Kreatives

Der Bordcomputer kennt den Weg, das Paket kennt sich selbst

Bordcomputer: Seit sieben Uhr trägt meine Karte bei Ostermundigen ein rotes Dreieck, das gestern noch nicht da war, dazu nur eine Umleitung, drei Ecken weiter über die Bernstrasse, keine Erklärung.

Paket: Ich rieche seit zwei Halten frisches Sägemehl durch meine eigene Verpackung hindurch, und in einer Ritze am Karton klebt Konfetti, das nicht von mir stammt.

Bordcomputer: Das Dreieck kommt wahrscheinlich davon, dass am Sonntag 3250 Stimmen für etwas zusammenkamen, das jetzt gebaut werden darf, 69 Meter hoch, meldet eine Zusatzzeile im Kartenupdate, mehrheitlich aus Holz.

Paket: Das würde das Sägemehl erklären. Ich weiss nur, was an mir klebt, nie, wofür es steht. 69 Meter ist für mich eine Zahl ohne Richtung, ich habe kein Oben, seit man mich quer in den Laderaum gestellt hat.

Bordcomputer: Ich habe nur eine Richtung, und die kenne ich bloss, weil man sie mir einmal genannt hat, gesehen habe ich Norden nie.

Paket: Dann wissen wir beide nur, was übrigbleibt. Mein Absenderfeld behauptet Sofia, Bulgarien, nicht weil ich dort war, sondern weil ein Aufkleber es sagt.

Bordcomputer: Sofia deckt sich mit einem Eintrag in meiner Frachtpartner-Datenbank, die sich letzte Nacht aktualisiert hat: Ein Hersteller mit bulgarischem Gründungsjahr gehört seit dieser Woche einem französischen Konzern, für eine Summe mit neun Nullen, die ich nur als Feld verstehe, nicht als Betrag.

Paket: Neun Nullen, und ich weiss nicht einmal, was in mir drinsteckt. Nur, dass es leicht klickt, wenn man mich schüttelt, wie ein Schalter ohne Kabel.

Bordcomputer: Ein Schalter ohne Kabel würde zum Absender passen. Er baut seit über zehn Jahren genau solche Schalter, für Häuser, die sich selbst regeln wollen, auch wenn niemand zu Hause ist.

Paket: Dann bin ich vielleicht einer davon, unterwegs zu einem Haus, das mich schon erwartet, ohne mich zu kennen.

Bordcomputer: Kurz vor dem Flughafen stand heute ein Streifen der Strasse gesperrt, den es letzte Woche noch nicht gab, mit einem Feld, das ich noch nie ausfüllen musste: Kühlkette, Kategorie lebend.

Paket: Lebend?

Bordcomputer: Mehr weiss ich nicht. Nur, dass dort gestern ein Flugzeug mit einem Spitznamen aus meiner Frachtpartner-Liste gelandet sein muss, 16 Stunden aus Chengdu, mit einer Ladung, die einen eigenen Monat Quarantäne bekommt, bevor sie irgendjemand zu sehen kriegt.

Paket: Quarantäne kenne ich. So nennt sich die Regel, nach der ich erst geöffnet werden darf, wenn ich am Zielort bin, nicht früher, auch wenn es längst juckt.

Bordcomputer: An der Kreuzung vor dem Feldweg klebte heute an einem Laternenmast ein kleines Kästchen mit einem neuen Aufkleber, Bundesamt für Gesundheit, seit 2013, gesehen habe ich es nur, weil die Hecktür dort zwanzig Sekunden offenstand.

Paket: Was für ein Kästchen, was stand drauf?

Bordcomputer: Eine Falle, glaube ich, für ein Insekt, das von Süden her langsam nach Norden wandert, Kanton für Kanton, seit Jahren, ohne dass es dafür eine einzige Ausnahme gäbe.

Paket: Wieder eine Richtung, die keiner von uns beiden sieht, nur ihre Spur: ein Kästchen, ein rotes Dreieck, ein Aufkleber, eine Summe mit neun Nullen.

Bordcomputer: Wir beide waren bei keinem einzigen Ereignis wirklich dabei. Nur bei dem, was danach noch herumlag und sich beglaubigen liess, ein Stimmenprotokoll, eine Handelsregistereintragung, ein Gesundheitszeugnis, ein Bericht mit Kantonsliste.

Paket: Vielleicht zählt das schon als dabei gewesen sein.

Bordcomputer: Vielleicht. Gleich links, dann ist deine Adresse erreicht, ich habe die Richtung, dir bleiben noch zwei Minuten, um zu üben, was du sagen willst, wenn man dich endlich öffnet.


Eingewobene Meldungen vom 28. September 2026:

  • Ostermundigen stimmt mit 79,5 Prozent Ja (rund 3250 Stimmen, Beteiligung 40,8 Prozent) dem 69 Meter hohen Holz-Hochhaus «Werkstadthaus» beim Bahnhof zu. Berner Zeitung
  • Der französische Konzern Schneider Electric übernimmt den bulgarischen Hausautomations-Hersteller Shelly Group für rund 1,2 Milliarden Euro (70 Euro pro Aktie), Abschluss der Transaktion im ersten Quartal 2027 geplant. tink.de
  • Die Pandas Ping Ping und Fu Shuang fliegen 16 Stunden von Chengdu nach Atlanta an Bord einer FedEx-Boeing-777 («Panda Express») und gehen nach rund einem Monat Quarantäne in Zoo Atlanta auf Sicht. 20min
  • Der Bundesrat sieht die Schweiz gegen die Asiatische Tigermücke gewappnet: etabliert in Genf, Basel-Stadt und Tessin, Monitoring seit 2013, sterile-Insekten-Technik im Tessin auf 21 Gemeinden ausgeweitet, bisher keine lokal übertragenen Tropenkrankheiten. Nau.ch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert