Kreatives

Der Föhn hat’s eilig, der Nebel nicht

„Du kommst zu früh», sagt der Nebel.

„Und du bleibst zu lange», sagt der Föhn.

Sie treffen sich, wie sie sich immer treffen, mitten über dem Aaretal, der eine warm und ungeduldig von Süden her, der andere kühl und für seine Verhältnisse eilig von unten herauf. Keiner von beiden war irgendwo dabei, als die Dinge geschahen, die sie heute finden. Beide finden nur, was liegen geblieben ist.

Der Föhn findet es zuerst, tief unten bei Rüti bei Büren, auf der geraden Teststrecke zwischen zwei Kurven: zwei schwarze Streifen auf dem Asphalt, noch warm, und ein Blitzlicht, das schon wieder dunkel ist. Hundertsechs statt fünfzig, erzählt ihm der Teer, ohne ein Wort, nur über die Länge der Streifen und den Winkel, in dem sie enden. „Jemand wollte schneller sein als die Kurve erlaubt», sagt der Föhn. „Die Kurve hat gewonnen», sagt der Nebel, der die zweite Hälfte der Geschichte unten in der Senke liegen hat, dort, wo ein Motorrad ordentlich am Strassenrand steht und ein Mensch wartend danebensteht.

Weiter westlich, in einer Kegelbahn in Heimberg, ist es der Nebel, der durch die offene Kellertür zieht, lange nachdem alle gegangen sind. Zwei Pokale stehen noch auf dem Tisch, einer grösser als der andere, beide aus derselben Familie. Ein Sohn ist heute Schweizermeister geworden, sein Vater holte Bronze im selben Wettkampf, und keiner der beiden hat dem anderen etwas vorgemacht, nur eine Kugel schneller oder genauer über das Parkett geschickt. Der Nebel bleibt eine Weile bei den Pokalen stehen, weil er selten etwas findet, das sich nicht beeilt und trotzdem gewinnt.

In Interlaken ist die Spur am grössten: eine ganze Bahnstrecke, aufgerissen, mit Baggern und Schienensträngen, die noch nach Fett riechen. Ab dem 19. Oktober ruht hier für acht Wochen aller Zugverkehr zwischen West und Ost, wegen zwei Brücken über die Aare, die neue Pfeiler und neuen Rostschutz brauchen, und wegen Kurven, die für die Züge von morgen schlicht zu eng gebaut wurden. Wer künftig schneller in den Bahnhof Ost einfahren soll, braucht einen weiteren Radius, nicht nur einen stärkeren Motor. „Das kennst du», sagt der Nebel zum Föhn, der gerade vom Brienzersee heraufkommt und jede Kurve des Tals auswendig kennt, weil er selbst nur dort schnell sein darf, wo der Fels ihm Platz lässt. „Mehr Radius, mehr Tempo. Weniger Radius, weniger Tempo, ob man will oder nicht.» Der Föhn sagt dazu nichts. Er weiss es besser als irgendjemand im Tal.

Eine Spur weiter nördlich flattert vor einem Reihenhaus ein Brief aus einer offenen Papiertonne, ein einziges Blatt mit dem Absender eines Online-Flohmarkts und der Aufforderung, umgehend das Passwort zu ändern. Rund 890 000 solcher Briefe sind in diesen Tagen unterwegs, nachdem bei Ricardo Kundendaten abgeflossen sind; die Passwörter selbst, heisst es, seien verschlüsselt geblieben. Der Föhn liest nichts davon, er kann nicht lesen, aber er wirbelt das Blatt zweimal um die eigene Achse, bevor es im Vorgarten liegen bleibt, und das sieht, auch ohne ein Wort, nach einem kleinen Schrecken aus, der schneller war als die Vorsicht.

Ganz am Rand seiner Reichweite, auf einem Verladegleis, wo ein Kran Container auf Flachwagen setzt, steht eine Kiste mit einem Aufkleber in lateinischer und arabischer Schrift: Bestimmungsort irgendwo im Ostbahnnetz von Saudi-Arabien, ein Teil von zehn weiteren Triebzügen, die ein Schweizer Hersteller dorthin liefern soll, zweiter Teil eines Auftrags von rund dreihundert Millionen Franken. Der Nebel kommt hier selten hin, er mag keine Wüsten. Der Föhn grinst, so gut ein Wind grinsen kann. „Dort drüben fahren sie bald schneller als hier, mit Zügen, die bei uns gebaut wurden.»

„Und hier bauen wir die Kurven erst noch dafür um», sagt der Nebel.

„Vielleicht», sagt der Föhn, und ist schon ein Stück weiter, „ist Geschwindigkeit nie eine Frage, wie schnell man kann, sondern wie eng die nächste Kurve ist.»

Er lässt den Satz so stehen, mitten über dem Tal, und ist, bevor der Nebel fragen kann, wie er eigentlich zu Ende geht, schon hinter der nächsten Kurve verschwunden.


Eingewobene Meldungen vom 10. Oktober 2026:

  • Bei Rüti bei Büren fasst die Polizei einen Motorradfahrer, der mit 106 statt der erlaubten 50 km/h unterwegs war. Plattform J
  • In Heimberg wird ein Sohn Kegel-Schweizermeister, sein Vater holt im selben Wettkampf Bronze. Plattform J
  • Zwischen Interlaken West und Interlaken Ost ruht ab dem 19. Oktober für acht Wochen der Zugverkehr: 1,7 Kilometer Gleise und Weichen werden erneuert, zwei Aare-Brücken erhalten neue Pfeiler und Rostschutz, zu enge Kurven werden für künftige, bis zu 400 Meter lange Züge begradigt. Plattform J
  • Beim Online-Flohmarkt Ricardo sind Personendaten von rund 890 000 Nutzerkonten abgeflossen, Passwörter seien laut Betreiber Swiss Marketplace Group verschlüsselt geblieben. Inside IT
  • Saudi-Arabien bestellt beim Schweizer Zughersteller Stadler zehn weitere Triebzüge, zweiter Teil eines Grossauftrags von rund 300 Millionen Franken. Plattform J

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert