Was das dreitausendsechshundertachtzehnte Bündel auf dem Weg nach Ballenberg erfuhr
Es war einmal ein Bündel Schilf, das dritte Woche im September noch am Plattensee gestanden hatte und nun, verschnürt und getrocknet, auf einen Lastwagen wartete, der es nach Bern bringen sollte.
Es war nicht das erste Bündel seiner Art und würde nicht das letzte sein, aber es wusste, was ihm bevorstand: ein Dach, sechs Meter über dem Boden, dreissig Zentimeter dick, dreissig bis fünfundvierzig Jahre lang.
Sein Wunsch war bescheiden, wie es sich für ein Bündel Schilf gehört: dichtzuhalten, wenn es einmal hagelt.
Die erste Prüfung bestand darin, überhaupt anzukommen.
Am Ufer, wo es geschnitten worden war, stand ein Mann namens Istvan, der die Halme seit dreissig Jahren bündelte und Holländisch dabei sprach, weil er die Sprache in den Poldern gelernt hatte, wo er die Wintermonate arbeitete.
Istvan erzählte, während er die letzten Schnüre zog, einem jüngeren Kollegen von seiner Reise zur Baustelle im letzten Jahr: mit dem ungarischen Pass zwei Kontrollen extra, während ein Schweizer Kollege mit seinem Büchlein durch hundertneunzehn Länder spazieren könne, ohne dass ihn jemand aufhalte, ihm selbst reiche der Pass nicht einmal für die halbe Fahrt ohne Formular.
Das Bündel hörte zu, so gut ein Bündel eben zuhören kann, und verstand: manche Papiere wiegen nichts und tragen trotzdem schwer.
Die zweite Prüfung kam unterwegs, am Neuenburgersee, wo der Lastwagen kurz hielt, weil eine Frau in orangen Handschuhen die Strasse mit einem Bagger blockierte.
Sie war Forstwartin und hatte gerade eine Fichte gefällt, die dort nicht mehr stehen sollte, seit der Campingplatz von Fanel zurückgebaut worden war, und sie erklärte dem wartenden Fahrer, ohne dass er gefragt hätte, was sie den ganzen Tag schon jedem erklärte: bis November werde das Gelände offen, im Frühling gesät, und in ein paar Jahren stehe dort wieder, was vor den Wohnwagen dagewesen war.
Das Bündel, selbst aus einem Schilfgürtel gewachsen, fand daran nichts Besonderes und alles zugleich: ein See holt sich zurück, was er einmal hatte, genauso geduldig, wie ein Dach halten muss, was man ihm aufträgt.
Die dritte Prüfung wartete auf der Baustelle selbst, im Ballenberg, wo Andreas Bergamini und seine Partnerin Trudy Hort das Bündel entgegennahmen, umgeben von drei weiteren Helfern, die ebenfalls Holländisch sprachen, und einer jungen Museumsführerin, die am Freitag mit einem halb gepackten Kostüm ans HeroFest nach Bern wollte, drei Tage Gaming, Cosplay und ein Turnier mit bemalten Zinnfiguren.
Sie hatte tags zuvor einer Vorführung beigewohnt, bei der ein Bildschirm einen schwarzen Umriss zeigte, den jedes Kind als Katze erkannt hätte, und die Maschine dahinter riet auf Kreuzworträtsel, weil die Fläche innen mit lauter kleinen Kreuzen gefüllt war und das Programm sich an den Kreuzen festbiss statt an der Form.
Sie erzählte es Trudy, während diese den Draht um die zwölfte Lage spannte, kopfschüttelnd und ein wenig stolz auf die eigenen Augen.
Bergamini, der zuhörte, ohne aufzublicken, sagte nur, jede Lage für sich könne man mit dem Finger durchstossen, erst dreissig Zentimeter übereinander, dachförmig gebunden und steil genug gestellt, hielten sie dem Regen stand; nicht der einzelne Halm zähle, sondern das Ganze, das er ergebe.
Das Bündel, jetzt eine von vielen Lagen, verstand auch das: erkannt und geschützt wird man nicht von dem, was man im Kleinen ist, sondern von der Form, die daraus entsteht, und offenbar konnte nicht jede Maschine das sehen, obwohl jedes Kind es konnte.
Am Abend, als die letzte Schnur gezogen war, lag das Dach golden über dem alten Gemäuer von 1609, vierzig Tonnen schwer, zweihundertfünfzigtausend Franken teuer, hundert davon von der Hagelversicherung, fünfzig vom Kanton Aargau, wo das Haus einst gestanden hatte.
Der letzte Fund des Tages gehörte niemandem: ein einzelner Halm, der beim Binden zu Boden gefallen war und den am Morgen ein Vogel holen würde, für ein Nest, das kein Museum je zeigen wird.
Und weil ein Dach, das dichthält, nichts weiter zu sagen hat, sagte das Bündel gar nichts mehr, sondern wartete, wie alle guten Dächer warten: auf den ersten Hagel, der zeigt, ob die Geduld gereicht hat.
Eingewobene Meldungen vom 23. September 2026:
- Ungarische Spezialisten haben unter der Leitung des letzten Schweizer Schilfdachdeckers Andreas Bergamini (68) das 710 Quadratmeter grosse Schilfdach des Ballenberg-Bauernhauses aus Oberentfelden (Baujahr 1609) neu eingedeckt, nachdem ein Hagelsturm 2024 das alte Dach beschädigt hatte; 40 Tonnen Schilf aus Ungarn, Kosten rund 250’000 Franken, davon 100’000 von der Hagelversicherung und 50’000 vom Kanton Aargau. Plattform J
- Der Schweizer Pass liegt im aktuellen Passport-Ranking weltweit auf Rang neun und ermöglicht die visumfreie Einreise in 119 Länder. Plattform J
- Der Kanton Bern hat die Revitalisierung des ehemaligen TCS-Campingplatzes Fanel am Neuenburgersee bei Gampelen gestartet: Fichten werden gefällt, das Gelände bis November geöffnet und im Frühjahr 2027 mit auentypischen, teils bedrohten Pflanzenarten angesät; der Platz ist seit Oktober 2024 wegen der Lage im Naturschutzgebiet geschlossen. Plattform J
- Das HeroFest 2026, die grösste Gaming-, Cosplay- und Popkultur-Convention der Schweiz, findet vom 2. bis 4. Oktober auf dem Bernexpo-Areal statt, mit Cosplay-Contests, einem Warhammer-Tabletop-Turnier und direkter Anbindung an die SwitzerLAN. Plattform J
- Eine Studie der New York University (Fachjournal «iScience») zeigt, dass über 200 getestete KI-Bilderkennungsmodelle Objekte anhand ihrer Gesamtform und Silhouette deutlich schlechter erkennen als Menschen, weil sie sich an lokale Texturen und Details klammern statt an den Umriss; bei mit Kreuzchen gefüllten Tier-Silhouetten scheiterten die meisten Modelle völlig. Plattform J
