Kreatives

Die Tasche weiss es vor uns beiden

Alena: Riechst du das.

Berger: Welchen von den beiden Gerüchen, den nassen Asphalt oder das andere.

Alena: Das andere. Es kommt aus der Tasche, nicht von der Strasse.

Berger: Lass es unten liegen, bis wir bei den Hodlers sind. Das ist der Brief mit dem schwarzen Rand.

Alena: Mit schwarzem Rand, aber adressiert an ein Kind. Zwei Kinder sogar, sieben und zwölf.

Berger: Ein Todesanzeigenportal hat die beiden heute Nacht für tot erklärt, gleichzeitig, aus einer falsch gelesenen Quelle. Jetzt kommt die eigene Anzeige zu uns zurück, bevor überhaupt irgendwer gestorben ist. Der Vater hat es selbst gemerkt, nicht die Firma.

Alena: Riecht ein Irrtum anders als eine echte Anzeige.

Berger: Er riecht gleich schwer. Frisches Trauerpapier kann nicht wissen, dass es sich geirrt hat. Das merkt erst, wer den Umschlag aufmacht und die eigenen Kinder am Frühstückstisch sitzen sieht.

Alena: Und dieser hier, der ganz zuunterst, riecht nach einem fremden Postamt.

Berger: Herzogenbuchsee. Rückläufer, Adressat dort nicht mehr erreichbar. Die Software, die den Sozialdiensten im ganzen Kanton helfen sollte, läuft seit zehn Monaten nur dort, und auch nur mit halber Kraft. Zweiundfünfzig Millionen bewilligt, ein Amtsleiter, der zugibt, man sei zu früh gestartet, und fünf weitere Gemeinden, die nun warten müssen bis mindestens Mitte nächstes Jahr.

Alena: Worauf wartet ein Formular, wenn es wartet.

Berger: Auf ein Gesundheitskostenmodul, das noch nicht fertig ist. Auf Vorlagen, die noch nicht stimmen. Der Rückläufer selbst riecht nach nichts Besonderem, nur nach einem Büro, das zu lange ungelüftet war.

Alena: Fünf weitere Gemeinden warten also auf ein Programm, das es für sie noch gar nicht richtig gibt.

Berger: Genauso ist das. Man kann ein Formular nicht schneller reifen lassen, nur weil ein Kredit schon bewilligt ist.

Alena: Da, vor der kleinen Firma mit den vielen Velos, liegt ein Blatt auf dem Trottoir.

Berger: Lies es, bevor es nass wird.

Alena: Code, und quer darüber mit der Hand geschrieben: dringend patchen, zwei Lücken, Note neun Komma zwei. Jemand hat es beim Hinausrennen verloren.

Berger: Das Ganze heisst wohl Php2Shell. Fremde können fremde Server übernehmen, ohne sich anzumelden, wenn niemand rechtzeitig flickt. Das eigentliche Update kam vorgestern Nachmittag, Punkt vier Uhr, von den Leuten, die die Sprache pflegen.

Alena: Und bei uns.

Berger: Bisher nichts Bekanntes. Bisher heisst hier: noch.

Alena: Das Blatt riecht nach frischem Toner. Als wäre es erst vor einer Stunde aus dem Drucker gekommen.

Berger: Komm, der Boden hier vorne knirscht. Spürst du das.

Alena: Das ist Verputz. Ganz feiner, weisser Staub, quer über der Türschwelle.

Berger: Letzte Nacht hat die Erde in der Waadt kurz gezittert, Stärke dreikommaacht, bis hierher zu spüren. Keine Schäden gemeldet, nur dieser eine Riss über der Hauswand, der vorher nicht da war.

Alena: Er schmeckt nach Kalk, wenn man nah genug drangeht.

Berger: Nicht dranlecken, Alena.

Alena: Und die hier, ganz oben, die Postkarte mit dem zerknickten Eck.

Berger: Von deiner Tante, die am Äquator arbeitet. Lies vor.

Alena: Sie schreibt, das Meer sei nicht mehr grün, sondern tiefblau geworden, so blau, dass die Fischer es nicht mögen. Ein Satellit habe es von oben fotografiert.

Berger: Weniger kleine Algen im Wasser, darum die andere Farbe. Was hübsch aussieht, bedeutet für die Fische dort weniger zu fressen, und für die Menschen, die von den Fischen leben, am Ende dasselbe.

Alena: Und das soll nächstes Jahr noch stärker werden, schreibt sie. Ein Rekord-El-Niño.

Berger: Möglich. Das Meer hält kein Tagebuch, aber es merkt sich trotzdem jedes Jahr, in dem die Winde ausgeblieben sind.

Alena: Riecht eine Postkarte nach dem Meer, das sie beschreibt.

Berger: Nein. Aber du stellst es dir gerade vor, und das reicht fast.

Alena: Fünf Umschläge, fünf Gerüche, und keiner davon war das Ereignis selbst. Nur das, was danach noch irgendwo kleben blieb.

Berger: So ist das mit Papier. Es speichert am längsten das, was längst vorbei ist.

Alena: Und mit uns.

Berger: Komm, die Hodlers warten, auch wenn sie noch gar nicht wissen, worauf.


Eingewobene Meldungen vom 22. Oktober 2026:

  • Das Todesanzeigenportal todesanzeigenportal.ch (Betreiberin Famads AG) erklärte zwei lebende Brüder (7 und 12) aus dem Bezirk Baden AG fälschlich für tot; Ursache war laut Firma ein Fehler bei der Auswertung einer Quelle, der Vater bemerkte den Irrtum, die Einträge wurden gelöscht. 20 Minuten
  • Das Neue Fallführungssystem (NFFS) des Kantons Bern für die Sozialdienste steckt in der Krise: Nach einem 2023 bewilligten Kredit von 52 Millionen Franken läuft die Software seit Dezember 2025 bislang nur eingeschränkt in der Pilotgemeinde Herzogenbuchsee, weitere Gemeinden starten frühestens Mitte 2027, Amtsleiter Manuel Michel spricht von einer «schwierigen Phase», Mehrkosten drohen. Inside IT
  • Unter dem Namen PHP2Shell wurden zwei kritische PHP-Sicherheitslücken (CVE-2026-109618 und CVE-2026-109619, CVSS 9.2) bekannt, die unangemeldete Codeausführung auf Servern erlauben und CMS wie WordPress, Joomla und Drupal sowie Shopsysteme wie Magento und Shopware betreffen können; ausserplanmässige Updates erschienen am 21. Oktober um 16 Uhr, aktive Angriffe sind noch nicht bestätigt, laut Inside IT blieb die Schweiz bisher verschont. Sicher im Netz
  • Nasa-Satellitenbilder zeigen, wie sich der westliche Pazifik am Äquator durch einen erwarteten starken El Niño von Grün zu Tiefblau verfärbt, weil die fehlende Durchmischung des Wassers die Phytoplankton-Konzentration sinken lässt; Folgen drohen für Fische, Seevögel und die Fischerei vieler Küstenbewohner, UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher warnt vor wirtschaftlichen Folgen. 20 Minuten
  • Ein Erdbeben der Stärke 3,8 wurde in der Waadt und darüber hinaus in der Schweiz verspürt, Schäden sind keine gemeldet. 20 Minuten

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