Was an einem Freitag alles nicht mehr passt
05.40 Uhr, Steffisburg. In der Werkstatt an der Ecke ist um diese Zeit noch nichts scharf. Therese Bösiger schleift seit dreiunddreissig Jahren, sie hat den Betrieb von ihrem Onkel und den Lieferwagen von einem Bäcker. Auf dem Beifahrersitz liegt der Zettel für heute, sechs Adressen, und darunter steht in ihrer Handschrift die einzige Regel, die sie je aufgeschrieben hat: Nichts wird stumpf, weil es benutzt wird. Es wird stumpf, weil es falsch benutzt wird.
07.10 Uhr, Thun. Erster Kunde, eine Küche an der Aare, elf Messer und ein Wiegemesser mit Scharte. Sie stellt den Wagen so, dass sie beim Ausladen aufs Wasser sieht. Bei der Mühlewelle steht seit halb sieben jemand im Neopren auf einer Welle, die nirgends hinfliesst. Das Wasser rennt, das Brett bleibt, die Frau darauf sieht aus, als würde sie stehen. Bösiger stellt die Kiste ab und schaut eine Minute länger hin, als sie eingeplant hat. Bezahlt wird nach Stück, nicht nach Minute, aber das weiss die Welle nicht.
08.55 Uhr, Wimmis. Schulküche, zwölf Messer, ein Gemüsehobel. Die Köchin räumt zwei Kisten aus dem Regal, bevor sie Bösiger hereinlässt: Seit diesem Schuljahr kommen hier wegen eines Kindes mit einer Allergie keine Nüsse mehr ins Haus, auch keine Spuren davon. Das Schwierigste sei nicht das Weglassen, sagt sie, sondern das Nachweisen. Bösiger nickt und schleift. Sie kennt das: Der Beweis ist immer teurer als die Sache.
10.30 Uhr, Interlaken. Der Hauptauftrag. Das Spital auf dem Bödeli hat einen Ersatzneubau bekommen, knapp dreiundachtzig Millionen, fast doppelt so viel Nutzfläche wie vorher, und gebaut wurde bei laufendem Betrieb, was zusätzlich 4,8 Millionen für Provisorien gekostet hat. Das alte Haupthaus stammte aus den Jahren zwischen 1905 und 1955 und wird etappenweise zurückgebaut. Die neue Küche ist hell, die Arbeitsflächen sind ein Traum, und die Messer sind katastrophal. Bösiger sagt das nicht laut. Sie sagt: «Schöne Räume.» Der Küchenchef sagt, in absehbarer Zeit brauche auch die Psychiatrie einen neuen Bau. Man baut hier weiter, während man noch einzieht.
13.20 Uhr, Zwischenhalt. Auf dem Rastplatz raucht es zum ersten Mal seit Wochen wieder aus einer Feuerstelle. Der Kanton hat das Feuerverbot in mehreren Verwaltungskreisen gelockert, es hat am Vormittag geregnet, siebzehn bis einundzwanzig Grad, und zwei Männer legen Bratwürste auf einen Rost, den seit Juni niemand mehr geputzt hat. Bösiger isst ihr Brot im Wagen und rechnet aus, wie viele Roste sie im September zu bürsten hätte, wenn sie Roste bürsten würde.
15.00 Uhr, Bern. Vierter Auftrag, Küche einer Klinik auf dem Inselareal. Sie kommt nicht in die Tiefgarage. Ihr Wagen ist zwanzig Zentimeter zu hoch, das Rolltor ist von 1995, und das ist an diesem Standort nicht ihr Problem allein: In der Frauenklinik nebenan, die am Samstag nach jahrelanger Sanierung neu bezogen wird, passen die heutigen Ambulanzen ebenfalls nicht mehr in die Einfahrt. Notfallpatientinnen werden jetzt vorne durch die Eingangshalle gefahren, am Wartebereich und an den Kaffeemaschinen vorbei, dann ein Neunzig-Grad-Winkel und eine enge Tür. Die Betriebsleiterin habe gesagt, hätte man 1995 gewusst, wie hoch Ambulanzen einmal sein würden, hätte man anders gebaut. Bösiger trägt ihre Kiste dreihundert Meter zu Fuss und denkt, dass in dreiunddreissig Jahren noch nie ein Gebäude gewachsen ist und noch nie ein Fahrzeug geschrumpft.
