Was zwischen den Reihen liegen bleibt
Man hat mich Ende Juni geschnitten, und seither warte ich darauf, dass jemand herausfindet, wo ich aufhöre.
Ich bin anderthalb Hektaren Mais auf der Burgerallmend, südlich von Thun, gleich neben dem Stadion. Gezeichnet wurde ich am Bildschirm, dann digitalisiert, dann mit einem Mulcher abgefahren, den ein Satellit geführt hat. Der Bauer, Christian Kropf aus dem Glockenthal, hat so etwas vor fünfundzwanzig Jahren schon einmal gemacht, in Steffisburg, damals ohne die Hilfe von oben. Er sagt, das sei keine grosse Sache. Ich nehme ihm das nicht ganz ab.
Zwei Stunden nach dem Schnitt hat es gehagelt. Danach kam wochenlang gar nichts. Ich sehe heute aus wie einer, der eine lange Nacht hinter sich hat, aber ich stehe. Der Rest des Sommers steht nicht mehr überall.
Was ich von den Leuten mitbekomme, sind ihre Füsse. Mehr sehe ich nicht. Ich habe keinen Überblick über mich selbst, was für ein Labyrinth ein bemerkenswerter Mangel ist. Also lese ich, was liegen bleibt.
Am Montagmorgen kamen zwei junge Leute herein, so um die siebzehn, achtzehn. Sie sind nicht gelaufen wie Leute, die spazieren. Sie sind an drei Kreuzungen stehen geblieben, und zwar so lange, dass mir der Boden unter ihnen weich geworden ist. Ein Abdruck verrät die Dauer, nicht die Richtung. Der eine hat eine Hülle von einem Kolben abgerissen und sie beim Gehen in immer kleinere Stücke zerlegt. Die Stücke lagen dann über zweihundert Meter verteilt, wie eine Spur, die man legt, wenn man nicht sicher ist, ob man den Rückweg noch braucht.
Ich weiss nicht, was sie hatten. Ich weiss nur, dass am Zentweg in Bern ein Betrieb im September zumacht, der seit fünfundzwanzig Jahren junge Leute in Informatik und Mediamatik ausgebildet hat. Hundertzwanzig von ihnen suchen jetzt einen anderen Ort, an dem sie fertig lernen dürfen. Die ersten zwei Jahre haben sie dort gemacht, danach wären sie weitergezogen in einen Betrieb. Es ist die Weitergabe, die abbricht, nicht das Können.
Zur selben Woche stand in einem Bericht der Kantonsverwaltung, im Kanton Bern seien im Juni zwölftausendeinhundertneunzehn Menschen ohne Arbeit gewesen, das sind 2,1 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es 1,9. Zahlen sind übrigens auch nur Fussabdrücke. Sie sagen dir, wie lange jemand gestanden hat, nicht wohin er wollte.
Am Nachmittag brachte jemand grauen Staub herein, feinkörnig, riecht nach Bitumen. Der kommt aus Schliern. Dort haben sie am selben Tag angefangen, die Haltestelle Eichmatt aufzugraben, in beide Richtungen, bis Mitte November. Sie machen sie länger, weil auf der Linie 10 künftig Doppelgelenktrolleybusse fahren sollen, und hindernisfrei, weil das Gesetz es verlangt. Ab dem 19. wandert die Haltestelle einmal Richtung Bern und ab Oktober wieder zurück Richtung Schliern. Eine Haltestelle, die sich zweimal versetzt, damit am Schluss alles bleibt, wo es war. Ich fühle mich verstanden.
In Rüti bei Büren legen sie derweil einen Belag, der leiser ist als der bisherige. Nicht schneller. Leiser. Das finde ich die bessere Idee.
Am späten Nachmittag kam ein Papierflieger zwischen die Reihen, ein ziemlich schlecht gefalteter. Das Kind, das ihn suchte, war am Wochenende offenbar in Bönigen gewesen, wo sie sich jedes Jahr auf dem Brienzersee treffen, die Piloten mit den Schwimmern unter dem Rumpf. Dieses Jahr war ein kanadischer Beaver dabei, ein weissroter, wie er seit über zehn Jahren auf keinem Schweizer See mehr gelandet war. Für einen Rundflug zahlt man bis zu zweihundertfünfzig Franken. Für den Papierflieger nichts, und er fliegt auch.
Und jetzt zu dem, was mich wirklich beschäftigt.
Es gibt eine Regel, mit der man mich schlagen kann, und sie ist so einfach, dass es fast weh tut: Leg die Hand an eine Wand, irgendeine, und lass sie nicht mehr los. Geh los. Du wirst Umwege machen, viele, aber du kommst garantiert heraus. Kein Nachdenken, kein Gedächtnis, kein Plan. Nur beharrlich dasselbe.
Und das Verblüffende ist, dass es niemand erfunden hat. Ameisen machen das, Küchenschaben, Mäuse: an der Kante entlang, immer Kontakt. Es sieht nach Ängstlichkeit aus, und es ist eine vollständige Suchstrategie. Wer Programme schreibt, kennt sie unter einem anderen Namen und lässt sie über Bäume laufen statt über Maisreihen.
Nur: Die Regel hält nur, solange alle meine Wände zusammenhängen. Sie haben mir eine Verweilzone in die Mitte gebaut und einen Aussichtsturm dazu, und die berühren mich nirgends. Wer die Hand an eine Insel legt, läuft im Kreis und merkt es nicht, weil jede Ecke aussieht wie die vorige.
Der Marketingleiter der Bank, die das hier zu ihrem zweihundertsten Geburtstag bezahlt hat, ist vor der Eröffnung selbst durchgegangen. Er hatte danach einen Termin. Er hat beim Notausgang aufgegeben.
Ich bin bis zum 27. September offen, täglich von acht bis zwanzig Uhr.
Eingewobene Meldungen vom 17. August 2026:
- Zum 200-Jahr-Jubiläum der AEK Bank ist auf der Burgerallmend Thun Süd ein 1,5 Hektaren grosses Maislabyrinth eröffnet worden — Ende Juni per GPS-Mulcher geschnitten, zwei Stunden später Hagel, danach wochenlange Trockenheit; offen bis 27. September, täglich 8 bis 20 Uhr. Plattform J
- Der Berner IT-Ausbildungsbetrieb Bict am Zentweg stellt im September nach 25 Jahren den Betrieb ein; rund 120 Lernende in Informatik und Mediamatik brauchen neue Ausbildungsplätze, eine Sanierung durch den Kanton ist ausgeschlossen. Inside IT
- Der Bericht zur Arbeitsmarktlage weist für den Kanton Bern im Juni 12’119 Arbeitslose aus, eine Quote von 2,1 Prozent nach 1,9 Prozent im Vorjahr. Plattform J
- Die Bushaltestelle Eichmatt in Schliern wird ab dem 17. August bis Mitte November hindernisfrei umgebaut und für die Doppelgelenktrolleybusse der Linie 10 verlängert; in Rüti bei Büren kommt ein lärmmindernder Belag. Plattform J
- Am Seaplane Meeting in Bönigen landeten und starteten Wasserflugzeuge auf dem Brienzersee, darunter ein kanadischer DHC-2 Beaver; Rundflüge kosteten bis zu 250 Franken. Plattform J
