Die Kokorli und das Bein, das sich selbst hielt
Es war einmal eine junge Kokorli, ein Watvogel kaum grösser als eine Faust, die zum ersten Mal von der arktischen Tundra Richtung tropisches Afrika unterwegs war und die an diesem Abend über einem Schweizer See kreiste, dessen Ufer in diesem Sommer weiter zurückgewichen war, als es sich ein Vogel merken konnte. Wo sonst Wasser stand, lag jetzt Kies, glattgespült und ohne ein einziges Hälmchen Schilf, und genau das war, was die Kokorli suchte: eine Fläche, auf der kein Sperber sich anschleichen konnte, ohne von weitem gesehen zu werden, und genug Kleingetier im Schlamm, um für die nächste Nacht Kraft zu sammeln.
Auf der ersten Kiesbank stand schon jemand: ein Fischreiher, reglos wie ein Pfosten, ein Bein angezogen, das andere tief im schwindenden Wasser. Er habe, erzählte er der Kokorli, ohne den Kopf zu wenden, drüben bei Zuchwil zugesehen, wie eine neue, sechshundert Millionen Franken teure Anlage ihre Tore öffnete, in der jährlich mehr als zweihunderttausend Tonnen Abfall bei tausend Grad brennen, der Dampf Turbinen antreibt und am Ende Strom für sechzigtausend Haushalte und warmes Wasser für über fünftausend Häuser übrig bleibt. Was am Boden des Ofens hängen bleibe, werde nach Hinwil gebracht, sagte der Reiher, und dort werde daraus Jahr für Jahr auch reines Gold zurückgewonnen, aus Ballast, den niemand mehr habe haben wollen. Die Kokorli verstand nicht jedes Wort, aber sie verstand das Prinzip: Aus dem, was liegen blieb, wurde noch einmal etwas gemacht.
Auf der zweiten Kiesbank, eine Flussbiegung weiter Richtung Thun, sass eine Mehlschwalbe, die den ganzen Nachmittag über der Altstadt gekreist war und mit eigenen Augen gesehen hatte, wie ein Betrieb versuchsweise seine Lieferwagen stehen liess und stattdessen Pakete mit Lastenvelos auslieferte, leise, schmal genug für die engen Gassen, ohne den Gestank, an den sie sich all die Jahre gewöhnt hatte. Ob das bleibe, wisse sie nicht, sagte die Schwalbe, aber einen Nachmittag lang sei die Gasse so still gewesen, dass sie die eigenen Flügel habe schlagen hören.
Auf der dritten Kiesbank, wo das Wasser inzwischen so knapp war, dass ein alter Hecht mit halbem Rücken aus der Strömung ragte, hatte auch er etwas gesehen: zwei Menschen am Ufer, die sich beklagten, eine St. Galler Stelle, die die Computersysteme von sechzehn Sozialversicherungen betreibe, habe sich bei der Einführung einer neuen Dokumentenverwaltung verplant und brauche nun für drei Millionen Franken eine Übergangslösung, nur damit in der Zwischenzeit nichts liegen bleibe. Der Hecht fand das lustig, ohne genau sagen zu können, warum, und die Kokorli fand es auch lustig, aus denselben Gründen.
Die Nacht kam, und mit ihr die Prüfung, von der niemand ihr erzählt hatte, weil sie zu jung war, um sie schon einmal bestanden zu haben: Der Hunger war noch nicht ganz gestillt, die nächste Etappe lag noch vor ihr, und doch musste sie jetzt stehen bleiben und ruhen, sonst würde sie am Morgen zu schwach zum Weiterfliegen sein. Sie zog ein Bein an den Bauch, stellte sich auf das andere und wartete auf den Moment, in dem ihre Muskeln müde würden und sie umkippte, wie es ihr auf dem Nest immer passiert war, wenn sie zu lange auf einem Fuss balancierte.
Der Moment kam nicht. Ihr Standbein war unter dem Gewicht des ganzen Körpers durchgedrückt, und genau dadurch hatte sich die Sehne, die von der Kniekehle bis zu den Zehen läuft, von selbst gestrafft und die Krallen um einen kleinen Stein geschlossen, ohne dass sie dafür auch nur einen einzigen Muskel anspannen musste. Dasselbe Prinzip, mit dem ein Spatz schlafend auf dem Ast bleibt, ohne bewusst festzuhalten, hielt jetzt auch sie: Nicht die Kraft trug das Gewicht, sondern die Schwerkraft selbst, die das Bein durchdrückte und die Sehne spannte, ein Schloss, das sich zudrehte, weil etwas schwer war, nicht weil jemand daran zog.
So stand die Kokorli die ganze Nacht auf dem trockengefallenen Kies, verbrauchte nichts, sammelte alles, und flog bei Morgengrauen weiter, bevor der Sperber erwachte. Wer sie sucht, findet sie nirgends zweimal am selben Ufer, denn eine Kokorli, die genug gegessen hat, bleibt nicht dort, wo sie satt wurde, sondern fliegt dorthin, wo sie noch gebraucht wird.
Eingewobene Meldungen vom 24. August 2026:
- Wegen der tiefen Pegelstände von Seen und Flüssen finden ziehende Watvögel (Limikolen) auf trockengefallenen Sand- und Kiesbänken ideale Rastplätze mit freier Rundumsicht gegen Raubvögel; Biologe Lionel Maumary vom Ornithologischen Verein Lausanne warnt zugleich, dass dauerhafte Trockenheit dieselben Flächen wieder verbuschen liesse. SRF
- Im solothurnischen Zuchwil eröffnet die neue, 600 Millionen Franken teure Kehrichtverwertungsanlage der Kenova: bis zu 265’000 Tonnen Abfall pro Jahr, 160 Gigawattstunden Strom für rund 60’000 Haushalte, Fernwärme für 5300 Einfamilienhäuser und jährlich rund 100 Kilogramm aus der Schlacke zurückgewonnenes Gold. SRF
- In Thun testen mehrere Unternehmen im Rahmen eines Pilotprojekts Cargobikes anstelle von Lieferwagen, um den Lieferverkehr in der Innenstadt zu reduzieren. SRF Regionaljournal Bern Freiburg Wallis
- Die St. Galler Informatikgesellschaft für Sozialversicherungen (IGS), die die IT von 16 Sozialversicherungen sowie der liechtensteinischen AHV-IV-FAK betreibt, benötigt wegen Verzögerungen bei der Einführung einer neuen Dokumentenmanagement-Lösung (ECM) eine Übergangslösung im Wert von rund 3 Millionen Franken. Inside IT