16.40 Uhr, Seeland. Letzte Adresse, ein Gemüsebetrieb bei Finsterhennen, Rodemesser und zwei Sensen. Die Bäuerin erzählt, der Boden sei bei der Ernte so hart gewesen, dass sie Wasser einsetzen mussten, um die Zwiebeln überhaupt herauszuziehen. Vieles ist gar nicht gewachsen. Am Zibelemärit vom 23. November werden gegen vierzig Prozent weniger Zwiebeln liegen als sonst; wer nicht bewässern konnte, hat teils alles verloren. Letztes Jahr musste hier ein Überschuss vernichtet werden. Nebenbei sagt die Bäuerin, im Büro sei letzte Woche zwei Tage lang nichts mehr gegangen, irgendein Angriff, der Sohn habe es gerichtet, und nein, gefährlich finde das eigentlich niemand. Fast jedes zweite Schweizer KMU war kürzlich betroffen. Die wenigsten halten es für ein Risiko. Am Vormittag hatte Bösiger in einer Truppenküche Messer geholt, wo die Bestellungen weiterhin auf Papier laufen, weil das neue System nicht kommt: von zehn grossen Informatikprojekten rund um die Armee ist gerade die Hälfte auf Kurs.
17.55 Uhr, Kanalweg. Sie packt zusammen und geht die zwanzig Schritte zum Wasser, weil sie das immer tut. Am Ufer stehen drei Weiden, angespitzt wie Bleistifte. Der Biber, der das gemacht hat, hat vorn am Zahn harten, eisenhaltigen Schmelz und hinten weiches Dentin. Beim Nagen trägt sich die Rückseite schneller ab als die Vorderseite, und dadurch entsteht bei jedem Biss neu eine Schneide. Der Zahn wächst lebenslang nach und wird durch Gebrauch nicht stumpf, sondern scharf. Er hört auf zu funktionieren, wenn nicht mehr genagt wird.
Bösiger notiert auf der Rückseite des Zettels die Adresse für Montag und fährt heim. Ihr ganzer Beruf besteht darin, dass niemand so gebaut ist.
Eingewobene Meldungen vom 21. August 2026:
- Die Berner Frauenklinik auf dem Inselareal wird am Samstag nach langer Sanierung neu bezogen — die heutigen Ambulanzen sind zu hoch für die Einfahrt in die Notfallaufnahme, Patientinnen werden nun durch die Eingangshalle gefahren. SRF
- Am Zibelemärit vom 23. November werden wegen der Dürre gegen 40 Prozent weniger Zwiebeln erwartet; im Seeland war der Boden bei der Ernte teils so hart, dass Wasser nötig war, um die Zwiebeln zu ziehen. Plattform J
- Der Ersatzneubau des Spitals Interlaken ist fertig: knapp 83 Millionen Franken, fast doppelte Nutzfläche, bei laufendem Betrieb gebaut, 4,8 Millionen für Provisorien. Plattform J
- Der Kanton Bern lockert das Feuerverbot in mehreren Verwaltungskreisen. Plattform J
- In Thun surft die Szene auf der stehenden Mühlewelle in der Aare, die Flusssurferin Anna Lemann nennt sie «das Monster». Plattform J
- Von zehn Informatik-Grossprojekten im Umfeld der Armee ist laut Halbjahresbericht nur die Hälfte auf Kurs. Inside IT
- Fast jedes zweite Schweizer KMU war kürzlich Opfer eines Cyberangriffs — eine Gefahr sehen darin laut einer Deloitte-Umfrage die wenigsten Mitarbeitenden. Inside IT
- In der Schulanlage Chrümig in Wimmis sind seit diesem Schuljahr wegen einer Allergie keine Nüsse mehr erlaubt. Plattform J
