Die Brotfrau, die jede Farbe zweimal ansah
Es war einmal eine Frau, die jeden Donnerstag mit einem alten Lieferwagen durchs Bernbiet fuhr und Brot auslieferte, das sie selbst gebacken hatte, mit einer Kruste so dunkel, dass man sie im ganzen Emmental nur die Kohlefrau nannte, obwohl sie Trudi hiess. Sie glaubte nichts, was man ihr bloss zutrug, sondern nur, was ihr jemand selbst ins Gesicht sagte, während sie die Brotkörbe stapelte, und darum hielt sie an jedem Halt so lange, bis genau das geschehen war.
Der erste Halt galt einer Reparaturwerkstatt für Kaffeemaschinen und Rasenmäher, deren Besitzer ihr die Türe aufhielt und sagte, er habe die Woche zuvor eine Umfrage gelesen und sich seither weniger Sorgen gemacht: Die meisten Schweizer Betriebe seiner Grösse rechneten trotz aller Reden über künstliche Intelligenz nicht damit, deswegen Leute zu entlassen. Er selbst nutze ein Programm, das ihm beim Bestellen half, aber die Hände, die den Mäher aufschraubten, blieben seine eigenen. Trudi nickte und reichte ihm ein Brot mit besonders dunkler Kruste, weil er es so mochte.
Der zweite Halt lag bei einer Frau, die in einer kleinen Zulieferfirma für Pharmaverpackungen arbeitete und ihr auf der Laderampe erzählte, ihre Schicht sei diese Woche gekürzt worden. Die Schweizer Exporte waren im August, nach einem starken Vormonat, um zweiunddreissig Prozent eingebrochen, und Schuld daran trug vor allem die Chemie- und Pharmabranche, in der sie selbst Kartons faltete. Sie zeigte Trudi ihre Hände, an denen noch der Klebstoff der Etiketten klebte, und sagte, im Sommer habe sie so viel gefaltet, dass ihr die Farbe der Kartons in den Träumen vorkam, jetzt stünden die Stapel unberührt.
Beim dritten Halt, vor der Turnhalle in Uetendorf, konnte Trudi kaum bis zum Wagen zurück, ohne über ein Trampolin zu stolpern. Ein Bub mit einem Bogen in der einen und einem Boxhandschuh in der anderen Hand erzählte ihr atemlos, heute sei Tag der offenen Tür gewesen, mit einem ganzen Parcours und zwei Showeinlagen, und er habe zum ersten Mal in seinem Leben eine Zielscheibe getroffen, die weiter weg stand als sein eigener Arm lang war. Er rieb sich die Handfläche, auf der ein roter Streifen von der Bogensehne stand, und sagte, das sei die schönste Farbe, die er diese Woche gesehen habe.
Am vierten und letzten Halt, in Langenthal, wartete der Mann, der ihr sonst die leeren Körbe zurückgab, diesmal mit einer Neuigkeit, die er selbst am Morgen aus dem Sitzungssaal getragen hatte: Der Gemeinderat habe die Ressorts neu verteilt, nachdem der bisherige Stadtpräsident sein Amt abgegeben hatte, und der neue Stadtpräsident führe nun ein Departement, das vorher jemand anderem gehört hatte. Er erzählte auch, beiläufig, von einer Bekannten, die eine Reise gebucht hatte und sich gefreut habe, dass eine Flugticket-Abgabe für Kurzstrecken im Ständerat knapp gescheitert war, weil das ihr Ticket nicht teurer mache. Trudi hörte zu, ohne selbst eine Meinung zu haben, weil sie noch nie geflogen war.
Als sie den letzten Korb ausgeladen hatte, war es bereits dunkel genug, dass die Buche vor dem Gemeindehaus nicht mehr grün, sondern in einem satten Orange stand, das ihr am Morgen noch nicht aufgefallen war. Sie fragte den Mann, ob der Baum das über Nacht gemacht habe, und er lachte und sagte, das Orange sei die ganze Zeit da gewesen, nur unter dem Grün versteckt; das Blatt stelle im Sommer einfach mehr grünen Farbstoff her, als es an Gelb und Orange ohnehin schon enthalte, und sobald die Pflanze im Herbst aufhöre, davon nachzuliefern, komme zum Vorschein, was immer schon dagewesen sei, nur überdeckt.
Trudi dachte an die Kartons mit dem Klebstoffgeruch, an den roten Streifen auf der Kinderhand, an das Departement, das plötzlich einen anderen Namen über der Tür trug, und fand, das sei überall dasselbe Prinzip: Nichts davon war neu entstanden. Es war nur vorher etwas darüber gelegen, das jetzt fehlte.
Sie stieg in ihren Wagen, fuhr die letzte Kruste nach Hause und sagte zu niemandem mehr etwas, was sie nicht selbst gesehen hatte. Und wer bis heute an ihrer Türe klopft und fragt, ob es stimmt mit der Farbe unter dem Grün, bekommt zur Antwort nur ein Brot und den Rat, im Herbst selbst unter einen Baum zu treten.
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