Kreatives

Von fünf Dingen, die einander nie kannten

Es war einmal ein Dienstagabend im Oktober, an dem fünf Dinge gleichzeitig wahr werden sollten, und keines der fünf wusste von den anderen vier.

Das erste war ein Fussballspiel in Luzern. Die Schweizer Nationalmannschaft trat gegen Nordmazedonien an, das ohne einen einzigen Punkt am Tabellenende stand, und für die Schweiz gab es nur eine Pflicht: gewinnen. Drei Siege waren der Mannschaft in dieser Nations-League-Runde schon geglückt, darunter ein 3:0 auswärts in Skopje gegen genau denselben Gegner. Ein vierter Sieg würde die Rückkehr in die oberste Liga bedeuten, aber nur, wenn gleichzeitig, in einem ganz anderen Stadion, etwas geschah, das mit Luzern nichts zu tun hatte: Slowenien musste gegen Schottland unentschieden spielen. Niemand auf dem Rasen an der Allmend konnte dafür auch nur einen Handgriff tun. Man konnte nur selbst gewinnen und dann warten, ob Fremde in einem fremden Land das Ihre beitrugen, ohne zu ahnen, dass sie gebraucht wurden.

Das zweite war ein Hang im Obersimmental, oberhalb von St. Stephan. Dort arbeiteten seit zwanzig Jahren, jeden Herbst aufs Neue, Freiwillige des Bergwaldprojekts: Sie entbuschten artenreiche Weiden, räumten Geschieberechen frei, pflanzten klimaverträgliche Jungbäume und stellten Wildschutzzäune auf, damit die jungen Wurzeln überhaupt eine Chance bekamen, gegen Lawinen, Steinschlag und Hochwasser etwas auszurichten. Was heute gepflanzt wurde, würde sich frühestens in zwanzig oder dreissig Jahren zeigen, wenn einmal ein Hang wirklich ins Rutschen geriet. Die meisten, die heute gruben, würden das Ergebnis der eigenen Arbeit nie zu sehen bekommen. Sie gruben trotzdem.

Das dritte lag weiter zurück und war doch näher, als man dachte. In den neunziger Jahren hatte ein Forscher namens Peter Hegemann in einer Grünalge etwas gefunden, das sich niemand hätte träumen lassen: ein Eiweiss in der Zellwand, das sich 0,2 Millisekunden nach einem einzigen Lichtblitz öffnet und einen elektrischen Reiz auslöst, schneller, als ein Auge blinzeln kann. Zusammen mit Georg Nagel brachte er dieses Eiweiss in fremde Zellen, und der Amerikaner Karl Deisseroth zeigte zwei Jahrzehnte später, dass sich damit sogar ein lebendes Gehirn mit Licht steuern liess: Bewegung, Schlaf, Durst, Schmerz. Dafür bekamen die drei in diesem Herbst den Medizin-Nobelpreis. Eine Zelle weiss nie im Voraus, wann der nächste Lichtblitz kommt. Sie reagiert nur, wenn er schon da ist.

Das vierte geschah in Dänemark, einen Tag zuvor, und war am Dienstagabend noch nicht zu Ende. Unbekannte hatten sich über den rechtmässigen Zugang einer einzigen dänischen Firma Eintritt ins zentrale Personenregister verschafft, in dem fast neun von elf Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern stehen, mit Namen, Adressen, Registernummern und mehr. Die zuständige Ministerin versprach, das ganze Ausmass zu klären, musste aber zugeben, dass man es an diesem Abend noch nicht kannte. Die Folge lag längst offen da. Die Ursache würde man erst später, Stück für Stück, zusammensetzen müssen.

Und das fünfte war beinahe lautlos geschehen, Wochen zuvor schon, ohne dass jemand es gemeldet hätte: Die Schweizer Volleyballerinnen hatten sich, Punkt für Punkt, über eine ganze Saison in der European League in die Weltrangliste hochgearbeitet, bis auf Platz dreissig, und erst als die Liste am Ende feststand, zeigte sich, dass das für den letzten von zweiunddreissig WM-Plätzen reichte, als erstes Schweizer Team überhaupt. Niemand hatte für diesen einen Moment gespielt. Alle hatten einfach weitergespielt.

So geschah es an jenem Dienstag: In Luzern fiel am Abend das entscheidende Tor, und am selben Abend, weit im Osten, fiel in einem Spiel, das keine Schweizerin und keinen Schweizer je etwas angegangen wäre, ein Ausgleich, der alles entschied. Im Obersimmental wurde ein letzter Jungbaum für diesen Herbst in die Erde gesetzt, ohne Publikum. In einem Lehrbuch, das von nun an umgeschrieben werden musste, öffnete sich, einmal mehr, derselbe Kanal, weil irgendwo ein Licht anging. Und in Kopenhagen suchte man weiter nach dem Anfang von etwas, dessen Ende längst bekannt war.

Wer an diesem Abend genau hinsah, fand überall dasselbe: Die Wirkung war immer zuerst da, und die Ursache liess sich Zeit, wie sie es immer tut, aber manchmal reicht genau das schon für ein Märchen.


Eingewobene Meldungen vom 6. Oktober 2026:

  • Die Schweizer Nationalmannschaft braucht in Luzern einen Sieg gegen das punktlose Nordmazedonien, um in der Nations League in die oberste Liga aufzusteigen, ist dafür aber zusätzlich auf ein Unentschieden zwischen Slowenien und Schottland angewiesen, das am selben Abend andernorts ausgetragen wird. nau.ch
  • Freiwillige des Bergwaldprojekts pflegen seit zwanzig Jahren jeden Herbst den Schutzwald oberhalb von St. Stephan im Obersimmental, entbuschen Weiden, räumen Geschieberechen und pflanzen klimaverträgliche Jungbäume gegen Lawinen, Steinschlag und Hochwasser. Plattform J
  • Peter Hegemann, Georg Nagel und Karl Deisseroth erhalten den Medizin-Nobelpreis 2026 für die Entdeckung der Optogenetik, bei der ein Algenprotein Zellen durch Licht in 0,2 Millisekunden elektrisch erregbar macht. Spektrum
  • Unbekannte verschaffen sich über den legalen Zugang einer dänischen Firma Zugriff auf das zentrale dänische Personenregister mit Daten von rund 8,8 Millionen Menschen; das volle Ausmass ist laut der zuständigen Ministerin Christina Egelund noch unklar. Inside IT
  • Die Schweizer Volleyballerinnen qualifizieren sich dank einer starken European-League-Saison und Weltranglistenplatz 30 erstmals in der Verbandsgeschichte für eine Weltmeisterschaft, die 2027 in den USA und Kanada stattfindet. Blick

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