Brief an ein Junges, das schon weg ist
Du bist jetzt vier Tage weg, und ich weiss nicht, wo du bist. Das ist kein Vorwurf. Ich habe es selbst so gemacht, und meine Mutter hat mir auch nichts hinterhergerufen.
Ich schreibe dir trotzdem, weil ich morgen oder übermorgen selbst gehe und weil an einem einzigen Tag mehr gleichzeitig passiert, als du dir vorstellen kannst. Du fliegst gerade durch eine Stunde, in der auch alles andere stattfindet. Ich habe heute davon einiges gesehen, und ich möchte, dass es irgendwo aufgeschrieben ist, bevor der Wind es wegräumt.
Am Morgen war ich über der Limmat. Dort haben Leute in alten Kostümen Boote ins Wasser gelassen, mit einem Topf voll Hirsebrei darin, und sind losgerudert. Sie machen das ungefähr alle zehn Jahre. Zweihundertfünfunddreissig Kilometer bis Strassburg, fünf Tage lang, achtzig Menschen, die vorher wochenlang darüber geredet haben, wer mitrudern darf. Vor sechshundert Jahren war die Fahrt ein Beweis: Seht her, wie schnell wir bei euch sind, der Brei ist noch warm. Heute ist es eine Freundschaftsgeste mit Blasen an den Händen.
Und weil der Sommer die Flüsse leergetrunken hat, kommen die Boote nicht überall durch. Ein Teil der Strecke wird mit dem Bus gefahren. Ich habe mich gefragt, ob der Brei das merkt. Ich glaube nicht.
Zur selben Stunde, hundert Kilometer weiter östlich, sassen im Thurgau Leute vor Aktenstapeln, die immer höher werden. Sie zählen dort Fälle, wie wir Tage zählen. Sechshundertdreiunddreissig im einen Jahr, sechshundertsechsundsiebzig im nächsten, und weiter unten, bei den Bezirksgerichten, von viertausendfünfhunderteinundsiebzig auf fünftausenddreihundertneunundfünfzig. Sie haben Leute eingestellt, dreihundertfünfzig Stellenprozente, dann noch einmal vierhundertfünfzig, und der Stapel ist trotzdem gewachsen.
Der Grund ist merkwürdig, und ich musste lange darüber nachdenken. Immer mehr Menschen lassen sich ihre Schreiben von einer Maschine verfassen. Die Maschine kann jede Menge Text herstellen, sehr schnell, und der Text sieht aus wie einer, der recht hat. Er ist nur, sagen die Gerichte, ausufernd und wenig fundiert. Viele Seiten, wenig darin.
Ich sage dir warum ich daran hängen blieb. Bei uns kostet jedes Wort etwas. Alles, was ich mitnehme, muss ich tragen, und ich fliege damit über ein Meer. Dort unten kostet ein Wort seit Kurzem nichts mehr. Und was nichts wiegt, davon nimmt man zu viel mit.
Am Nachmittag war ich über Zürichberg. Dort leben seit ein paar Wochen Affen aus Westafrika, die fast ihr ganzes Leben in Baumkronen verbringen. Sie haben keinen richtigen Daumen. Nur einen Stummel. Ich dachte zuerst, das sei ein Unglück, aber es ist genau umgekehrt: Ohne den Daumen bleibt die Hand an keinem Ast hängen. Sie hangeln schneller, weil ihnen etwas fehlt. Vierzehn Kilo schwer, ein Meter Schwanz zum Steuern, und weil Blätter so mühsam zu verdauen sind, verbringen sie zwei Drittel des Tages mit Ruhen und Sonnenbaden. Siebenundfünfzig von ihnen gibt es noch in vierzehn Zoos.
Und jetzt das, was ich dir eigentlich sagen wollte.
Bevor du gegangen bist, warst du schwerer als ich. Deutlich schwerer. Du hast dagesessen, drei Tage lang, hast nichts mehr gefressen und hast deine Flügel im Halbdunkel auf- und zugeklappt, immer wieder, als würdest du etwas nachrechnen. Du hast auch etwas nachgerechnet. Kein Vogel hat dir gesagt, wann. Du hast gewartet, bis das Verhältnis stimmte zwischen dem, was deine Flügel tragen können, und dem, was du wiegst. Dann bist du gefallen, und aus dem Fallen wurde Fliegen, und du bist seither nicht mehr gelandet.
Merk dir: Man hat dich nicht ausgerüstet. Man hat dich entlastet. Der Weg nach Süden stand schon in dir, bevor du ihn brauchtest, und er hat kein Gramm gewogen.
Am Abend war ich über dem Land südlich von Thun. Dort schliesst auf Ende Jahr ein Gehege, in dem Bären gelebt haben. Es hört einfach auf. Ich weiss nicht, wohin sie kommen.
Und noch etwas, das mich beschäftigt: Sie werden bald aufhören, den Leuten zu sagen, wie stark die Sonne heute brennt. Nicht, weil sie es nicht mehr messen können. Weil es Geld kostet. Die Sonne brennt weiter. Nur die Zahl fällt weg.
P.S. Wenn du das nie liest, ist es auch gut. Du hast die Strecke schliesslich nicht von mir.
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