Was heute Nacht sein eigenes Gewicht spürt
06.14 Uhr, Sedrun. Der Stollen unter dem alten Bahnhofsschacht, der einst Touristinnen und Touristen in eiligen Liftkabinen mitten in die Alpen tragen sollte, bekommt seit einer Weile wieder Besuch, diesmal nicht von Reisenden, sondern von Leuten mit Messgeräten. Acht Jahre stand die Röhre praktisch leer, seit aus dem fünfzig Millionen teuren Alpentor nichts wurde, jetzt registriert sie zum ersten Mal wieder etwas: die Wellen, die vom Atlantik und vom Mittelmeer, Hunderte Kilometer entfernt, bis unter den Gotthard reichen, und die zweiunddreissigtausend Züge, die im Basistunnel darunter durchgefahren sind, so beiläufig, dass sie den geplanten Messungen nicht in die Quere kamen. Was der Schacht künftig einfangen soll, ist unsichtbar: eine Masse, von der niemand weiss, woraus sie besteht, die sich durch nichts anderes bemerkbar macht als durch ihr Gewicht auf alles, was in ihrer Nähe kreist.
Zur gleichen Stunde, viertausend Meter tiefer und zehntausend Kilometer weiter westlich, jagt in den Bergwäldern der bolivianischen Yungas ein kleiner gefleckter Kater, wie er es jede Nacht tut, hellbraunes Fell, unregelmässige Rosetten, kaum grösser als eine Hauskatze und keine anderthalb Kilogramm schwer. Er weiss nichts davon, dass sein Erbgut ihn gerade erst von seinen Verwandten getrennt hat, eine Linie, die sich vor rund 1,4 Millionen Jahren abgespalten hat und heute einen eigenen Namen trägt, Tilcayo, die erste neu beschriebene Katzenart seit über hundert Jahren. Für ihn ändert sich nichts an diesem Morgen, nur die Menschen tragen jetzt ein Wort mehr mit sich herum, für ein Tier, das die ganze Zeit schon da war.
09.00 Uhr, Winterthur, Quartier Grünau. Dreihundertachtundsechzig Wohnungen tragen zurzeit mehr, als eine Fassade eigentlich tragen sollte: das eigene Gewicht, dazu das Gewicht der Gerüste, dazu das Gewicht der Container vor dem Haus, in denen ein Teil der Bewohnerinnen und Bewohner wohnt, während ihre eigenen vier Wände von innen neu gebaut werden. Niemand zieht aus, niemand wird gekündigt, das Haus bleibt bewohnt und wird gleichzeitig saniert, Stockwerk um Stockwerk, und wer heute Morgen zur Arbeit geht, steigt über Bretter, die für ein paar Wochen ein Gewicht abfangen, das eigentlich die Wände selbst tragen müssten.
Am Nachmittag, in einem fensterlosen Raum irgendwo, den kaum je jemand betritt, dreht sich ein Lüfter über einem Rechner, der seit fünfunddreissig Jahren denselben Kern in sich trägt, den ein einundzwanzigjähriger Student in Helsinki einst verschenkt hat, weil ihm selbst ein Baustein fehlte und er dachte, andere könnten das Ergebnis brauchen. Heute tragen Milliarden Geräte dieses Gewicht mit, ohne davon zu wissen: Router, Kühlschränke, Ampelsteuerungen, Bankterminals, Autos. Der Kern selbst merkt nichts von seiner eigenen Grösse, er tut nur, wozu er gebaut wurde, während irgendwo auf der Welt ein paar hundert Freiwillige in ihrer Freizeit die Lücken flicken, die entstehen, wenn etwas so vieles trägt und so wenige es warten.
22.00 Uhr, zwischen Brüggmoos und Bözingenfeld. Der Ostast der A5 hört zum ersten Mal von vier Nächten auf, Verkehr zu tragen: Lüftung und Signalanlagen im Längholz- und im Büttenbergtunnel werden geprüft, während sich die Autos durch die Stadt Biel drängen, die diese Last für die nächsten sieben Stunden übernimmt. Was tagsüber wie selbstverständlich durch zwei Röhren rollt, wird über die Strassen der Stadt umgeleitet, und die Stadt trägt es mit, ohne dass ihr das gross angekündigt werden müsste – die Lichtsignale stehen längst auf Umleitung, bevor das erste umgeleitete Auto überhaupt ankommt.
Weit über alldem, unsichtbar am Nachthimmel, trägt die Venus seit Jahrmilliarden etwas, das sie sich selbst nicht eingestehen würde, hätte sie eine Stimme dafür. Ein Tag auf der Venus dauert 243 Mal so lang wie ein Tag auf der Erde, und wer derart langsam um sich selbst kreist, zieht alles, was ihm zu nahe kommt, mit der Zeit unaufhaltsam zu sich herunter. Ob die Venus je einen Mond hatte, weiss niemand; falls doch, hat sie ihn nicht verloren, sondern aufgegessen, in aller Ruhe, über Jahrmillionen hinweg, ein Gewicht, das sie sich einfach einverleibt hat, ohne dass draussen im All jemand Notiz davon genommen hätte. So geht diese Nacht mit den grossen wie mit den kleinen Sachen um: nicht als Ereignis, das jemandem zustösst, sondern als Gewicht, das irgendwo bleibt, weil es bleiben muss.
Eingewobene Meldungen vom 21. September 2026:
- Internationale Forschungsgemeinschaft (Cern, Universität Zürich, Fachhochschule Graubünden) will im stillgelegten Porta-Alpina-Schacht bei Sedrun ein Atominterferometer zum Nachweis Dunkler Materie installieren, Kosten rund 500 Millionen Franken, Baustart 2030, Betrieb ab 2035. SRF
- Forschende beschreiben mit dem Tilcayo (Leopardus tilcayo) in den bolivianischen Yungas erstmals seit über hundert Jahren eine neue lebende Katzenart, abgespalten vor rund 1,4 Millionen Jahren. SRF
- In Winterthur-Grünau werden 368 bewohnte Wohnungen bei laufendem Betrieb totalsaniert, ein Teil der Bewohnerinnen und Bewohner lebt während der Bauzeit in Containern statt auszuziehen. SRF
- Linux, der von Linus Torvalds 1991 als Student veröffentlichte und seither offen weiterentwickelte Betriebssystemkern, wird 35 Jahre alt und steckt heute in Servern, Routern, Autos und Handys, gewartet grösstenteils von Freiwilligen. SRF
- Der Ostast der A5 bei Biel wird ab heute Nacht während vier Nächten zwischen Brüggmoos und Bözingenfeld für Unterhaltsarbeiten an Lüftung und Signalanlagen der Tunnel Längholz und Büttenberg gesperrt, der Verkehr wird durch die Stadt Biel umgeleitet. Plattform J
- Neue Erkenntnisse im «Astrophysical Journal» stützen die These, dass die extrem langsame Rotation der Venus einen einstigen Mond über lange Zeit in den Planeten hätte stürzen lassen. SRF
