Was am Sonntag alles mitfährt
Ich sehe nie Gesichter, nur Knie, Taschen und die Kanten von Paketen, und das ist, was für ein Fahrzeug meiner Grösse ein bemerkenswerter Mangel ist, wenn man bedenkt, wie viel an mir vorbeigetragen wird, bevor jemand überhaupt sitzt.
Heute bin ich die Sonntagslinie durchs Emmental, Richtung Grosshöchstetten, und schon von Weitem riecht die Luft nach Chlor und nach zu wenig Wasser. Das Freibad hat noch eine Woche, dann ist Schluss, ein Monat früher als sonst, und man sieht es dem Becken an: Die Fliesen am Rand liegen trocken, wo sie sonst nass wären, ein feiner Streifen wie eine Gezeitenmarke, nur dass hier keine Gezeiten mehr kommen. Am Zaun lehnt schon ein Schlauch, den noch niemand angeschlossen hat, aufgerollt wie ein schlafendes Tier, und ich weiss, wofür er reserviert ist: Am nächsten Montag pumpt die Feuerwehr rund 325’000 Liter aus diesem Becken hinüber ins Hallenbad, damit dort nicht die ganzen 500’000 Liter frisch nachgefüllt werden müssen. Das Freibad wird dafür nie ganz geleert, ein Rest bleibt drin, sonst hält der Boden dem eigenen Gewicht nicht mehr stand, und was an Frischem trotzdem fehlt, liefert der Wasserverbund Kiesental nach. Das Wasser wechselt nur die Adresse, es bleibt dasselbe Wasser.
An der nächsten Haltestelle steigt ein Paket zu mir, bevor sein Mensch das tut, an der Hebebühne vorbei, mit einem gelben Aufkleber quer über der alten Anschrift: verzogen, unbekannt, nachsenden. Die Post kann das, seit sie es kann: eine Adresse verfolgt den Menschen, der umgezogen ist, wenigstens eine Weile. Bei der anderen Adresse, der mit dem Klammeraffen, geht das nicht. Ich habe letzthin gehört, wie zwei Passagiere sich darüber stritten, dass ein Nationalrat aus dem Kanton Schwyz im Juni verlangt hatte, man solle prüfen, ob man seine E-Mail-Adresse mitnehmen dürfe, wenn man den Anbieter wechselt, so wie man das mit einer Telefonnummer längst kann. Der Bundesrat war dagegen, und der Nationalrat war mit der Antwort nicht zufrieden, und beide hatten in gewisser Weise recht, nur redeten sie aneinander vorbei wie zwei Leute an verschiedenen Haltestellen.
Bei Signau steigt einer zu, der einen Metallhebel auf den Knien trägt, blank poliert, mit einer Gravur, die ich nicht lesen kann, weil ich keine Augen habe, nur ein Gefühl für Gewicht. Er erzählt seiner Nachbarin, das sei der alte Handhebel der Seilbahn Wiesenberg gewesen, ausgebaut, weil man die Kabine jetzt mit dem Telefon ruft statt mit der Hand, achtzig Prozent der Fahrten inzwischen ganz ohne Personal, eine Million zweihunderttausend Franken hat das gekostet, und trotzdem steckt in der Anlage noch Material aus den Dreissigerjahren, das man einfach nicht ersetzt, weil es noch hält. Er will den Hebel jemandem zeigen, der ihn versteht. Weiter drüben, in Emmetten, staut sich dieselbe Seilbahn-Sorge in die andere Richtung: zu viele Leute wollen auf denselben Gipfel, zwei Stunden Wartezeit an guten Tagen, bis jemand ein Zeitfenster-System einführte, damit die Warteschlange sich über den Tag verteilt statt vor der Kabine zu stehen. Zwei Seilbahnen, ein Problem von entgegengesetzten Enden angefasst.
Vor der letzten Kurve wartet eine Katze auf der Mauer, springt aber nicht auf mich, sondern reibt sich am Hinterrad, ganz kurz, mit der Ernsthaftigkeit von jemandem, der eine Unterschrift leistet. Was ein japanisches Forschungsteam diese Woche herausgefunden hat, weiss ich einfach, so wie ich vieles weiss, ohne Empfänger und ohne Absenderin: Katzen erkennen einander am Urin, über Monate hinweg, obwohl sich Duftmoleküle zersetzen, verdunsten, sich verändern. Der Trick sitzt nicht im Duft selbst, sondern in winzigen Fetttröpfchen in ihren Nieren, die dreizehn bestimmte Fettsäuren stabil halten, ganz gleich, was die Katze frisst oder wie es ihr geht. Die Signatur reist nicht als Botschaft, sie reist im Körper mit und wird immer wieder neu ausgeschieden, überall dort, wo die Katze gerade ist. Eine Katze braucht keinen Anbieterwechsel und kein Postulat, um ihre Adresse zu behalten. Sie trägt das Reservoir bei sich.
Ich fahre die letzte Kurve vor der Endstation, mit dem Paket, das seinen neuen Menschen noch nicht gefunden hat, dem Hebel, der pensioniert wurde, und dem Wasser, das morgen die Adresse wechselt.
Eingewobene Meldungen vom 23. August 2026:
- Die Gemeinde Grosshöchstetten schliesst ihr Freibad wegen der Trockenheit einen Monat früher (Sonntag, 30. August) und pumpt rund 325’000 Liter aufbereitetes Wasser ins Hallenbad, statt es zu entsorgen; das restliche Frischwasser für die 500’000-Liter-Füllung liefert der Wasserverbund Kiesental (WAKI), die Arbeit übernimmt die Feuerwehr Grosshöchstetten am 31. August, Saisonabos bleiben bis Ende September gültig. Plattform J
- Nationalrat Dominik Blunschy (Mitte/SZ) verlangte im Juni per Postulat die Prüfung eines gesetzlichen Mitnahmerechts für E-Mail-Adressen beim Providerwechsel, analog zu Telefonnummern; der Bundesrat lehnt dies ab, Blunschy zeigt sich mit der Antwort unzufrieden. Inside IT
- Die Kleinseilbahn Dallenwil–Wiesenberg (NW) fährt seit zwei Jahren per App auf Abruf, rund 80 Prozent der Fahrten laufen selbstständig, die 1,2-Millionen-Franken-Modernisierung liess Bauteile aus den 1930er-Jahren bestehen; die Bahn Niederbauen bei Emmetten begegnet Wartezeiten von bis zu zwei Stunden mit einem Zeitfenster-Reservierungssystem. SRF
- Ein japanisches Forschungsteam um Masao Miyazaki (Iwate-Universität) hat entschlüsselt, wie Katzen einander über Monate am Urin erkennen: Winzige Fetttröpfchen in den Nieren stabilisieren 13 individuelle Fettsäuren zu einer dauerhaften Duftsignatur, unabhängig von Ernährung oder Zustand des Tiers; ähnliche Signaturen fanden sich bei Löwen, Tigern, Leoparden, Jaguaren und Luchsen. 20 Minuten
