Ich weiss nur, wie fest heute Morgen alles hält
Ich weiss, wie viel ein Mensch wiegt, bevor er sich hinsetzt, und wie viel weniger, sobald er sich an der Haltestange festhält, und ich weiss, wie sich meine Reifen heute Morgen anders anfühlen als gestern, griffiger auf dem nassen Teer vor dem Depot in Gstaad und rauer dort, wo der erste Reif der Saison in der Senke bei Saanen noch nicht ganz weg ist, aber was in den Köpfen der Leute vorgeht, bekomme ich nur mit, wenn sie es sich gegenseitig erzählen, während sie sich an mir festhalten.
An der zweiten Haltestelle steigt eine Frau mit Gummistiefeln und einem Ordner unter dem Arm ein, die für die Schwellenkorporation Saanen arbeitet, und sie erzählt dem Fahrer, kaum dass die Tür zugeht, der Kanton habe siebenhundertzwanzigtausend Franken gesprochen für zwei Bäche, die kaum jemand mit Namen kennt, den Louibach und den Turpachbach, und dass das Geld nicht in höhere Dämme fliesse, sondern in etwas Unauffälligeres, in naturnahe Rückhaltebecken beim Gütscheli und bei der Chram-Brügg und in ausgebesserte Uferwände, deren Aufgabe es sei, dem Wasser mehr Widerstand zu bieten statt weniger, denn ein Bach, der ungehindert durchrauscht, richtet mehr Schaden an als einer, der sich an jedem Stein und jeder Kurve ein wenig reiben muss, und der Fahrer nickt nur.
Bei der Kreuzung nach Zweisimmen steigt ein älterer Mann zu, der nach Hotelteppich riecht, und er ruft einem Bekannten auf dem Trottoir noch zu, dass Hansruedi Siegenthaler aus Ittigen beim Kegeln im Hotel Simplon in Frutigen mit siebenhundertneunundneunzig Holz und vierunddreissig Neunern gewonnen habe, so deutlich, dass die übrigen wie Anfänger wirkten, und während er sich setzt und die Zahlen seinem Sitznachbarn wiederholt, denke ich, ohne dass ich dafür ein Wort hätte, an die Kugel, die über neunzig Meter Bahn weder zu sehr haftet noch zu sehr gleitet, weil Rille und Ölfilm mitentscheiden, wie weit ein Wurf trägt, und dass ein solcher Vorsprung nur gelingt, wenn jemand diesen schmalen Grat dreissigmal hintereinander trifft.
Zwei Stationen weiter steigt eine Frau mit Wanderstöcken am Rucksack zu, die eben erst aus dem Wallis zurückgekommen ist, und sie erzählt dem Mann neben ihr, während sie die Stöcke zwischen die Knie klemmt, dass oberhalb von Randa am Weisshorn ein zusammenhängender Eisblock von rund zweihundertfünfzigtausend Tonnen in Bewegung sei, bis zu zwanzig Zentimeter am Tag, und dass der zuständige Walliser Naturgefahren-Ingenieur ihr gesagt habe, man schätze die Lage dort jeden Tag neu ein, weil niemand wisse, ob das Eis in grossen Stücken breche oder in kleinen, und sie fügt an, dieser Block rutsche gar nicht, weil er brechen wolle, sondern weil sich unter ihm ein hauchdünner Film aus Schmelzwasser bilde, der dem Fels genau so viel Griff nehme, wie nötig ist, damit zweihundertfünfzigtausend Tonnen sich in Zentimetern statt in einem einzigen Moment bewegen.
