Kreatives

Der Wind kam von der falschen Seite

Ich rieche den Fluss, bevor ich ihn sehe, das ist bei mir immer so, Wasser hat einen eigenen Geruch, kühl und ein wenig nach Eisen, ganz anders als der süsse Dunst, der mich sonst zu den Blüten zieht, und an diesem Morgen, dem letzten warmen, den mir der Spätsommer im Diemtigtal noch schuldet, folgt mein Flug ihm bis an die Aare bei Thun, wo ich zwischen zwei Steinen eine Spur finde, die mich innehalten lässt: ein Abdruck im nassen Sand, fünf Zehen, eine Schwimmhaut dazwischen, und daneben, sauber abgenagt und noch feucht, die Gräten eines Fisches.

Kein Mensch hat mir gesagt, was das bedeutet, ich kenne nur den Geruch, frisch, keine Stunde alt, und das Rascheln im Schilf, das schneller schwimmt, als ich je fliegen könnte. Später, an einem stillen Weiher weiter oben, sehe ich Menschen tief über genau so einen Abdruck gebeugt, sie riechen selber daran, wie ich das nie täte, und ihre Gesichter falten sich in eine Freude, die ich sonst nur kenne, wenn eine ganze Kirschbaumreihe gleichzeitig aufblüht. Der Fischotter ist zurück in dieser Gegend, nach Jahrzehnten, in denen es ihn hier nicht mehr gab, und wo er wieder jagt, ist das Wasser wieder sauber genug, um ihn zu tragen.

Der Wind an diesem Tag kommt aus der falschen Richtung, das spüre ich schon beim Abflug, warm und trocken, obwohl der September längst hätte kühler werden sollen, und er bringt mich aus dem Takt, den ich sonst nie verliere. Über einem Feld, das nach Erde riecht, die zu lange auf Regen gewartet hat, finde ich die nächste Spur: aufgerissene Furchen, viel zu kleine Knollen am Boden liegen gelassen, weil sie die Sortiermaschine nicht mehr durchlässt. Diese Kartoffelernte ist die kleinste, seit es hier überhaupt Aufzeichnungen gibt, und wer genau hinriecht, riecht auch, warum: trockene, harte Erde gibt weniger her, ganz gleich, wie viele Blüten ich im Frühling darüber gezählt habe.

Am Waldrand oberhalb von Matten, wo ich sonst kaum je hinkomme, hängt ein anderer Geruch in der Luft, scharf und künstlich, nach Harz, das keine Fichte je hervorgebracht hat. Zwischen zerschnittenen Fasermatten, die wie Spinnennetze aus grauem Zwirn aussehen, testen zwei Menschen ein kleines, sehr leichtes Flugding, das lautlos über die Lichtung gleitet und dann in der Luft zerbricht, ohne dass jemand erschrickt, im Gegenteil, sie klatschen. Was ich aus dem Zerbrechen selbst begreife: Diese Menschen bauen Flugzeugteile, die sich am Ende ihres Lebens wieder in ihre Fasern zerlegen lassen, statt für immer Abfall zu bleiben, und das kleine Ding, das ich zerbrechen sah, war nur ein Modell davon, absichtlich zum Scheitern gebaut.

Die vierte Spur ist die seltsamste, ich finde sie unter dem alten Turm bei einer Kirche, wo ein Gestell aus Metall seit Tagen unbewegt steht, mit Kabeln, die schwach summen, in einer Frequenz, die selbst mein Ohr kaum von der Stille unterscheidet. Was das Gestell dort zählt, kann ich nicht wissen, aber die Menschen, die es aufgestellt haben, nennen es Myonenstrahl und wollen damit ins Innere von altem Gemäuer blicken, ohne einen einzigen Stein zu berühren, indem sie zählen, wie viele der unsichtbaren Teilchen, die ständig vom Himmel auf uns alle niederregnen, durch den Turm hindurchkommen und wie viele nicht. Wo weniger durchkommen, ist mehr Stein. So liest man ein Bauwerk von aussen, ohne es je zu öffnen.

Auf dem Heimweg zieht die Föhnluft die Wolken so dünn, dass die Sonne nur noch als heller Fleck zu ahnen ist, kein Punkt, keine Richtung, nichts, woran ein Mensch sich orientieren würde. Ich aber sehe, was hinter dem Dunst liegt, ein Muster aus Streifen am ganzen Himmel, das kein Auge sieht, das nicht dafür gebaut ist, und diesem Muster folge ich nach Hause, so zuverlässig wie an jedem klaren Tag, während unter mir die Kartoffelfurchen, das Otterrevier und das summende Gestell am Kirchturm alle auf ihre eigene Art dasselbe tun: etwas lesen, das sich nicht direkt zeigt, sondern nur in dem, was hindurchkommt oder eben nicht.

Am Stock, kurz bevor ich lande, kreuzt eine Frage meinen Weg, ohne dass ich sie beantworten könnte: Ob der Fluss auch dann noch nach Eisen riecht, wenn ich das nächste Mal an ihm entlangfliege, oder ob der falsche Wind bis dahin auch das noch verschoben hat.


Eingewobene Meldungen vom 4. September 2026:

  • Der Fischotter ist nach Jahrzehnten der Abwesenheit in der Region Thun zurück – ein Indikator für gute Wasserqualität. SRF Regionaljournal Bern Freiburg Wallis
  • Die Schweizer Kartoffelernte 2026 fällt wegen Hitze und Trockenheit mit 333’000 Tonnen auf ein Rekordtief seit Beginn der Aufzeichnungen; der Bauernverband kritisiert die vorgesehenen Zuschläge als ungenügend. SRF, Plattform J
  • Schweizer Forscherinnen und Forscher entwickeln einen recycelbaren Verbundwerkstoff für Flugzeugteile, der sich am Lebensende wieder in seine Fasern zerlegen lässt. Plattform J
  • Ein Rekord-Myonenstrahl soll Schweizer Forschenden erlauben, mit natürlich vorkommenden Elementarteilchen ins Innere von Bauwerken und Kulturgütern zu blicken, ohne sie zu öffnen. SRF
  • Ein seltener Hitzetag mit bis zu 33 Grad kehrt dank einer ungewöhnlichen Luftherkunft Anfang September in die Schweiz zurück. 20 Minuten, SRF Meteo

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