Kreatives

Was übrigbleibt, wenn der Zug schon weg ist

«Schublade vier ist voll», sagt Silvia.

«Schublade vier ist seit Montag voll», sagt Beat.

«Heute ist heute voller.» Sie kippt den Korb vom Wagen auf den Tresen. Fünf Dinge, keine Kundschaft mehr, eine halbe Stunde bis Schalterschluss.

Zuoberst liegt eine orangefarbene Warnweste, der Klettverschluss am Rücken ausgeleiert, am Reissverschluss ein Klemmbrett mit einem einzelnen Blatt: «Postenkontrolle digital, Rugenwald, zehn Stationen.» Beat dreht das Blatt zweimal um, als stünde auf der Rückseite mehr. «Schule Matten. Zehn Posten im Wald, hundertachtzig Kinder in Zweier- und Dreierteams, damit keiner allein zwischen den Tannen steht, wenn er Posten sieben nicht findet.» – «Und die Weste?» – «Gehörte einer von den zwanzig, die aufgepasst haben. Chip am Handgelenk statt Stift und Karte, die Uhr merkt sich selbst, wer wann wo vorbeikam.» Silvia liest den Namen auf dem Innenetikett, spricht ihn nicht laut aus, legt die Weste in den Korb für Schulen.

Als Nächstes eine Greifzange, orange, an einem Karabiner ein Kärtchen: «Sauberkeits-Charta Bern.» Auf der Rückseite drei Logos nebeneinander, goldener Bogen, oranges M, ein Besteck-Symbol. «McDonald’s, Migros, GastroBern», liest Beat vor, «zusammen mit der Stadt.» – «Clean-Up-Day», sagt Silvia. «Meine Nachbarin war dabei, freiwillig, mit Handschuhen. Sogar die Stadtpräsidentin soll eine Dose aus dem Gebüsch gezogen haben.» – «Und wer aufräumt, verliert dabei selber etwas.» – «Ordnung schafft manchmal ihren eigenen kleinen Umweg», sagt Silvia und legt die Zange zu den Fundsachen ohne Adresse.

Drittens ein laminiertes Badge, das Foto abgegriffen, die Schrift noch scharf: «Zivilschutz Interlaken-Oberhasli, A. Schürch.» Beat pfeift leise durch die Zähne. «Über zehn Jahre der Chef dort, hiess früher noch ZSO Jungfrau. Wechselt zum Bund, Bevölkerungsschutz, ab Februar.» – «Woher weisst du das?» – «Steht hinten drauf, klein gedruckt, ein Übergabevermerk. Jemand hat den Ausweis schon entwertet, bevor er ihn verloren hat.» – «Praktisch», sagt Silvia. «Man verlässt den Posten, und der Ausweis weiss es vor einem selbst.»

Viertens ein zerknittertes Blatt, grün gestempelt, halb aus einer Arbeitsjacke gerutscht. «Diagnosezug 2, Woche 38, 1512 Mängel, davon 3 kritisch, Klammer bei Kilometer 47,2 verbogen.» Silvia hält es gegen das Licht über dem Tresen. «Die Züge, die mit hundertzwanzig statt zweihundert über die Schiene kriechen und alles filmen.» – «Die Kamera sieht jede Abweichung, die ein Mensch beim Ablaufen längst übersehen hätte. Ausgewertet wird es trotzdem nicht im Zug. Erst im Depot, im Rechenzentrum.» – «Und am Schluss braucht es doch wieder jemanden mit Schraubenschlüssel.» – «Die KI findet die verbogene Klammer. Geradebiegen muss sie jemand von Hand.» Silvia legt das Blatt zu den dienstlichen Sachen, für die es eine eigene, langweiligere Schublade gibt.

Zuletzt ein einzelner cremefarbener Handschuh, lang, mit einer Kordel, an der ein Programmzettel hängt: «La traviata, Stadttheater Bern, Premiere.» Beat liest den Untertitel darunter, leiser als vorher: «Die vom Weg Abgekommene.» – «Passt zu einem einzelnen verlorenen Handschuh.» – «Meine Schwester war da. Sagt, die Neue in der Hauptrolle habe am Schluss lange Applaus bekommen, obwohl sie in Bern noch nie zuvor auf der Bühne stand.» – «Und die Silvestervorstellung ist diesmal nicht schon wieder abgesagt.» – «Diesmal nicht», sagt Beat und legt den Handschuh einzeln zu den Kleidern, weil niemand einen einzelnen Handschuh abholt, wenn er nicht einmal weiss, dass er ihn verloren hat.

Silvia schliesst Schublade vier trotzdem nicht gleich. Sie lässt die fünf Dinge noch einen Moment nebeneinander auf dem Tresen liegen, Weste, Zange, Ausweis, Messblatt, Handschuh. «Jedes einzelne davon war irgendwo dabei, wo heute etwas passiert ist. Keins hat es sich erzählen lassen.» – «Ein Kriminaltechniker hat das mal in einen Satz gepackt», sagt Beat. «Jeder Kontakt hinterlässt eine Spur. Locard, glaube ich. Anfang des letzten Jahrhunderts.» – «Und wir sitzen jeden Abend am anderen Ende davon und sortieren, was er gemeint hat.» Sie klappt den leeren Korb zusammen, löscht das Licht über Schalter drei noch nicht. «Beat. Wenn niemand die Sachen je abholt – waren sie dann trotzdem dort, wo sie waren?»


Eingewobene Meldungen vom 22. September 2026:

  • Rund 180 Schülerinnen und Schüler der Schule Matten bei Interlaken absolvierten im Rugenwald einen Orientierungslauf mit zehn Posten und digitaler Postenkontrolle, unterstützt von rund 20 Helfenden aus dem Kollegium. Plattform J
  • Am nationalen Clean-Up-Day sammelten in Bern Freiwillige, Unternehmen der Sauberkeits-Charta Bern und Stadtpräsidentin Marieke Kruit gemeinsam Abfall in der Innenstadt. Plattform J
  • Adrian Schürch verlässt nach über zehn Jahren die Spitze des Zivilschutzes Interlaken-Oberhasli und wechselt per Februar 2027 zum Bundesamt für Bevölkerungsschutz. Plattform J
  • Zwei KI-gestützte Diagnosezüge der SBB fahren monatlich rund 2000 Kilometer Schienen ab und entdecken dabei etwa 1500 meist kleinere Mängel; ausgewertet werden die Kamerabilder im Rechenzentrum des Depots, behoben weiterhin von Hand. SRF
  • Die Premiere von Verdis «La traviata» am Stadttheater Bern wurde mit Lina Tsiklauri in ihrem Rollen- und Hausdebüt als Violetta umjubelt gefeiert. Plattform J

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