Kurz vor Boltigen steigt eine junge Frau in flachen weissen Schuhen zu, deren Jacke noch nach Spital riecht, und sie erzählt ihrer Kollegin, die zwei Reihen hinter mir sitzt, mit einer Stimme, die noch nicht ganz wach ist, dass am Mittwochabend am Inselspital in Bern das ganze Klinikinformationssystem ausgefallen sei, auch in Riggisberg und Aarberg, und dass sie die ganze Nacht mit Bleistift und Papier gearbeitet habe, Zettel für Zettel, bis am Morgen wieder alles lief, und dass genau dieses langsame Reiben des Bleistifts auf dem Papier in dieser Nacht zuverlässiger gewesen sei als der sonst beinahe reibungslose digitale Fluss durch die Leitungen, und ihre Kollegin fragt nur, ob den Patienten etwas passiert sei, und die junge Frau sagt, nein, das sei zu jeder Zeit gesichert gewesen, nur habe es eben gedauert.
Kurz vor der letzten Haltestelle, dort, wo die Strasse schon nach Freiburg hinunterkippt, steigt ein Mann mit einer Rückentrage voller Gemüse zu, der am Dienstagabend bei seiner Schwester in Hauteville war, und er kann sich vor Lachen kaum auf den Sitz setzen, weil er erzählen muss, wie drei Ziegen seelenruhig aufs Dach eines Bauernhauses geklettert seien, als wäre das die normalste Sache der Welt, und wie die Bewohnerin eine halbe Stunde lang vergeblich mit Futter gelockt habe, bis endlich ein Nachbar sie herunterholte, erst im zweiten Versuch, weil die Tiere zuerst wieder hochkletterten, und er sagt zu seinem Sitznachbarn, eine Ziege habe eben vier Füsse, die sich auf jeder Neigung festhalten, während ein Mensch auf einem nassen Ziegeldach höchstens zwei habe, die ihm beide gleichzeitig davonrutschen, und ich denke, ohne ein Wort dazu zu sagen, dass der Unterschied zwischen Stehen und Fallen oft nur eine Frage ist, wessen Füsse besser greifen.
An der letzten Haltestelle bleiben alle sitzen, niemand steigt aus, und der Fahrer wendet mich auf dem kleinen Platz vor der Kirche, vorsichtig, weil der Reif in der Senke um diese Zeit noch nicht ganz weg ist, und ich spüre, wie meine Hinterreifen für einen Wimpernschlag die Haftung verlieren und sie gleich darauf wiederfinden, und das ist das Einzige, was ich von diesem ganzen Morgen mit letzter Sicherheit weiss.
Eingewobene Meldungen vom 23. Oktober 2026:
- Ein rund 250’000 Tonnen schwerer, zusammenhängender Eisblock bewegt sich am Weisshorn oberhalb von Randa VS mit bis zu 20 Zentimetern pro Tag talwärts; der Walliser Naturgefahren-Ingenieur Norbert Carlen beurteilt die Lage täglich neu, ein Kollaps bei mildem Novemberwetter in kleineren Teilstücken wäre das günstigere Szenario. 20 Minuten
- Der Kanton Bern spricht 720’000 Franken für Hochwasserschutz an Louibach und Turpachbach im Saanenland: naturnahe Rückhaltebecken beim Gütscheli und bei der Chram-Brügg sowie ausgebesserte Uferwände, zugunsten der Schwellenkorporation Saanen. Plattform J
- Am Mittwochabend fiel am Inselspital Bern das Klinikinformationssystem aus, über die Standorte Universitätsspital, Riggisberg und Aarberg hinweg; das Personal arbeitete über Nacht mit Bleistift und Papier, bis am Morgen alles wieder funktionierte, die Patientensicherheit war laut Sprecher Olivier Dischoe stets gewährleistet. SRF
- Hansruedi Siegenthaler aus Ittigen gewann die achte und letzte Jahresmeisterschaft 2026 des Freien Keglerverbands Berner Oberland im Hotel Simplon in Frutigen mit 799 Holz und 34 Neunern, deutlich vor Theo Emmenegger und Marcel Frey. Plattform J
- In Hauteville FR kletterten drei Ziegen aufs Dach eines Bauernhauses und liessen sich erst im zweiten Anlauf von einem Nachbarn mit Futter herunterholen; die Besitzer entschuldigten sich, am Haus entstand kein Schaden. 20 Minuten
