Kreatives

Der Koffer, dem eine Sekunde fehlt

Um sieben Uhr vierzig verlässt ein grauer Lieferwagen mit Bundeslogo den Innenhof des Instituts für Metrologie in Wabern, im Laderaum ein gepolsterter Koffer, schwerer, als er aussieht. Darin: ein tragbares Zeitnormal, ein Kästchen mit Rubidium-Oszillator, das die Abweichung jeder angeschlossenen Uhr auf die Nanosekunde genau misst. Fritz Anderegg, seit achtzehn Jahren im Kalibrierdienst, nennt es schlicht «den Koffer». Fünf Termine stehen an diesem Tag an, und überall stellt er dieselbe Frage: Stimmt die Uhr noch mit der Welt überein? Im Institut selbst spricht man an diesem Morgen über etwas Grösseres. Vom 13. bis 15. Oktober entscheidet die Generalkonferenz für Mass und Gewicht in Versailles über die Zukunft der Schaltsekunde. Seit 1972 wurde sie 27 Mal addiert, weil die Erde geringfügig langsamer drehte als die Atomuhren. Seit rund 2020 hat sich das umgekehrt, weil der flüssige Erdkern an Schwung verliert und die Kruste dafür schneller dreht, und zum ersten Mal in der Geschichte der Weltzeit könnte eine Sekunde nicht addiert, sondern gestrichen werden müssen. Getestet wurde das noch nie.

Erste Station, kurz vor neun: eine Liegenschaft im Berner Länggassquartier, wo ein Servicetechniker den Lift wartet, während Anderegg im Maschinenraum die Steuerungsuhr synchronisiert. «Seit Wochen meldet sich der Notruf manchmal erst beim dritten Versuch», sagt der Techniker und tippt auf ein loses Kabel. Anderegg vermutet etwas anderes, sagt aber nichts, weil es nicht sein Auftrag ist. Das Notrufmodul funkt über das alte 2G-Netz, dasselbe Netz, das die grossen Anbieter in den kommenden Jahren stilllegen wollen und das schon jetzt wegen der Umverteilung von Frequenzen regional schwächelt. Der TÜV Süd schätzt allein für Deutschland rund 400’000 betroffene Aufzüge, und sein Fördertechnik-Leiter Dieter Roas warnt: Sobald das Netz endgültig abgeschaltet ist und der Notruf ausfällt, darf die Anlage nicht mehr betrieben werden. Noch tut sie es, ruckelnd, unregelmässig, ein Symptom ohne verstandene Ursache.

Mittags, Werkhalle in Thun: Bei der Ruag herrscht seit der Ankündigung der Reorganisation eine Stille, die lauter ist als das Fräsen nebenan. Bis zu 49 Stellen könnten wegfallen, 24 davon in der Business Area Ground, wo Aufträge ausgeblieben sind, weitere in der IT, die künftig teilweise vom Bundesamt für Informatik und Telekommunikation übernommen wird. Der definitive Entscheid fällt erst am 6. Oktober, nach Abschluss des Konsultationsverfahrens, ein Sozialplan mit verlängerten Kündigungsfristen liegt bereit. Anderegg braucht in der Werkstatt zwanzig Minuten, um einen Prüfstand nachzujustieren, der auf hundert Nanosekunden genau ticken muss, sonst wird eine Komponente als fehlerhaft ausgemustert, die eigentlich in Ordnung wäre. Ein Ingenieur, der beim Kaffee dazukommt, sagt nur: «Man merkt dem Prüfstand die Sparrunde nicht an. Uns schon.»

