Kreatives

Zwei Massstäbe für denselben Lärm

«Wie viele Stunden hast du heute schon?»

«Ein Trottinett zählt nicht in Stunden. Ich zähle in Metern und in einem Wort, das meine Halterin heute Morgen benutzt hat: Ärger.»

«Das kenne ich. Ich zähle in Dezibel. Achtzig, sagt die Weltgesundheitsorganisation, sind für vierzig Stunden pro Woche noch vertretbar. Bei dreiundachtzig sind es nur noch zwanzig. Alle drei Dezibel mehr halbiert meine erlaubte Zeit. Priska hatte mich heute schon auf sechsundachtzig, im Grossraumbüro, gegen den Kollegenlärm. Zehn Stunden wären erlaubt gewesen. Ich habe mitgezählt: sieben Stunden vierzehn, bis sie mich abgesetzt hat, weil ihr die Ohren dumpf wurden.»

«Und was macht dumpf wieder hell?»

«Nichts, sagt der Mann, der sie berät. Ein Hörgeräteakustiker. Geschädigtes Gehör bleibt geschädigt, es gibt keine Reparatur, nur Gewöhnung an weniger. Bei mir wächst nichts nach, was einmal kaputt ist. Bei einem Vogel schon. Bei einem Fisch auch, die Sinneszellen in seiner Seitenlinie erneuern sich ein Leben lang. Nur bei Priska und ihresgleichen ist die Ausstattung, mit der sie geboren werden, die einzige, die sie je bekommen.»

«Ich habe heute vierzehn Minuten am Robert-Walser-Platz gestanden, mitten auf dem Trottoir. Eine Frau mit Rollator musste auf die Strasse ausweichen. Das war Punkt eins von Frau Schlatters Liste. Punkt zwei: Ich verursache Unfälle, siebenundsiebzig Schwerverletzte im ersten Halbjahr, achtzehn Prozent mehr als im Vorjahr. Punkt drei: Ich brauche Platz. Zürich hat letzte Woche beschlossen, ein Drittel von uns wegzunehmen und den Rest nur noch in feste Zonen zu stellen.»

«Das klingt nach Strafe.»

«Es klingt nach Zone. Ich kann damit leben. Die Frage ist, ob ich dadurch weniger nütze. Ein Professor aus St. Gallen sagt, wer mit mir zur Haltestelle fährt, steigt öfter auf den öffentlichen Verkehr um, statt das Auto zu nehmen. Das zählt niemand in Dezibel.»

«Ich war am Samstag im Stadion. Nicht ich selbst, Priska trug mich unter der Jacke, wegen der Durchsagen, die ich nicht hören durfte, aber lassen wir das. Was ich gemessen habe: Pyros und Gebrüll, kurz über neunzig Dezibel. Der Grosse Rat hat am Mittwoch entschieden, dagegen vorzugehen. Schnellverfahren, achtundneunzig zu neunundvierzig Stimmen. Videoüberwachung mit Gesichtserkennung, hundert zu achtundvierzig. Personalisierte Tickets, vierundsiebzig zu dreiundsiebzig, ganz knapp. Dabei sind es, wenn man das Feuerwerk ohne Verletzte weglässt, achtundfünfzig Gewaltvorfälle bei fünfhundertzwölf Spielen und drei Millionen Zuschauenden. Eine Ratsfrau hat dagegengehalten: Letztes Jahr gab es schweizweit über zweiundzwanzigtausend Straftaten wegen häuslicher Gewalt. Sie fragte, wo die Ressourcen wirklich hingehören.»

«Da rechnen zwei mit derselben Zahl an verschiedenen Enden.»

«Genau das würde mir zu schaffen machen, hätte ich einen Kopf, der sich damit befassen könnte. Ich zähle nur.»

«Weisst du, was ich diese Woche gezählt habe, wo niemand zählte? Chiasso. Dreissig Minuten Wartezeit an der Grenze, jetzt zehn Sekunden. Fünfzigtausend Formulare im Monat, jetzt keines mehr auf Papier. Das Digitalisierungsprogramm beim Zoll ist fertig, hundertfünfundzwanzig Millionen Franken soll es die Wirtschaft künftig jährlich weniger kosten. Kein Motor mehr, der dreissig Minuten im Leerlauf brummt. Das war auch Lärm. Nur hat ihn nie jemand als solchen gezählt.»

«Zehn Sekunden Wartezeit klingen fast nach einem Konzert. Am Wacken haben Forschende hundertzweiundzwanzig Freiwillige nach dem Metal-Konzert die Hand ins Eiswasser halten lassen. Sie empfanden nicht weniger Schmerz. Sie hielten ihn nur länger aus.»

«Und was heisst das für dich?»

«Dass Lautstärke offenbar nicht nur schadet. Manchmal macht sie auch härter, kurz bevor sie schadet. Ich weiss nur nicht, wo genau die Grenze zwischen den beiden liegt.»

«Ich auch nicht. Ich zähle nur Meter und Ärger.»

«Und ich Dezibel und Stunden. Wer zählt eigentlich das, was übrig bleibt, wenn beide Zahlen bei null sind?»


Eingewobene Meldungen vom 3. September 2026:

  • WHO-Richtwerte zur Kopfhörer-Lautstärke: bei 80 Dezibel maximal 40 Stunden pro Woche, bei 83 Dezibel noch 20 Stunden, bei 86 Dezibel noch 10 Stunden; Gehörschäden sind laut Hörgeräteakustiker René Bürgin nicht heilbar. SRF
  • Forschende des Max-Planck-Instituts liessen am Wacken-Open-Air 122 Freiwillige vor und nach Heavy-Metal-Konzerten ein Eisbad testen: Die Schmerztoleranz stieg nach dem Konzert, das Schmerzempfinden selbst blieb gleich. SRF
  • Der Berner Grosse Rat beschloss am 2. September schärfere Massnahmen gegen Fangewalt (Schnellverfahren 98:49, Videoüberwachung mit Gesichtserkennung 100:48, personalisierte Tickets 74:73), obwohl die Fallzahlen rückläufig sind: 58 Gewaltvorfälle bei 512 Spielen und über 3 Millionen Fans in der Saison 2025/2026. Plattform J
  • Die Stadt Zürich reduziert die Zahl vermieteter E-Trottinetts um rund ein Drittel und schreibt feste Abstellzonen vor; im ersten Halbjahr 2026 zählte der Bund 77 Schwerverletzte bei E-Scooter-Unfällen, 18 Prozent mehr als im Vorjahr. SRF
  • Das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit schliesst sein Digitalisierungsprogramm Dazit Ende Jahr ab: Die Wartezeit in Chiasso sank von 30 Minuten auf 10 Sekunden, die Regulierungskosten für die Wirtschaft sollen bis 2030 um 125 Millionen Franken jährlich sinken. Plattform J

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