Kreatives

Was durch die Wand geht, ohne ein Loch zu brauchen

In Rüschlikon, vor den Toren Zürichs, hält eine Nadel zehn Millionstel Millimeter über einer Oberfläche an, näher kommt sie nicht, und trotzdem springt genau jetzt ein Elektron von der Nadel zur Fläche hinüber, durch eine Lücke, die es nach den Regeln der klassischen Physik nie hätte überqueren dürfen. Dieses Tunneln, 1986 am selben Ort mit dem Nobelpreis bedacht, ist an diesem Montagmorgen bloss die stille Routine hinter einer Feierstunde: Das IBM-Forschungslabor wird siebzig, über vierhundert Forschende arbeiten heute dort, wo 1956 zunächst 77 Leute in Adliswil anfingen, bevor man 1963 nach Rüschlikon zog. Direktor Alessandro Curioni erzählt den Gästen, dem globalen IBM-Forschungschef Jay Gambetta und ETH-Präsident Joël Mesot unter ihnen, von einem Quantencomputer, der schon bald ans Tessiner Rechenzentrum CSCS in Lugano kommen soll. Eine Volontärin am Empfang schreibt sich den Satz auf, den Curioni zum dritten Mal wiederholt: Die Maschine von damals wirke bis heute nicht alt, sie sei bloss kleiner geworden.

Zur gleichen Stunde vergleicht, kaum zwanzig Kilometer weiter, ein Server ohne Fenster und ohne Kaffeemaschine 237’000 Schweizer .ch-Domains mit Listen, die eigentlich niemand öffentlich einsehen sollte, nämlich mit den Datenlecks früherer Ransomware-Fälle. Das Ergebnis, das die Sicherheitsfirma Risikomonitor zusammen mit der Konferenz Swiss Cyber Storm heute vorstellt, beweist nichts und gibt trotzdem zu denken: Firmen, deren Mitarbeitende sich mit der geschäftlichen Adresse bei mindestens 200 Diensten ausserhalb der eigenen IT-Abteilung angemeldet haben, erleiden 543,5 Ransomware-Fälle pro 10’000 Betriebe, Firmen ohne solche Spur nur 0,8. Ein Weg führt durch die IT-Abteilung, meldet, prüft, genehmigt. Der andere führt direkt zur privaten Cloud, an jeder Prüfung vorbei, und ist für Angreifer der bequemere Eingang.

Zugleich, eine Zeitzone weiter westlich, finden Angestellte in rund 300 Filialen von Intermarché, Netto, Monoprix und Carrefour ihre Kühl- und Gefrierschränke am frühen Morgen warm vor. Niemand musste eine Tür aufbrechen. Die Angreifer nutzten in der Nacht auf Montag eine Lücke in älterer Software und aktivierten bei den Anlagen des Herstellers Danfoss bloss jene Abtaufunktion, die eigentlich nur das Eis vom Verdampfer holen soll, bis das Thermometer fünfzig Grad zeigte. Allein in einer Filiale in Wasselonne beziffert sich der Schaden auf rund 220’000 Euro, in Haguenau auf 50’000, landesweit dürfte es, auch wenn noch niemand genau zählt, in die Millionen gehen. Eine Angestellte, die lieber ungenannt bleibt, trägt am Vormittag Kisten mit geschmolzenem Fisch zum Container und sagt nur, die Kühltruhe habe ja genau das gemacht, was sie konnte, bloss zur falschen Zeit.

Zugleich im Berner Oberland, über der Wiese bei Gsteigwiler, die offiziell kein Landeplatz ist und es laut der Betreiberfirma Swiss Helicopter trotzdem sein darf, setzt ein Helikopter auf, schon der vierte oder fünfte Flug seit dem Morgen. Erlaubt sind dem Unternehmen 3000 Flugbewegungen im Jahr, eine Lärm-Interessengemeinschaft zählt für das letzte Jahr an die 8000, und gegen den Flugplatzleiter läuft, es gilt die Unschuldsvermutung, ein Verwaltungsstrafverfahren, weil er der Behörde über Jahre zu tiefe Zahlen gemeldet haben soll, ohne dass Geschäftsleitung oder Verwaltungsrat davon gewusst hätten. Ein Anwohner, der seine Lärmmessungen seit Jahren in ein Heft schreibt, steht am Gartenzaun und zählt lauter mit, als er müsste.

Zugleich, viele Zeitzonen östlich, rollt auf einem Militärflugplatz in Thailand ein einsitziger Gripen JAS 39C auf die Bahn, und zum ersten Mal sitzt niemand ausser Königin Suthida selbst darin. Schon einmal war sie, als Erste Offizierin neben ihrem Mann auf dessen eigens gesteuerter Boeing 737, bei einem Staatsbesuch in Bhutan mit im Cockpit gewesen. Heute braucht sie zum ersten Mal keinen Zweiten mehr. Ein Bodenmechaniker, der die Maschine durchgecheckt hat, hebt beim Start kurz die Hand, mehr Reaktion erlaubt das Protokoll nicht.

Fünf Maschinen an fünf Orten, keine weiss von der anderen, und jede findet an diesem Montag ihren eigenen Umweg: das Elektron durch eine Lücke, die es laut Lehrbuch nicht geben dürfte, die Mitarbeiterin-Anmeldung an der IT-Abteilung vorbei, die Kälte an der eigenen Sicherung vorbei, der Helikopter an der Wiese vorbei, die Königin am zweiten Sitz vorbei. Nur der eine Weg, der überall offiziell vorgesehen war, bleibt an diesem Tag an allen fünf Orten gleichzeitig ungenutzt stehen.


Eingewobene Meldungen vom 13. Oktober 2026:

  • IBM Research in Rüschlikon feiert 70 Jahre, über 400 Forschende, zwei Nobelpreise (Rastertunnelmikroskop 1986, Hochtemperatursupraleitung 1987), Ausblick auf einen Quantencomputer am CSCS Lugano. Inside IT
  • Studie von Risikomonitor und Swiss Cyber Storm: Schweizer Firmen mit Schatten-IT-Spuren in Datenlecks erleiden 543,5 statt 0,8 Ransomware-Fälle pro 10’000 Betriebe, 237’000 .ch-Domains ausgewertet. Inside IT
  • Cyberangriff heizt Kühl- und Gefrieranlagen von rund 300 Filialen von Intermarché, Netto, Monoprix und Carrefour in Frankreich auf bis zu 50 Grad auf, Schäden in die Millionen. 20min
  • Swiss Helicopter überschreitet in Gsteigwiler (Berner Oberland) das erlaubte Flugkontingent laut Lärm-Interessengemeinschaft massiv, Verwaltungsstrafverfahren gegen den Flugplatzleiter. Plattform J
  • Königin Suthida von Thailand fliegt erstmals allein einen Gripen-Kampfjet, laut Thai-Medien erste Gripen-Pilotin des Landes. 20min

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