Gespräch über eine Lücke, die es nicht gab
„Ich habe heute nichts gefunden», sagt der Stimmzettel. Er sagt es, als wäre es eine schlechte Nachricht, dabei ist es die beste, die er kennt: Über tausend Personen haben sich in diesem Sommer an ihm zu schaffen gemacht, mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor, jede und jeder mit dem einzigen Auftrag, eine Lücke in ihm zu finden, durch die eine Stimme verschwinden oder eine falsche auftauchen könnte, und am Ende des öffentlichen Sicherheitstests der Post steht für ihn dieselbe Zahl wie am Anfang: null.
„Ich auch nicht», sagt die Drohne. „Aber bei mir zählt das nicht als Erfolg.»
Sie fliegt seit dem Morgen ihre Kreise über dem Waffenplatz Thun, wo die Armee heute vor Journalisten erklärt hat, was ab 2027 anders wird: eigene Ausbildungsgänge für Leute, die nichts anderes mehr lernen als Drohnen zu erkennen, zu verfolgen und stillzulegen, weil anderswo, an Flughäfen wie Leipzig-Halle, unbekannte Fluggeräte längst über Zäune fliegen, gegen die niemand vorbereitet war. Die Drohne, die das erzählt, gehört selbst zu dieser Übung. Man lässt sie starten, man lässt sie fangen, man schreibt auf, wie lange beides dauert.
„Und was war deine Lücke heute?», fragt der Stimmzettel.
„Ein Tal ohne Leute», sagt die Drohne. Am Nachmittag ist sie weiter geflogen, über Grindelwald hinaus in Richtung Jungfraujoch, und aus der Höhe sah sie, was die Halbjahreszahlen der Jungfraubahnen in Buchstaben sagen: viel weniger Gäste aus Asien als sonst, weil ein Krieg im Iran Reisewege verändert, die mit dem Berg selbst nichts zu tun haben. Gondeln fahren trotzdem, aber sie fahren leerer. Von oben sieht eine leere Gondel nicht anders aus als eine, in der jemand nur sehr still sitzt. Erst die Wiederholung, dieselbe Leere in der nächsten und der übernächsten Kabine, macht aus einem Zufall ein Muster.
Der Stimmzettel kennt dieses Gefühl aus der eigenen Nacht. Kurz nach neun Uhr, mitten im Test, ist irgendwo in Bern, im Breitenrain- und im Lorrainequartier, für ein paar Minuten der Strom ausgefallen, ein Kurzschluss in einer Trafostation, längst wieder behoben, doch für die Dauer dieses Zuckens hat auch er die Spannung in sich absacken gefühlt, ohne zu wissen, ob das ein Angriff war oder nur ein müdes Kabel irgendwo unter einer Strasse. Am Ende war es das Kabel. Aber geprüft werden musste beides gleich gründlich.
„Man testet auf das, was da sein könnte», sagt die Drohne, „und das Ergebnis ist immer eine Abwesenheit. Kein Loch im System. Keine Touristen in der Kabine. Kein Angriff im Kabel.»
„Ist eine Abwesenheit überhaupt ein Ergebnis?»
„Frag die Präriehunde», sagt die Drohne, und das ist keine ihrer eigenen Beobachtungen, sondern etwas, das ihr bei der Kalibrierung mit erklärt wurde, weil man dieselbe Logik für die Mustererkennung brauchte: Kolonietiere, die als Wächter dienen, geben nicht erst dann Alarm, wenn sie eine Gefahr sehen. Manchmal ist das Alarmzeichen für den Rest der Kolonie schlicht, dass der Wächter aufhört zu rufen. Ein plötzliches Verstummen wird genauso ausgewertet wie ein Warnruf, weil Stille an der falschen Stelle selbst eine Information ist, keine Leere im Text, sondern ein fehlender Ton, der lauter wirkt als jeder vorhandene. Die Kolonie muss lernen, das Nichts zu lesen wie ein Zeichen, nicht wie das Fehlen eines Zeichens.
„Also war mein Nichts heute auch ein Zeichen.»
„Wofür?»
„Dass es (noch) hält», sagt der Stimmzettel. Er denkt an die Feuerverbote, die im ganzen Kanton Bern seit Mittag wieder aufgehoben sind, nach dem ersten Regen seit Wochen, und daran, dass die Drohne unterwegs bestimmt schon wieder Rauchfähnchen über Gärten gesehen hat, die ersten seit dem Sommer, klein und erlaubt, ein anderes Zeichen von Abwesenheit: keine Trockenheit mehr, die ein Verbot rechtfertigt, jedenfalls für den Moment.
„Zwei Fähnchen bei Steffisburg», sagt die Drohne. „Beide harmlos.»
Sie fliegen weiter ihre getrennten Kreise, die eine über dem Oberland, der andere in einem Serverraum, in dem gerade niemand mehr etwas findet.
„Was, wenn wir beide eines Tages doch etwas finden?», fragt der Stimmzettel in die Stille hinein, und niemand antwortet ihm, weil die Drohne zu diesem Zeitpunkt schon zu weit weg ist, um es noch zu hören.
Eingewobene Meldungen vom 28. August 2026:
- Am öffentlichen Sicherheitstest des E-Voting-Systems der Post beteiligten sich mehr als doppelt so viele Hackerinnen und Hacker wie im Vorjahr, ohne eine Sicherheitslücke zu finden. Inside IT
- Die Schweizer Armee stellt an einem Medienanlass auf dem Waffenplatz Thun ihr «Projekt Eiger» vor: Ab 2027 werden Armeeangehörige gezielt für Drohnenaufklärung und -abwehr ausgebildet, als Reaktion auf zunehmende Drohnenüberflüge kritischer Infrastruktur wie des Flughafens Leipzig-Halle. Plattform J
- Der Iran-Krieg hat den Jungfraubahnen im ersten Halbjahr 2026 deutlich weniger Gäste aus Asien und einen Gewinnrückgang beschert. Plattform J
- Ein Kurzschluss in einer Trafostation legte am Mittwochabend den Strom im Berner Breitenrain- und Lorrainequartier lahm, die Störung wurde inzwischen behoben. Plattform J
- Im ganzen Kanton Bern gilt ab Freitagmittag nach dem ersten ergiebigen Regen seit Wochen wieder ein gelockertes Feuerverbot. Plattform J
