Riech doch selber, sagt die Ameise zur Biene
«Du riechst heute nach Metall», sagte Rösi, ohne die Puppe loszulassen, die sie gerade über die Rampe zum Ameisenhaufen zog. «Nicht nach Pollen. Nach heissem Zinn.» Julibee liess sich auf dem Moospolster nieder und prüfte zuerst ihre Hinterbeine, bevor sie antwortete. «Das war keine Biene-Sache, das war ein Keller. Unten im Haus hat jemand eine Schachtel mit goldgerandeten Blechstreifen ausgeräumt, dieselben, die er letztes Jahr noch gekauft hat, nicht verkauft. Auf der Schachtel klebte eine Zahl, dreihundertsiebzig, mit einem Prozentzeichen dahinter, als wäre das etwas zum Stolzsein.» «Ameisen tragen auch schwerer, als sie letztes Jahr getragen haben», sagte Rösi. «Wir kleben bloss keine Zahl drauf.» «Es ging nicht nur um die Blechstreifen. Die runden schwarzen Scheiben waren auch teurer, hundertvierunddreissig Prozent, und die flachen, stillen auch, hundertneunundzwanzig. Der Mann im Keller hat alle drei auf einmal in die Schachtel gelegt und nachher die Schachtel gerochen, als könnte er dem Geld beim Weniger-werden zusehen.»
Rösi liess die Puppe endlich los. «Ich hab auch was mit Zahlen gefunden, aber ohne Prozentzeichen. Krumme Linien auf Papier, unter einem Gartentisch, zwei Strassen von hier. Jemand hatte das Blatt mit einer Maschine beschrieben und ein zweites daneben mit der Hand, lauter Zeichen, die wie Blumen aussahen, aber keine waren. Es roch nach altem Papier und nach etwas Frischem gleichzeitig, als wäre ein Brief von vor zweihundertsiebzehn Jahren heute erst fertig geschrieben worden.» «Zweihundertsiebzehn Jahre und sechs Stunden», sagte Julibee. «Die sechs Stunden kriegte ich vom Wind, der roch nach heissem Lüfter, kein Jahr daran, nur die sechs Stunden.» Rösi zuckte mit den Fühlern, was bei ihr ein Achselzucken ist. «Zweihundertsiebzehn Jahre, um am Ende sechs Stunden zu brauchen. Das würde ich auch nehmen.»
Was sie dann gemeinsam fanden, lag genau zwischen Moos und Haufen: eine abgestreifte Haut, dünn wie ein zweites, leeres Tier, mit einer hellen Zeichnung auf dem Rücken. «Die kenn ich», sagte Julibee. «Die mit dem Filmgesicht auf dem Hinterleib. Alle tun, als wäre sie das Schlimmste im Garten, dabei beisst sie höchstens so wie ich, wenn man mich blöd anfasst.» «Du bist aber auch nicht nichts», sagte Rösi. «Stimmt. Aber niemand nennt mich nach einem Film.» Die Haut blieb liegen, wo sie lag, zu leicht, um sie irgendwohin zu tragen, zu interessant, um sie zu übersehen.
Nachmittags flog Julibee bis zum Schlossbuck hinüber und kam mit Heu in den Beinhärchen zurück, dazu einem Geruch nach Wachs, Pferd und kaltem Stein. «Dort oben wird gereist, ohne dass einer von der Stelle kommt», sagte sie. «Trompeten, Fähnchen, ein Faden aus einer Schärpe, den ich mitgenommen habe, und überall Leute in Kleidern, die niemand mehr trägt, weil heute der Tag dafür ist, zum elften Mal.» «Reisen im Mittelalter, ohne Pferd», sagte Rösi. «Bei uns reist auch keiner allein. Mein ältester Pfad zum Hollerstrauch ist ein Jahr alt, keine Ameise hat ihn geplant, er ist einfach entstanden, weil genug von uns zufällig denselben Umweg genommen haben und die anderen dem Geruch gefolgt sind, der davon übrig blieb. Keine kennt die ganze Strecke. Alle zusammen kennen sie.» Julibee sagte nichts dazu, nur: «Wie die Trampelspur zur Kirche, die auch keiner gebaut hat.» «Genau wie die», sagte Rösi.
Am Abend brachte Rösi den letzten Fund von der Wirtsterrasse mit, wo tags zuvor etwas gefeiert worden war: ein Kronkorken mit eingeritzter Zahl, zwei zu eins, und daneben eine klebrige Spur, der schon ein ganzer Ameisenzug folgte, jede für sich zufällig losgelaufen, keine wissend, wohin die Spur am Ende führte, nur dass sie süss wurde, je weiter man ging. «Fünf Punkte Vorsprung, haben die Menschen gezählt», sagte Rösi, «bei uns zählt nur, wie viele am Ende satt zurückkommen.» Julibee wog das kurz ab. «Du hast heute mehr gezählt als ich.» «Ich hab auch mehr gefunden», sagte Rösi. «Du hast bloss mehr gerochen.» «Das», sagte Julibee, «ist bei mir dasselbe.»
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- Die Schweizer Nationalmannschaft gewinnt in Luzern gegen Slowenien 2:1 (Tore Vipotnik, Eigentor Janza, Ndoye) und baut den Vorsprung in der Nations-League-Gruppe auf fünf Punkte aus. Watson
