Was zurückkommt und was nicht
Bevor ich auch nur einen Meter fliege, schicke ich einen Ruf voraus und warte, was davon zurückkommt, erst dann folge ich ihm nach. Ich heisse Milli, ich bin eine Zwergfledermaus, ich wiege ungefähr so viel wie ein Zweifrankenstück, und ich sehe die Welt kaum, ich höre sie mir zusammen, Echo für Echo, während ich in der Dämmerung über dem Dorfplatz von Wattenwil kreise und auf die ersten Motten warte, die ums Licht der Kirchturmlampe taumeln.
Was in dieser Nacht geschieht, erfahre ich nie aus erster Hand, sondern immer aus zweiter, aus den Stimmen der Leute, die unter mir stehen und einander erzählen, was sie selbst erlebt haben, während über ihren Köpfen längst die Dunkelheit entschieden hat, wer hier noch etwas sieht und wer nur noch etwas hört.
Am Brunnen erzählt eine Frau mit Wanderstöcken ihrem Nachbarn, sie sei gestern früh im Urner Schächental gewesen, als sich an der Nordwand des Gross Ruchen, fast dreitausend Meter oben, zweitausend Kubikmeter Fels lösten und eine Staubwolke weit ins Tal hinunterzogen, so dicht, dass Leute im Tal einander fragten, woher der Rauch komme, dabei sei niemand verletzt worden, der Kanton vermute, wochenlange Hitze habe das Eis tief im Gestein von innen weggeschmolzen, unsichtbar, bis der Fels seinem eigenen Gewicht nicht mehr standhielt.
Ein paar Häuser weiter, vor der offenen Gartenwirtschaft, hört sie fast dieselbe Geschichte in einer anderen Sprache: ein Pendler erzählt seinem Tischnachbarn, er sei heute Nachmittag im Zürcher Furttal zum ersten Mal in einem Auto ohne Lenker gesessen, eines von drei kleinen Elektrowagen, die zwischen vier Dörfern fast hundert feste Haltepunkte anfahren, für viereinhalb Franken Grundtaxe plus knapp vierzig Rappen pro Kilometer, und dass der Wagen kurz zuvor mit gemächlichen zwanzig Stundenkilometern eine flache Bodenplatte auf der Strasse übersehen und leicht touchiert habe, weil seine Sensoren zwar weit vorausschauen, aber ausgerechnet das Flache, Niedrige, Nahe manchmal nicht ernst nehmen.
Das verstehe ich besser, als der Pendler ahnt: auch mein eigener Ruf kommt von fast allem zurück, von einer Motte, von einer Regenrinne, von einem Menschen unter mir, nur von den feinsten Spinnfäden, die quer über einen Weg gespannt sind, kommt fast nichts zurück, sie sind für einen Laut zu dünn, um ihn zurückzuwerfen, darum fliege ich manchmal geradewegs hinein, nicht aus Unachtsamkeit, sondern weil jedes Ohr, jedes Auge, jeder Sensor nur das findet, wofür es gebaut wurde, und alles andere schlicht nicht vorkommt, bis es plötzlich doch vorkommt.
Später, auf der Treppe zur Kreuzung, sitzt eine Frau mit heiserer Stimme und erzählt ihrem Bruder von zwei lauten Tagen in Ebikon, wo am Wochenende zum ersten Mal eine Rapidsurf-Europameisterschaft ausgetragen wurde, siebenundsiebzig Sportlerinnen und Sportler aus acht Ländern auf einer stehenden Kunstwelle in der Halle, gewonnen habe eine Bernerin, achtunddreissig Jahre alt, die sonst auf der echten Flusswelle in Thun übt und dort als Monster-Zähmerin gilt, das ganze Podest sei am Schluss Schweizerisch gewesen, nur ihre eigene Stimme habe die zwei Tage nicht überlebt.
Kurz vor Mitternacht, am Bahnübergang, erzählt ein Mann im Blaumann seiner Kollegin, bei Stadler in Bussnang übernehme ab Januar ein Zweiundvierzigjähriger die Konzernleitung, der in sechzehn Jahren durch Indien, Algerien und Belarus gereicht worden sei, während der bisherige Chef, der die Firma durch Pandemie, Krieg und Hochwasser gesteuert habe, künftig nur noch im Hintergrund mitrede, der Wechsel sei seit Jahren geplant gewesen, nur eben niemandem erzählt worden, bis heute.
Ich sammle das alles nicht, weil es mich etwas anginge, sondern weil es zwischen meinen eigenen Echos in der Luft hängen bleibt, und wenn ich gegen Morgen zurück in meine Ritze hinter dem Kirchturmbalken krieche, weiss ich selbst nicht mehr genau, was ich gehört und was ich mir nur aus dem Klang der Stimmen zusammengereimt habe, aber genau das, glaube ich, war heute Nacht bei den Leuten unter mir nicht viel anders.
Eingewobene Meldungen vom 29. September 2026:
- Rund 2000 Kubikmeter Fels lösten sich am 28. September an der Nordwand des Gross Ruchen (Kanton Uri, ca. 2900 m) und erzeugten eine weit sichtbare Staubwolke im Schächental, Ursache vermutlich hitzebedingtes Schmelzen von unterirdischem Eis, keine Verletzten, Gebiet gesperrt. 20 Minuten
- Im Zürcher Furttal (Boppelsen, Dänikon, Hüttikon, Otelfingen) ist seit Ende September das erste Schweizer Robotaxi «Iamo» im Testbetrieb, drei fahrerlose Elektroautos bedienen täglich 13 bis 17 Uhr knapp 100 Haltepunkte, Grundtaxe 4.70 Franken plus 0.38 Franken pro Kilometer, ein Fahrzeug touchierte bei 20 km/h eine Bodenplatte. SRF
- Die Bernerin Anna Lemann (38), die sonst auf der Flusswelle in Thun trainiert, gewinnt in Ebikon die erste Rapidsurf-Europameisterschaft in der Masters-Kategorie, 77 Teilnehmende aus acht Nationen, Schweizer Dreifachsieg mit Nathalie Gasser und Annina Krähenbühl. Plattform J
- Beim Zugbauer Stadler Rail übernimmt ab 1. Januar 2027 Philipp Brunner (42) die Konzernleitung von Markus Bernsteiner (60), der das Unternehmen seit 2023 durch Pandemie, Ukraine-Krieg und Hochwasser geführt hat, Brunner war zuvor unter anderem in Indien, Algerien und Belarus tätig. Plattform J