Am Nachmittag, eine Augenklinik am Stadtrand: Hier wird kein Prüfstand kalibriert, sondern ein Steuergerät für das Netzhautimplantat Prima, das seit Kurzem für dreissig europäische Länder zugelassen ist. Bei Menschen, die durch eine fortgeschrittene Makuladegeneration ihr zentrales Sehen verloren haben, übernimmt ein zwei mal zwei Millimeter kleiner, unter die Netzhaut gesetzter Chip die Arbeit der abgestorbenen Sinneszellen. Eine Brille mit Kamera wandelt das Bild in Nahinfrarotlicht um, der Chip macht daraus elektrische Impulse, die noch intakte Nervenzellen weiterleiten, bis das Gehirn daraus wieder ein Bild zusammensetzt. In der Studie, an 38 Personen an 17 Standorten durchgeführt, verbesserte sich bei 81 Prozent der Nachuntersuchten die Sehschärfe messbar, 84 Prozent konnten wieder Buchstaben oder Wörter erkennen. Für Anderegg zählt an diesem Nachmittag nur, dass die Reizimpulse exakt getaktet ankommen, denn verschiebt sich der Takt zu weit, wird aus dem Bild ein Rauschen. Die Assistentin, die ihm zusieht, sagt: «Für das Gehirn spielt es keine Rolle, ob das Signal aus dem Auge oder aus dem Chip kommt. Hauptsache, es kommt im richtigen Moment.»

Letzte Station, kurz vor Feierabend: ein Testlabor für Sportausrüstung, wo ein Techniker zwei Laufschuhe unter eine Hochgeschwindigkeitskamera legt, einen von New Balance, einen von Kiprun, der Laufmarke von Decathlon. New Balance hat am 15. September vor einem US-Bundesgericht Klage eingereicht, weil das Kiprun-Logo, gespiegelt, kaum vom eigenen N zu unterscheiden sei, und begründet das unter anderem mit jener Verwechslung, die erst nach dem Kauf entsteht, wenn jemand einer Läuferin nachschaut und sich nicht sicher ist, welche Marke da gerade vorbeirennt. Decathlon spricht von einem stilisierten K. Für die Aufnahmen im Labor muss die Kamera exakt in dem Sekundenbruchteil auslösen, in dem beide Schuhe denselben Winkel zum Licht haben, sonst verzerrt sich der Vergleich. Anderegg richtet den Trigger neu ein, während der Techniker die Bilder nebeneinanderlegt. «Zwanzig Franken Preisunterschied, ein gespiegelter Buchstabe, und jetzt muss ein Gericht entscheiden, was ein Auge eigentlich sieht», sagt er.

Um achtzehn Uhr steht der Lieferwagen wieder im Innenhof in Wabern. Anderegg trägt den Koffer zurück ins Labor und lädt die Messwerte des Tages aus. Ob im Oktober 2026 oder erst 2029 eine Sekunde aus der Weltzeit verschwinden muss, ist damit nicht geklärt, ebenso wenig, ob Kiprun ein N trägt oder ein K. Der Koffer selbst kennt diesen Unterschied nicht. Er misst nur, wie weit etwas von der Zeit abweicht, die alle anderen auch benutzen.


Eingewobene Meldungen vom 18. September 2026:

  • Vom 13. bis 15. Oktober entscheidet die Generalkonferenz für Mass und Gewicht in Versailles über die Abschaffung der Schaltsekunde, nachdem sich die Erdrotation seit rund 2020 beschleunigt hat und erstmals eine noch nie getestete negative Schaltsekunde nötig werden könnte. t3n
  • Der TÜV Süd warnt davor, dass die geplante Abschaltung der alten 2G-Mobilfunknetze die 2G-basierten Notrufsysteme vieler Aufzüge lahmlegen und damit deren Stilllegung erzwingen könnte, betroffen sind laut Branchenschätzung rund 400’000 Anlagen allein in Deutschland. PCtipp
  • Der bundeseigene Rüstungskonzern Ruag plant eine Reorganisation, von der bis zu 49 Stellen an den Standorten Bern, Thun und Emmen betroffen sein könnten, der definitive Entscheid fällt am 6. Oktober. Plattform J
  • Das Netzhautimplantat Prima des US-Unternehmens Science Corporation hat die CE-Kennzeichnung für 30 europäische Länder erhalten und kann Menschen mit fortgeschrittener Makuladegeneration einen Teil ihres zentralen Sehvermögens zurückgeben. PCtipp
  • New Balance hat Decathlon wegen des Laufschuh-Logos seiner Marke Kiprun verklagt, das gespiegelt dem eigenen N zu ähnlich sei, und fordert Rückruf sowie Schadenersatz. 20 Minuten

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