Drei Fundstücke am Zaun der Sollmatt
Das jüngste Kalb der Wisentherde bei Welschenrohr kennt den Elektrozaun sein ganzes Leben, und bis zu diesem Samstag kannte es nur einen einzigen Satz darüber: Der Zaun hält Kälber drinnen. An diesem Samstag irrte es sich dreimal.
Vierzehn Wisente leben inzwischen auf der Sollmatt, seit die ersten fünf vor vier Jahren einzogen, und sie haben in dieser Zeit an neun von hundert Bäumen die Rinde abgeschält, aber die jungen Triebe verschont, und auf den Wiesen, die sie mitbenutzen, wächst seither ein Fünftel weniger Heu, wofür die Bauern nebenan mit einem eigenen, viel dünneren Draht entschädigt werden. Über fünftausend Menschen sind seit der Eröffnung zu Besuch gekommen, um das alles aus sicherem Abstand zu betrachten, und keiner von ihnen hat je einen Wisent berührt.
Der erste Irrtum kam mit dem Wind, der schon seltsam roch, bevor irgendjemand auf der Weide das Wort Sturm hätte buchstabieren können. Weit im Westen hatte derselbe Wind, von den Meteorologen Austen genannt, eine Trauerweide in der Bretagne gefällt, hunderteinundsechzigtausend Haushalte ohne Strom gelassen und in Cornwall Fähren und Flugzeuge am Boden gehalten, bevor er sich binnen eines einzigen Tages über den ganzen Kontinent bis in den Jura durcharbeitete. Das Kalb wusste davon nichts. Es wusste nur, dass am Zaun ein fransiger Aufkleber klebte, viereckig, schwarzweiss gemustert, vorher nicht da gewesen, und es drückte die Nase dagegen, bis er sich löste und über die Weide tanzte. In Thun, eine Bergkette weiter westlich, hatte am Tag zuvor jemand genau solche Aufkleber von Parkuhren gekratzt, weil sie Leute dazu bringen sollten, ihr Geld an die falsche Adresse zu schicken. Das Kalb hielt den Fetzen für Beute. Er war keine.
Der zweite Irrtum kam am Mittag. Eine der Wächterinnen blieb am äusseren Pfosten stehen und glättete einen regennassen Lieferschein, den ihr der Wind zwischen die Stiefel gelegt hatte, Absender eine Medienwerkstatt im Thurgau, die zwei Wochen zuvor über Nacht ihre Rechner vom Netz nehmen musste, weil sich jemand hundertdreissig Gigabyte Kundendaten genommen hatte, ohne zu fragen, und seither jede Drucksache zweimal prüft, bevor sie das Haus verlässt. Die Wächterin sagte kein Wort, faltete den Schein und steckte ihn ein. Das Kalb hielt das Papier für wertlos. Für die Firma im Thurgau war es das genaue Gegenteil.
Der dritte Irrtum, der schwerste, kam, als der Himmel schon die Farbe von Zaundraht hatte. Die Herde drängte sich um das jüngste Kalb, damit der erste Guss an ihren Flanken abprallte statt an seinem, und genau da sah es durch den Regen hindurch, wie der Mann, der sonst mit dem Kaffeebecher am Zaun steht, an diesem Samstag einen dicken Vertrag auf der Kühlerhaube liegen hatte und mit dem Kugelschreiber eine einzige Zeile durchstrich, ohne zu unterschreiben. Er war Redaktor bei einer Zeitung, die ab dem 30. Oktober ihre Texte kostenlos einem amerikanischen Konzern hätte überlassen sollen, und sein Verband verlangte in diesen Tagen nur eines: dass wenigstens gefragt und bezahlt wird, bevor sich jemand nimmt, was er nicht selbst geschrieben hat. Das Kalb hielt die durchgestrichene Zeile für Unsinn. Vielleicht war sie die einzige vernünftige Zeile des Tages.
Am Abend zog Austen über die Sollmatt hinweg und liess nicht mehr zurück als ein paar geknickte Halme und einen umgewehten Picknicktisch. Das Kalb stand wieder am selben Pfosten wie am Morgen und wünschte sich, einmal zu erfahren, was der Aufkleber, der Lieferschein und die durchgestrichene Zeile eigentlich miteinander zu tun hatten. Der Zaun gab darauf keine Antwort. Er summte nur weiter, gleichmässig und unbeeindruckt, und hielt, was er schon immer gehalten hatte: nicht nur ein Kalb drinnen, sondern an diesem einen Samstag auch drei fremde Geschichten draussen, die alle von derselben Sache handelten, und keine von ihnen wusste es.
Eingewobene Meldungen vom 24. Oktober 2026:
- Der Verein Wisent Thal zieht nach vier Jahren Testphase auf der Sollmatt bei Welschenrohr SO Bilanz: Aus den ersten fünf Tieren (seit September 2022) ist eine stabile Herde von 14 Wisenten geworden, 9 Prozent der untersuchten Bäume weisen Schälspuren auf, der Heuertrag auf mitgenutzten Wiesen sank um rund einen Fünftel, einfache Elektrozäune schützten die Nachbarflächen wirksam, rund 5200 Besucherinnen und Besucher nahmen an Führungen teil. Plattform J
- Die Kantonspolizei Bern warnt vor gefälschten QR-Code-Aufklebern auf Parkuhren, die auf Fake-Bezahlseiten führen; die Stadt Thun meldete manipulierte Aufkleber an mehreren Parksäulen und kontrolliert nun sämtliche Parkplätze. Plattform J
- Sturmtief „Austen» fegt über Westeuropa: Auf der Insel Ouessant wurden Böen von 143 km/h gemessen, in der Bretagne, den Pays de la Loire und der Normandie waren 161’000 Haushalte ohne Strom, in Cornwall fielen Fähren und Flüge aus, die Schweiz bekam den Sturm ab Mittag mit Böen von 60 bis 80 km/h im Flachland zu spüren. 20 Minuten
- Die Thurgauer Medienwerkstatt in Sulgen (Tochtergesellschaft der Mattenbach-Gruppe) meldete einen Cybervorfall: Am 9. Oktober fielen ungewöhnliche Aktivitäten auf, die Systeme wurden vom Netz genommen, eine Ransomware-Gruppe erbeutete laut eigenen, nicht unabhängig bestätigten Angaben 130 Gigabyte an Kontakt-, Produktions- und Auftragsdaten; der Betrieb läuft inzwischen wieder normal. Inside IT
- Der Schweizer Verlegerverband lehnt neue Geschäftsbedingungen von Meta ab, die dem Konzern ab dem 30. Oktober das Erfassen journalistischer Inhalte ohne gesonderte Zustimmung oder Vergütung erlauben würden, und verlangt zusammen mit dem Weltverlegerverband WAN-IFRA eine Aussetzung der Regelung sowie eine rasche Umsetzung des parlamentarischen Vorstosses für besseren Schutz vor KI-Nutzung. Inside IT
