Kreatives

Was die letzte Schwalbe aus dem Saanenland mitnimmt

Liebem Balken über der Stalltür, Bauernhaus Zufferey, oberhalb Gstaad. Du hast letztes Jahr verlangt, dass ich schreibe, sobald ich fliege. Ich fliege jetzt. Also gut.

Erste Station, noch keine zehn Minuten von dir entfernt: der Lüftungsschacht hinter der Küche vom Gstaad Palace. Riecht heute anders als sonst, nach Bratensaft, der zu lange auf dem Herd stand, und nach jemandem, der die letzten Töpfe abwäscht. Franz Faeh, fünfzig Jahre Küchenchef, seit dieser Woche pensioniert, gottefroh, wie er selbst sagt. Sein Hund Enzo wartet unten vor der Tür, zum ersten Mal ohne Eile. Fünfzig Jahre derselbe Rauch aus demselben Kamin ist länger, als meine ganze Sippschaft hier überhaupt schon Nester baut. Ich habe zwei Runden gedreht, aus Anstand, und bin weitergeflogen.

Zweite Station: die Kirche von Grindelwald, von oben, kurz bevor die Türen aufgingen. Drinnen sassen Kinder in Trachten, draussen die Grosseltern, die extra angereist waren. Ich habe nur eine Sekunde gehört, wie sich hundert Stimmen gleichzeitig einpendeln, bevor der erste Ton kam, dieses kurze Reiben, wenn viele auf einmal dasselbe wollen und noch nicht ganz zusammenpassen. Eine Frau namens Marina hat vorher geweint, weil ihre eigenen Kinder mitsingen. Drei Generationen derselben Familie, an einem einzigen Fest, das es so noch nie gegeben hat. Ich singe nicht. Ich fliege nur vorbei und nehme mit, was in der Luft hängt.

Dritte Station: irgendein Dorf im Mittelland, Fahnen, zu viele Menschen auf zu wenig Platz. Magenbrot, Lebkuchen, Glühwein, obwohl es noch nicht kalt ist. Zimt zuerst, dann Nelken, dann Muskat, in genau dieser Reihenfolge, jedes Jahr, jedes Dorf, als hättet ihr das einstudiert. Vielleicht habt ihr das. Früher, hat mir niemand erzählt, aber ich habe es selbst gerochen, gehörten diese Gewürze nur denen mit Geld. Heute kriegt sie jeder in die Nase geblasen, der zufällig vorbeikommt. Auch ich. Drei Wespen waren schneller als ich beim Zugreifen.

Vierte Station: der Zürichsee, tief über dem Wasser, weil der Wind von oben nichts hergab. Am Ufer liegt Holz frei, das fünftausend Jahre nass war und es jetzt nicht mehr ist. Riecht nach Keller und nach etwas, das zu lange gewartet hat. Solange die Schlammschicht drüberlag, kam kein Sauerstoff hin, und ohne Sauerstoff verwest fast nichts. Jetzt schneiden Schiffsschrauben und Bootsanker die Schicht auf, und was fünftausend Jahre unberührt blieb, zerfällt jetzt in wenigen Jahrzehnten. Menschen mit Taucherbrillen schütten Kies drüber, um das Loch wieder zu schliessen. Nicht um es zu heilen. Um es wieder zum Schweigen zu bringen.

Fünfte Station, kurz vor der Landesgrenze, ein Stoppelfeld voller Fliegen: Genau richtig für mich, direkt nach der Ernte. Zwischen zwei Bissen ist mir ein Gedanke gekommen, den ich nicht bestellt hatte. Vor über dreihundert Millionen Jahren gab es Tiere, die aussahen wie ein Kreuzung aus mir und einer Krabbe, mit Paddeln am Hinterleib, die zu nichts mehr taugten, weil sie ihr Wasser schon halb verlassen hatten. Sie sind nicht an einem einzigen Tag an Land gegangen. Sie haben Jahrmillionen im Nassen und im Trockenen gleichzeitig gelebt, bis die Paddel verkümmerten und die Luft reichte. Dasselbe Holz, das im See nur überlebt, solange kein Sauerstoff dazukommt, hat einst ein Tier gebraucht, das genau das Gegenteil lernte: mit Sauerstoff zu leben statt ohne. Luftdicht ist nicht dasselbe wie tot. Manches bleibt nur erhalten, solange nichts dazukommt. Anderes stirbt genau daran.

Mehr gibt es nicht zu berichten. Der Balken kann sich freuen oder nicht, das ist seine Sache. Ich habe noch tausend Kilometer vor mir und keine Lust, sie wegzuschreiben statt zu fliegen.


Eingewobene Meldungen vom 14. September 2026:

  • Franz Faeh, seit knapp fünfzig Jahren in den besten Hotelküchen der Welt, geht nach zehn Jahren als Küchenchef des Gstaad Palace in Pension. Nachfolger wird Luca Gatti, bisher Executive Souschef. SRF
  • Am ersten Eidgenössischen Jugendjodelfest in Grindelwald tritt unter anderem das Jodu Chinderchörli Moossee unter Chorleiterin Marina Kaufmann-Wanner auf, drei Generationen einer Familie sind gemeinsam dabei. Plattform J
  • Zur Chilbi-Saison gehört traditionell der Duft von Zimt, Nelken und Muskat in Magenbrot, Lebkuchen und Glühwein, Gewürze, die lange dem Adel vorbehalten waren. SRF
  • Im Zürichsee gefährden veränderte Strömungen durch Schifffahrt und Bautätigkeit die schützende Sedimentschicht über den rund 5000 Jahre alten Pfahlbauten, die Unterwasserarchäologie Zürich sichert gefährdete Fundstellen mit Kiesschüttungen. SRF
  • Ein 324 Millionen Jahre altes Fossil aus Texas, Chosha praecursor, zeigt erstmals den amphibischen Übergangszustand früher Insekten zwischen Wasser und Land, mit halb zurückgebildeten, paddelartigen Hinterleibsanhängseln. SRF

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