Ich bin kälter, als die Messstation zugibt
Ich weiss nur, was ich berühre, und ich berühre nur, was am tiefsten liegt und am stillsten daliegt, darum kenne ich diese eine Nacht im Jahr besser als jede Uhr und besser als jedes Thermometer, das zwei Meter über dem Boden hängt und sich für zuständig hält.
Zwei Meter sind für mich eine ganze Klimazone: dort oben hält ein Hoch über dem Mittelland die Luft ruhig, während ich unten, auf Gras, Blech und Teer, direkt in den leergefegten Himmel hinaufschaue und meine Wärme einfach weggebe, ohne dass mir jemand etwas wegnimmt.
In dieser ersten Nacht, in der es so weit ist, bin ich zuerst am Tunnelportal von Leissigen, hoch über dem Thunersee, wo seit zwanzig Uhr die A8 für vier Nächte dichtmacht, Richtung Interlaken wie Richtung Spiez, wegen der jährlichen Tunnelreinigung und ein paar liegengebliebenen Handgriffen aus der Teilsanierung.
Zwei Strassenwärter stehen am Portal, der eine hat das schon zwanzig Mal gemacht, der andere erst einmal, und der Neue fragt, ob das wirklich jede Nacht so leer sei hier, und der Alte sagt, nein, nicht leer, nur umgeleitet, der Verkehr fliesse die ganze Zeit, nur über die Kantonsstrasse, man habe ihm die Abkürzung weggenommen, nicht den Weg.
Ich lege mich auf ihre Jacken, auf das Geländer, auf die Warnweste am Bauzaun, und keiner von beiden merkt, dass ich schon da bin, bevor ihre Kaffeebecher kalt werden.
Über den Hügeln, im Zürcher Oberland, bin ich gleichzeitig in Esslingen, in einem Garten, in dem gestern ein Kürbis sechshunderteinundfünfzig Komma fünf Kilogramm auf die Waage in Rapperswil-Jona brachte, dritter Titel in Folge für seinen Züchter, und die Pflanze, die ihn getragen hat, liegt immer noch da, mit Blättern so breit wie Satteldecken.
Zwei Nachbarn stehen am Zaun und schauen auf die leere Stelle, und der eine sagt, sechshunderteinundfünfzig Kilo sei doch bestimmt Rekord, der andere sagt, nein, der Schweizer Rekord liege bei über tausend, der Weltrekord nochmal zweihundert Kilo höher, der Züchter habe bloss zum dritten Mal gewonnen, nicht die Geschichte neu geschrieben, und dass einer sich das jedes Jahr wieder antue, sei schon eine Art von Druck, den sich sonst niemand freiwillig aussuche.
Während sie reden, liege ich schon auf den Blättern, die morgen Mittag schlaff und dunkel sein werden, weil ihre Zellen mich nicht vertragen, und so beende ich in derselben Nacht, in der dieser Garten seinen grössten Erfolg feiert, auch das Wachstum der Pflanze, die ihn möglich gemacht hat.
Viel weiter nordwestlich, auf dem Besucherparkplatz der Stiftung Switch in Zürich, die alle Adressen mit der Endung .ch und .swiss verwaltet, stehen zwei Angestellte draussen vor der Tür, weil drinnen die Kaffeemaschine kaputt ist, und reden über das Geschäft, das National- und Ständerat heute endgültig durchgewinkt haben: wer eine solche Adresse will, muss sich künftig klar ausweisen, als Mensch oder als Firma.
Die eine sagt, das klinge nach mehr Bürokratie, die andere sagt, es sei eher der Druck aus dem Parlament, der jetzt endlich etwas bewege, man wisse künftig, mit wem man es zu tun habe, und man dürfe eine Adresse jetzt auch sperren, wenn sie missbraucht werde, nicht nur bei Phishing.
Ich liege auf dem Autodach zwischen den beiden und auf dem Blech der Laterne über der Tür, und ich kann nicht sagen, wer von ihnen recht hat, ich kann nur sagen, dass ich auf jedem Auto gleich hell werde, egal wessen Name im Fahrzeugausweis steht.
Am weitesten weg, auf dem Rasen der Schützenwiese in Winterthur, bin ich schon vor dem Platzwart da, der um halb sechs mit der Walze kommt und stehen bleibt, weil ich die Linien nachgezeichnet habe, ohne dass ihn das noch überrascht, Anfang Oktober ist das sein erster Morgen mit mir in dieser Saison.
Eine Frau mit Hund fragt ihn, ob das stimme mit dem drei zu sieben vom Samstag, und der Platzwart sagt, es stimme, der Trainer habe nach dem Pfiff nur den Kopf geschüttelt und etwas von einer Joggingrunde gesagt, der Druck auf ihn steige jetzt wohl, aber das Feld sehe am Montagmorgen genau gleich aus wie nach jedem anderen Spiel.
Das stimmt, ich mache keinen Unterschied zwischen dem Rasen einer Blamage und dem Rasen eines Sieges, auf beiden liege ich gleich dick, bis die Sonne kommt und mich dort zuerst wegnimmt, wo sie zuerst hinkommt, und das ist selten dort, wo das Spiel entschieden wurde.
Was ich in dieser Nacht berührt habe, zwischen Leissigen und Winterthur, kennt keine einzelne Messstation, weil keine an mehr als einem Ort gleichzeitig hängt, und die Zahl, die morgen in der Zeitung steht, zwei Grad, drei Grad, je nachdem wen man fragt, ist nur die Zahl von dem einen Ort, an dem zufällig ein Gerät hängt, nicht die Zahl von allem, was ich wirklich war.
Kurz bevor die Sonne über den Hügeln steht, bin ich noch einmal überall gleichzeitig, auf Teer und Blech und Gras und Blättern, und dann bin ich nirgends mehr, ohne Ankündigung, einfach Wasser, das wieder Wasser ist.
Eingewobene Meldungen vom 5. Oktober 2026:
- Die A8 ist zwischen Leissigen und Interlaken Ost/Brienz vom 5. bis 9. Oktober je vier Nächte (20 bis 5 Uhr) wegen periodischer Tunnelreinigung und Restarbeiten aus der Teilsanierung in beiden Richtungen gesperrt, Verkehr wird über die Kantonsstrasse umgeleitet. Nau.ch
- Florian Isler aus Esslingen gewinnt an der Schweizermeisterschaft im Kürbiswiegen auf dem Bächlihof in Rapperswil-Jona zum dritten Mal in Folge, sein Atlantic-Giant-Kürbis wiegt 651,5 Kilogramm; Schweizer Rekord liegt bei 1054 Kilogramm, Weltrekord bei 1278,8 Kilogramm. zo-online.ch
- National- und Ständerat heissen eine Motion von Michael Götte gut: Wer künftig eine Adresse mit der Endung .ch oder .swiss registrieren will, muss sich als Mensch oder Firma klar ausweisen, zudem dürfen Behörden Adressen künftig auch bei anderem Missbrauch als Phishing oder Malware sperren. Inside-IT
- Der FC Basel verliert ein Testspiel auf der Schützenwiese in Winterthur 3:7 gegen den FC Winterthur, Trainer spricht danach fassungslos von einer «Joggingrunde». 20 Minuten
