Der Kasten schreibt zurück
Liebe Frau Ziegler, wenn Sie das hier lesen, stehe ich schon in Ihrem Depot in Seewen, in Luftpolsterfolie und Spanngurten, und es riecht nach Karton statt nach kaltem Bier, was für mich eine grosse Umstellung ist, denn kaltes Bier war dreissig Jahre lang mein Beruf.
Ich bin ein Orchestrion, falls Ihnen die Übergabeliste keine Namen verraten hat, ein ganzes Blechbläser-Ensemble in einem Nussbaumschrank, und ich habe mein halbes Leben in einer Bar in Grenchen verbracht, wo mich niemand kannte, aber jeder mochte, was, wie ich inzwischen weiss, auch für Musikautomaten selten ist. Eine gelochte Papierrolle hat mir gesagt, was ich zu spielen habe, und das Interessante daran, das habe ich erst spät verstanden, ist, dass nicht das Papier den Ton macht, sondern das Loch. Dort, wo nichts ist, entsteht der Unterdruck, der die Pfeife öffnet. Man hört mich also nie wegen dem, was da ist, sondern wegen dem, was fehlt. Das habe ich Ihnen schon vorab verraten, weil ich es unterwegs noch öfter gebraucht habe.
Der Lastwagen, der mich holte, fuhr am Sonntagabend durch Thun, ausgerechnet an dem Abend, an dem die Oberländische Herbstausstellung zum letzten Mal ihre Tore schloss. Der Fahrer, ein geduldiger Mann namens Feuz, musste zweimal umkehren, weil man gerade die Käsehalle abbaute und ein Zwergrind namens Harry partout nicht in seinen Hänger wollte. «Der Star der ganzen Messe», sagte Feuz durchs offene Fenster zu einem Standler, «und jetzt will er nicht mal für einen Fotografen posieren.» Ich fand das beruhigend. Auch ich wurde einmal bewundert und wollte dann einfach nur noch verpackt werden.
Weiter oben, kurz vor Interlaken, hielt Feuz an einem gelben Wegweiser, weil die Reifenspur eine Umleitung zeigte, die auf keiner Karte stand. Drei Stunden bis zum Depot, stand da, keine Kilometer, und seine Beifahrerin, eine junge Frau namens Corina, erklärte ihm, dass diese Zeitangaben seit zwanzig Jahren nach ein und derselben Formel berechnet werden, mit Steigung und Gefälle und fünfzehn Konstanten, egal ob Kind oder Grossvater unterwegs sei. «Für einen Kilometer eben rechnet man fünfzehn Minuten», sagte sie, «aber bergauf zählt jeder Höhenmeter doppelt.» Feuz meinte, das sei ja wie beim Diesel, man komme selten dort an, wo die Distanz es einem verspreche, sondern dort, wo einen die Steigung hinlasse. Ich, in meiner Kiste, fand, das gelte auch für mich, nur mit hundertdreissig Jahren Steigung.
Kurz vor Solothurn kamen sie an einer Baustelle vorbei, wo gerade Kühltürme aufgestellt wurden, für ein neues Rechenzentrum. Corina kannte sich damit aus, weil sie ihr Praktikum bei einem Rückversicherer in Zürich gemacht hatte, und erzählte, dort rechne man mit rund zweihundert Milliarden Dollar zusätzlichem Prämienvolumen bis 2030, allein wegen Rechenzentren, Batteriespeichern und Stromnetzen, weil jede neue Anlage auch neu versichert werden muss, bevor sie überhaupt läuft. «Man versichert also etwas, das noch gar keinen Schaden gemacht hat», sagte Feuz, halb ungläubig. Corina zuckte mit den Schultern: «Man versichert das Risiko, nicht das Ereignis.» Auch das, dachte ich in meiner Kiste, kenne ich: Man kaufte mich nie für die Musik, die ich schon gespielt hatte, sondern für die, die noch kommen würde.
Als es dunkel wurde, erzählte Corina, ihre Schwester bilde sich gerade zur Beraterin bei «hatehelp» aus, einer neuen Anlaufstelle gegen digitale Gewalt, die Ende Oktober startet und vor allem Frauen und exponierten Personen helfen soll, mit Hass im Netz umzugehen. «Vier Leute am Anfang, drei davon fürs Beraten», sagte sie, «und alle werden extra geschult.» Feuz nickte und sagte nichts, was bei ihm, wie ich in den Stunden gelernt hatte, so viel wie Respekt bedeutete.
Liebe Frau Ziegler, ich bin jetzt bei Ihnen angekommen, hundertdreissig Jahre alt und zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder in einem Raum, in dem jemand genau hinhört. Ich kann Ihnen nicht sagen, welches Stück ich zuerst spielen werde. Aber ich kann Ihnen sagen: Es wird an den Löchern liegen, nicht an den Stiften.
Mit klapperndem Gruss, Ihr Orchestrion
Eingewobene Meldungen vom 8. September 2026:
- Das Museum für Musikautomaten in Seewen SO wird von Michelle Ziegler geleitet, der ersten Frau in diesem Amt; das Haus zeigt Musikdosen, Orchestrien und Jukeboxen und bereitet ab dem 19. September die Ausstellung «Tanzmotoren» vor. SRF
- Die Oberländische Herbstausstellung (OHA) in Thun zog nach zehn Messetagen eine positive Bilanz, mit mehr Ausstellenden als im Vorjahr, einer stark besuchten Käsehalle und Dahomey-Zwergrind Harry als heimlichem Publikumsliebling. Plattform J
- Schweizer Wanderwegweiser zeigen seit 2006 schweizweit einheitlich berechnete Wanderzeiten statt Kilometer, nach einer Formel mit fünfzehn Konstanten, die Steigung und Gefälle berücksichtigt. SRF
- Der Rückversicherer Swiss Re rechnet bis 2030 mit rund 200 Milliarden Dollar zusätzlichem Prämienvolumen durch den weltweiten Ausbau von KI-Rechenzentren, Stromnetzen und erneuerbaren Energien. Plattform J
- Die neue Beratungsstelle «hatehelp» des Vereins Fairmedia startet am 27. Oktober in der Deutschschweiz und bietet Betroffenen von digitaler Gewalt eine kostenlose Erstberatung an. Plattform J
