Was ein Admiral auf dem Weg nach Süden alles nicht versteht
Um Viertel nach neun verlässt der Falter das letzte Efeu an einer Hausmauer in der Berner Länggasse, dreht zwei Runden über dem Hof und nimmt Kurs Richtung Süden, so, wie es Admiral-Falter jeden September tun, wenn die Nächte kühler werden und der Zug über die Alpen beginnt, ohne dass irgendjemand ihnen den Weg zeigen müsste.
Keine hundert Meter weiter, am Geologischen Institut, hält er sich kurz an der offen stehenden Lieferantentür, durch die zwei Männer in weissen Handschuhen eine Schachtel mit gefalteten Papierpäckchen zwischen zwei Schränken hin- und hertragen, während eine Frau mit Klemmbrett jede einzelne Nummer abhakt und die Heizung im Raum trotz spätsommerlicher Wärme heruntergedreht bleibt. „Wir zählen seit Dienstag und sind noch nicht durch», sagt der Hauswart, der die Tür für die Lieferung aufgehalten hat und selbst nicht genau weiss, was in den Päckchen liegt, nur, dass es über 29’000 Stück sein sollen und dass jedes davon, wie ihm gesagt wurde, älter ist als jedes Lebewesen, das je über diesen Hof geflogen ist.
Eine gute Stunde später, über dem offenen Mittelland, kreist der Falter kurz über einer Reihe frisch gesetzter oranger Pfähle, die im Abstand von vielleicht dreissig Metern ein Feld durchqueren und mit Nummern beschriftet sind, die ihm niemand erklärt. „Die Leitung kommt näher an den Wald, als das alte Gesetz erlaubt hätte, aber jetzt dürfen wir das», erklärt der Vermessungstechniker seinem Lehrling, ohne den Falter zu bemerken, der sich schon wieder erhoben hat, „Bern und die Räte haben sich fast durchgerungen, nur eine Formulierung zur Elcom hängt noch in der Warteschleife.»
Über dem nächsten Hof liegt ein Kartoffelfeld, das aus der Luft aussieht wie eine Landkarte mit zu vielen Grenzen, braune Flecken neben grauen, ein Streifen, der ganz fehlt, und am Rand steht eine Frau mit einem Klemmbrett, die genauso zählt wie die Frau am Institut, nur dass sie hier keine Steine, sondern kaputte Blätter zählt. „Fast dreimal so viel wie letztes Jahr, und der Monat ist noch nicht zu Ende», sagt die Schadenschätzerin der Hagelversicherung ins Telefon, während der Falter tiefer sinkt, um an einer der wenigen noch blühenden Randstauden Nektar zu holen, ohne zu wissen, dass sie zu den Pflanzen gehört, die diesen Sommer überhaupt überlebt haben.
Am Nachmittag, mit dem Bödeli schon in Sicht, ruht der Falter kurz auf einem Fensterbrett der Tourismus-Organisation Interlaken, wo eine Mitarbeiterin einen Entwurf mit neuen Frankenbeträgen prüft und ihrem Kollegen zuruft, das Reglement von 1981 halte nun schon länger als mancher Gast lebe, aber ändern lasse es sich frühestens 2029, „vorher nicht, so schnell dreht sich das Rad hier nicht», während draussen die letzten Töff des Tages Richtung Grindelwald knattern und der Falter längst weiter ist.
Auf 3454 Metern, wo die Luft schon nach Eisen und Kälte schmeckt, kreuzt er ein Feld, das dort eigentlich nicht hingehört, weisse Torstangen im Schnee, ein Mann im roten Trikot, der einen ovalen Ball hält, und ein zweiter, der ausholt und trifft, während eine kleine Traube Vermummter jubelt, ohne dass der Falter auch nur eine Ahnung hat, dass gerade ein Weltrekord entstanden ist, den es vorher nicht gab, weil noch nie jemand auf dieser Höhe ein Field Goal versucht hatte.
Was der Falter nicht weiss und der Kicker aus New England erst am Boden zu spüren bekam, teilen sich die beiden für diesen einen Nachmittag trotzdem: Je höher man steigt, desto dünner wird die Luft, die sich einem entgegenstellt, und was für den Puls eines Menschen zur Qual wird, wird für einen Flügel oder einen Football zum Geschenk, denn beide fliegen in dieser Höhe weiter, als es unten je möglich wäre, der eine über den Gletscher hinweg Richtung Süden, der andere durch die eigens dafür errichteten Torstangen, und nur der Mensch mit dem Klemmbrett am Fuss des Berges hätte beides in derselben Statistik verbucht, wenn er davon gewusst hätte.
Eingewobene Meldungen vom 24. September 2026:
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