mir entfernt, vor acht Jahren ein Instrument gebaut wurde, das seither durchs Weltall unterwegs war, und das jetzt, bei einem Planeten, den man von hier aus nur als hellen Punkt sieht, endlich zu arbeiten begonnen hat. Es misst Höhen und Täler auf dem Merkur, indem es Licht hinschickt und darauf wartet, dass es zurückkommt. Ich messe die Zeit, indem ich zähle, wie oft sich ein Zahnrad dreht. Dieses Instrument macht das Gegenteil: Es misst eine Strecke, indem es zählt, wie lange das Licht dafür braucht. Wir sind beide aus derselben Stadt und beide aus demselben Grundgedanken, nur in verschiedene Richtungen gedreht.
Am Mittag kniete ein Mann mit öligen Fingern vor meinem Getriebe, roch nach demselben Fett, das ich schon letzte Woche an ihm gerochen hatte, als er von einer Fahrt ins Oberland erzählte, ohne dass ich zuhörte, ich rieche nur. Dieselbe Ölsorte, dieselbe Tasche, dieselben Kratzer am Werkzeugkoffer. Ich habe daraus geschlossen, dass er auch die Turmuhr im Hotel Bären in Wilderswil in Schuss hält, jenes alte Haus, das gerade den Besitzer gewechselt hat und in dem trotzdem, wie es heisst, alles im gleichen Takt weiterläuft, weil die neuen Wirte die alte Uhr nicht anrühren liessen. Zwei Uhren, ein Handwerker, ein Geruch. Mehr an Beweis brauche ich nicht, ich bin ja selbst nur ein Zeuge aus Metall.
Am Nachmittag zog eine feine Messingstaubwolke aus der Werkstatt zwei Häuser weiter, wo ein Graveur Namensschilder für Gemeindebüros herstellt. Diesmal war es ein Schild für Thierachern, eine Gemeinde im Emmental, die ab kommendem Jahr eine neue Gemeinderatspräsidentin hat, ohne dass es überhaupt zu einer Wahl gekommen wäre. Es hatte sich fristgerecht nur eine einzige Kandidatin gemeldet, Myriam Bühler, und damit war die Sache entschieden, still und ohne Zettel in einer Urne. Ich finde das eine elegante Art, mit Zeit umzugehen: Man spart sich die Abstimmung und graviert gleich das Ergebnis.
Später am Tag rollte ein Kombi mit Kühlbox über den Pflasterplatz, Wasserproben aus dem Bielersee, unterwegs zu einem Labor an derselben Universität, die auch das Instrument für den Merkur gebaut hat. Auf der Kühlbox klebte ein Etikett mit Zahlen, doppelt so viele Wasserpflanzenarten wie noch in den achtziger Jahren, fein säuberlich aufgelistet. Niemand hat das beschleunigt. Der See hat sich einfach über vierzig Jahre hinweg selbst aufgeräumt, in einem Tempo, das keine Uhr der Welt hätte anzeigen können, weil es dafür keine Sekunden gibt, nur Jahrzehnte.
Ich schlage in diesem Moment die Stunde wieder, wie ich es seit über sechshundert Jahren tue, und jeder, der unter mir steht, weiss danach, wie spät es ist, nur ich nicht wirklich, weil ich die Stunde bin und niemand sich selbst von aussen ansehen kann. Das Instrument beim Merkur hat darin einen Vorteil: Es schickt sein Licht weg und bekommt eine Antwort zurück, eine Art, sich selbst zu vermessen, die mir verwehrt bleibt. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen einer Uhr und einem Menschen, der eine Praline mit meinem Turm im Mund zergehen lässt: Er weiss wenigstens, wann er fertig gekaut hat.
Eingewobene Meldungen vom 16. September 2026:
- Die Berner Schokoladenmanufaktur Nobile lanciert eine handgefertigte Praline in Form der Zytglogge, die Bern und die Schweiz mit hochwertigen Zutaten repräsentieren soll. Plattform J
- Ein an der Universität Bern entwickeltes Laser-Instrument ist nach acht Jahren Reisezeit erfolgreich auf der Merkur-Sonde BepiColombo aktiviert worden und misst nun die Oberfläche des Planeten. Plattform J
- Im Hotel Bären in Wilderswil sorgt ein Besitzerwechsel für Kontinuität statt Umbruch, die historische Turmuhr des Hauses bleibt unangetastet. Plattform J
- Weil sich fristgerecht nur eine Kandidatin meldete, wird Myriam Bühler ab 2027 ohne Urnengang neue Gemeinderatspräsidentin von Thierachern. Plattform J
- Die Pflanzenartenvielfalt im Bielersee hat sich seit den 1980er-Jahren verdoppelt, ein Zeichen ökologischer Erholung der Unterwasserflora. Plattform J
