Kreatives

Die Grenze der Waage

«Zwölfeinhalb Kilo, aber die Kiste ist erst zur Hälfte voll.» – «Wieg noch einmal, Kevin.» – «Ich hab zweimal gewogen, Trudi. Zwölfeinhalb.»

«Dann schreib zwölfeinhalb. Was guckst du so.»

«Letztes Jahr hat dieselbe Kiste vierzehn gebracht. Randvoll.»

«Letztes Jahr hat es geregnet.»

«Und jetzt sind die Äpfel kleiner, aber schwerer pro Stück? Das rechnet sich nicht.»

«Es rechnet sich schon. Der Verband hat gestern die Zahlen rausgegeben, mein Schwager hat sie mir gezeigt. Sechsundneunzigtausend Tonnen Mostäpfel heuer, sieben Prozent mehr als letztes Jahr, zwanzig Prozent über dem, was man sonst im Schnitt erwartet. Bei den Birnen ist es umgekehrt, viertausend Tonnen, vierzig Prozent unter dem Schnitt, aber mehr als doppelt so viel wie letztes Jahr, weil letztes Jahr fast nichts hing.»

«Du hast das auswendig gelernt.»

«Ich wiege seit einundzwanzig Jahren Obst, Kevin. Zahlen bleiben irgendwann hängen.»

«Aber wieso schmecken die kleinen dann süsser? Ich hab vorhin eins probiert, ohne dass du’s gesehen hast.»

«Hab ich gesehen.»

«Wieso also.»

«Weil der Baum nicht weniger Zucker macht, nur weil es trocken ist. Die Sonne war da, die Blätter haben gearbeitet wie immer. Was gefehlt hat, ist das Wasser, das die Frucht sonst aufbläht. Der Zucker geht also in einen kleineren Raum. Gleiche Menge, engerer Platz.»

«Wie bei einem Sirup, den man einkocht.»

«Genau wie beim Sirup. Der Baum ist die Quelle, die Frucht ist der Topf. Wird der Topf kleiner, wird’s stärker, was drin ist. Das hat mir mein Schwager auch erklärt, er ist Agronom.»

Kevin stellt die Kiste ab und wischt sich die Hände an der Schürze.

«Bei uns in Martigny-Combe war der Topf auch kleiner letzte Woche. Und stärker, was drin war.»

«Was meinst du.»

«Ich war bei meinem Onkel im Büro, in der Gemeindeverwaltung, ich helfe dort in den Ferien aus. Achtzehnter August, am Vormittag. Plötzlich stand die halbe Belegschaft am Empfang und niemand wusste, wer wem noch trauen kann. Jemand war ins E-Mail-System eingedrungen und hat unter dem Namen der Gemeinde eine Nachricht an die eigenen Kontakte verschickt. Zweitausenddreihundert Einwohner hat die Gemeinde, und keiner wusste, wer die Nachricht schon geöffnet hatte.»

«Und was stand drin?»

«Weiss ich nicht genau, mein Onkel wollte nicht drüber reden. Nur dass sie die Polizei geholt haben und dass es Wochen vorher schon einmal eine Nachbargemeinde erwischt hat, mit richtiger Erpressersoftware. Diesmal ging es wohl eher darum, dass jemand mit dem Vertrauen in die Absenderadresse gespielt hat. Eine einzige Adresse, aber alle glauben ihr.»

«Kleinerer Topf, stärkerer Inhalt.»

«So ungefähr, ja.»

«Und dein Onkel weiss, ob wer draufreingefallen ist?»

«Das prüfen sie noch. Er meinte, das Fiese daran ist, dass es die Adresse war, der man am wenigsten misstraut. Nicht die von irgendwem.»

Trudi hebt die nächste Kiste auf die Waage, notiert, schiebt sie weiter.

