Kreatives

Der Tau, der einen Faden fand, bevor er ging

Es war einmal ein Tau, der in einer einzigen Nacht über das ganze Land zwischen dem Brienzersee und dem Bielersee fiel, und weil sein ganzes Leben nur ein paar Morgenstunden dauerte, wollte er, bevor ihn die Sonne wieder zu sich holte, unbedingt noch eine Sache herausfinden: ob es für die Weite, die man erreicht, überhaupt eine Rolle spielt, wie gross man ist.

Sein erster Tropfen landete auf einem Grasbüschel am Ufer des Brienzersees, dort, wo tags zuvor Vermessungsleute Stäbe in den Boden geschlagen hatten, um zu markieren, wohin der Milibach künftig fliessen soll, weil man ihn nach Westen verlegen will, damit er bei Hochwasser nicht mehr durchs Dorf drängt. Eine Bäuerin, die den Männern am Vortag über die Schulter geschaut hatte, erzählte ihrem Nachbarn, der zu spät gekommen war, was man ihr erklärt hatte: dass die ganze Bevölkerung nun bis Ende September mitreden dürfe und am siebzehnten sogar persönlich mit den Verantwortlichen sprechen könne, weil ein Bach, der seine Richtung ändert, das nicht allein entscheiden sollte. Der Tau, der selbst nie gefragt und nie vermessen wurde, hörte zu und fand es merkwürdig, wie viele Menschen es brauchte, um einem einzigen Bach eine neue Richtung zu geben, während er selbst seine eigene Richtung nie kannte, bis der Wind sie ihm vorgab.

Sein zweiter Versuch führte ihn, vom ersten schwachen Morgenwind getragen, weiter ins Berner Jura, auf das Vordach einer Scheune in Reconvilier, wo schon vor Sonnenaufgang die ersten Marktleute ihre Stände aufbauten für den Schindelmärit, jenen Markt, den es dort schon seit vierhundert Jahren gibt und zu dem morgen und übermorgen fünfzigtausend Menschen erwartet werden. Eine Standbetreiberin, die schon seit vier Uhr auf den Beinen war, erzählte ihrem müden Nachbarn vom Stand nebenan, sie habe von einer Cousine aus Zürich gehört, dort habe man tatsächlich eintausend Freiwilligen Unterhosen vergraben lassen, absichtlich, für die Wissenschaft, um am Grad der Verrottung nach zwei Monaten abzulesen, wie fruchtbar ein Boden wirklich sei, und dass ausgerechnet dafür ein Preis verliehen worden sei, zum ersten Mal ausserhalb von Amerika. Der Tau, der auf genau so einem Boden lag, den man in Reconvilier seit vierhundert Jahren beackerte, ohne dass es dafür je einen Preis gebraucht hätte, fand auch das eine tröstliche Nachricht.

Sein dritter Tropfen landete auf einem Fenstersims in Biel, hinter dem zwei Nachbarinnen im Treppenhaus stehen geblieben waren, weil die eine der anderen erklären wollte, wie ihr Haus zusammen mit einem Dutzend anderer eine eigene Stromgemeinschaft gegründet hatte: keine grosse Zentrale, kein einziges Kraftwerk für alle, sondern viele kleine Dächer, die sich den Strom, den die Sonne gerade liefert, untereinander zuschieben, mal die eine Seite mehr, mal die andere, ganz ohne dass jemand das von oben verteilen müsste. Kaum war der Satz zu Ende, kam der erste richtige Windstoss des Tages, warm und trocken, und er nahm den zweiten und den dritten Tropfen einfach mit, bevor sie überhaupt begriffen hatten, was mit ihnen geschah.

Nur der erste Tropfen, der am Milibach, hielt stand, und zwar nicht, weil er kräftiger gewesen wäre, sondern weil er sich, ohne es zu merken, an einen einzelnen Spinnfaden gehängt hatte, der quer über das Gras gespannt war. Ein Tropfen an einem schmalen Faden hält sich anders als einer auf offener Fläche: Die Oberfläche selbst zieht ihn entlang der schmalen Bahn, als gäbe es dort eine unsichtbare Rinne, und je enger der Weg, desto fester der Halt, ganz gegen die Erwartung, dass mehr Platz auch mehr Sicherheit bedeuten müsste. Genau umgekehrt war es: Der schmalste Weg war der einzige, der etwas festhielt, während die offene Fläche des Fenstersimses nichts geboten hatte, woran sich ein Tropfen hätte klammern können.

Und da wusste der Tau, was er wissen wollte, ohne dass es ihm noch jemand hätte erklären müssen: Weder die Bäuerin am Milibach noch die Marktleute in Reconvilier noch die Nachbarinnen in Biel hatten je gefragt, wie viel Wasser, wie viel Volk oder wie viel Strom an einem Ort zusammenkommt. Gross oder klein hatte davon gar nichts entschieden; entschieden hatte einzig, ob unterwegs ein schmaler, guter Weg vorhanden war, der zu dem Ort führte, wo als Nächstes etwas gebraucht wurde.

Und als die Sonne dann doch noch kam, wie sie es jeden Morgen tut, verschwand auch der letzte Tropfen, aber nicht spurlos: Er hinterliess, für die Dauer eines Wimpernschlags, einen dunklen Punkt genau dort, wo der Faden gewesen war, und dieser Punkt trocknete als Letzter von allen, ganz so, als hätte er es nicht eilig gehabt.


Eingewobene Meldungen vom 5. September 2026:

  • Die Pläne zur Verlegung des Milibachs bei Brienz nach Westen («Brienz West») liegen vor: Die Bevölkerung kann sich bis 30. September einbringen, am 17. September findet zusätzlich eine Sprechstunde mit den Projektverantwortlichen statt. Plattform J
  • Am Wochenende erwartet der traditionelle Schindelmärit («Foire de Chaindon») in Reconvilier im Berner Jura rund 50’000 Besuchende und über 550 Aussteller; die Landwirtschaftsmesse mit fast 400-jähriger Geschichte steht auf der Liste des immateriellen Kulturerbes der Schweiz. Plattform J
  • Nach sechs Monaten gibt es in der Schweiz bereits rund 1800 lokale Stromgemeinschaften, in denen sich Nachbarschaften selbst produzierten Solarstrom direkt zuschieben, ganz ohne zentrales Kraftwerk. Plattform J
  • Erstmals ausserhalb der USA wurden die Ig-Nobelpreise verliehen, im Zürcher Kongresshaus: Unter den Ausgezeichneten ein Schweizer Bodenkunde-Team, das 1000 Freiwillige Unterhosen vergraben liess, um am Verrottungsgrad die Fruchtbarkeit des Bodens abzulesen. SRF

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