«Weisst du, was noch fieser ist? Mein Schwager, der Agronom, hat mir auch das erzählt, weil er nebenbei mit einer IT-Firma arbeitet. Es gibt neuerdings Leute, die sich bei Firmen melden, die gerade von einer Erpressersoftware getroffen wurden, und anbieten zu helfen. Für zwanzig- bis sechzigtausend Dollar löschen sie angeblich die gestohlenen Daten wieder.»

«Klingt nach einem Geschäft.»

«Klingt danach, ja. Nur dass diese Retter dieselben Werkzeuge benutzen wie die Erpresser selbst. Dasselbe Passwort für die Hintertür bei zwei verschiedenen Fällen, denselben Rechnernamen. Es ist derselbe Trupp, der zuerst die Firma erpresst und sich danach als deren Rettung ausgibt. Und dabei betrügt er nicht nur die Firma. Er hintergeht auch die eigenen Erpresser-Kollegen, die von der zweiten Zahlung nichts erfahren.»

«Verrat im Quadrat.»

«So hat mein Schwager es auch genannt.»

Kevin wiegt die letzte Kiste der Fuhre, tippt die Zahl ein, lehnt sich an den Rand des Anhängers.

«Mein Cousin in Interlaken hat sich übrigens auch gerade um etwas beworben. Die Gemeinde schreibt das Des-Alpes-Areal wieder aus, für nächstes Jahr, drei Monate Zwischennutzung, zweitausendfünfhundert Franken Pauschale. Nur Einheimische bevorzugt, und ein Beizli darf es nicht dauerhaft werden, sonst macht es dem gemeindeeigenen Restaurant Konkurrenz.»

«Auch so eine Grenze.»

«Wie meinst du das?»

«Klein genug halten, dass es nicht zur Konkurrenz wird. Genau bemessen, wie viel reinpasst, bevor es kippt. Bei den Äpfeln, bei der Mailadresse, beim Rasen am See. Überall die gleiche Frage.»

«Und die wäre?»

Trudi schiebt die letzte Kiste zur Seite und schreibt die Endsumme auf den Lieferschein.

«Wie viel darf in etwas hinein, bevor man nicht mehr sagen kann, was es eigentlich ist?»


Eingewobene Meldungen vom 22. August 2026:

  • Der Schweizer Obstverband erwartet trotz Trockenheit eine gute Mostobsternte: 96’000 Tonnen Mostäpfel (plus 7 Prozent gegenüber 2025, plus 20 Prozent im langjährigen Schnitt) und 4000 Tonnen Mostbirnen (40 Prozent unter dem langjährigen Schnitt, aber plus 105 Prozent gegenüber 2025); die Früchte fallen kleiner, aber durch die vielen Sonnenstunden süsser aus. Plattform J
  • Die Walliser Gemeinde Martigny-Combe (rund 2300 Einwohner) wurde am 18. August Opfer eines Cyberangriffs: Unbekannte drangen ins E-Mail-System der Verwaltung ein und verschickten eine betrügerische Nachricht an gemeindeeigene Kontakte; Personendaten könnten betroffen sein, Kantonspolizei und Bundesamt für Cybersicherheit sind eingeschaltet. Inside IT
  • Laut dem Sicherheitsteam Guidepoint GRIT tarnt sich eine Gruppe als «Ransom Busters» und bietet Ransomware-Opfern gegen 20’000 bis 60’000 US-Dollar die Löschung gestohlener Daten an — dieselben Werkzeuge, Passwörter und Rechnernamen deuten darauf hin, dass es sich um die Erpresser selbst handelt, die damit auch ihre eigenen Partner hintergehen. Inside IT
  • Die Gemeinde Interlaken schreibt die Zwischennutzung des Des-Alpes-Areals für 2027 erneut aus: maximal drei Monate zwischen Juni und Oktober, Pauschalgebühr 2500 Franken, Bewerbungsfrist bis 30. Oktober, Angebote für Einheimische bevorzugt, ein dauerhaftes Gastroangebot ausgeschlossen. Plattform J

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert