Kreatives

Was am Mittwoch über die Schwelle geht

Um sieben Uhr zwölf erscheint im Beschaffungsportal des Bundes ein neues Dokument, drei Infrastrukturen, unterschiedliche Datenschutzstufen, eine Summe mit bis zu sieben Milliarden Franken, und niemand, der es liest, feiert das.

Das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation schreibt die Swiss Government Cloud aus, jenes Projekt, das die föderale IT-Landschaft ablösen soll, sobald die heutigen Systeme ihr Lebensende erreichen. Im Ausschreibungstext steht es nüchtern, die bestehende Infrastruktur erfülle die Anforderungen der Digitalisierung nicht mehr, Jahre an Wartung und Flicken haben daran nichts geändert, es war immer nur eine Frage der Zeit, bis der Punkt kommt, an dem Nachrüsten teurer ist als Neubau. Ein Zuschlagsdatum nennt das Dokument nicht, nur die Schwelle, ab der das Alte nicht mehr genügt.

Neunzehn Uhr, zwei Tage zuvor: Beim Schulhaus Unterbach beginnt ein Schweigemarsch, zieht über die Startpiste des Militärflugplatzes Meiringen bis zur Scheune der Familie Fankhauser, wo es Suppe gibt, an diesem Mittwoch zeigt die Lärmmessstation der IGF Alpenregion, seit 2022 in Betrieb und von den Gemeinden mit einem Franken pro Kopf mitfinanziert, noch immer denselben stillen Wert. Mehrere Hundert Menschen waren gekommen, mehr Erwachsene als im Vorjahr, die meisten ohne Vereinsausweis, sie forderten mehr Geld für Lärmschutzfenster, nachdem der Nationalrat eine Erhöhung von dreissig auf einundfünfzig Millionen Franken abgelehnt hatte, SP-Nationalrätin Ursula Zybach nutzte den Abend, um ihren bürgerlichen Ratskollegen Versäumnisse vorzuwerfen, Vereinspräsident Peter Michel erinnerte an das Jahr davor, als geplante Nachtflüge am Ende ausblieben: Die Kinder seien trotzdem eingesperrt gewesen, sagte er, weil niemand vorher wusste, ob es laut würde oder nicht.

Auf dem Bundesplatz in Bern springen die Fontänen um die Mittagszeit noch wie an jedem anderen Tag, niemand, der vorbeigeht, hält inne, niemand zählt mit. Am Sonntag, dem fünfundzwanzigsten Oktober, tun sie das zum letzten Mal vor der Winterpause, pünktlich zur Umstellung von Sommer- auf Winterzeit, dann übernehmen Reinigungs- und Unterhaltsarbeiten das Becken, bis das Wasserspiel zum Frühlingsanfang 2027 zurückkehrt. Zwischen dem letzten Strahl und dem ersten im neuen Jahr liegt für das Becken eine Stille von fünf Monaten, die niemand als Ausfall bucht, sondern als Übergang, die Uhrzeit, zu der das geschieht, steht noch nirgends fest, nur das Datum, an dem die Schwelle fällt.

Vierzehn Uhr Ortszeit, viertausend Kilometer weiter östlich: In den Jurtencamps rund um den Issyk-Kul hängen seit drei Jahren Plakate gegen Wilderei, seit Präsident Sadyr Japarov den Schneeleoparden zum nationalen Symbol erklärte, rund dreihundert Tiere leben noch in den Bergen Kirgistans, wo man sie Geist der Berge nennt, und wer einen von ihnen tötet, gilt seither als Angreifer der ganzen Nation, der Snow Leopard Trust zahlt 22’000 Som, umgerechnet etwa 200 Franken, für die Ergreifung eines Wilderers, zehntausend Som für jedes beschlagnahmte Gewehr, und das Prämiensystem funktioniert, auch weil es im Land ohnehin viel Korruption zu umgehen gibt, die internationale Rote Liste hat die Art inzwischen von gefährdet auf verletzlich herabgestuft, eine Stufe, kein Sprung, der Biologe Kuban Jumabaev lässt sich davon nicht beruhigen, mit dreihundert Tieren, sagt er, könne sich niemand zufriedengeben.

Um einundzwanzig Uhr siebenundvierzig öffnet sich ein Chatfenster bei Galaxus, eine Kundin erinnert sich nicht mehr an eine Bestellung, für die ihr soeben eine Rechnung nachgereicht wurde, sieben Jahre nachdem die Ware geliefert worden war, ein Systemfehler hatte über viertausendvierhundert Rechnungen jahrelang gar nicht erst verschickt, nun holt das Unternehmen sie nach, bei rund vierzehnhundert davon ist die Fünfjahresfrist der Verjährung bereits verstrichen, die Beraterin im Chat weist von sich aus darauf hin, bevor die Kundin überhaupt fragt, und bietet an, die Rechnung zu stornieren, verjährte Forderungen zu stellen sei nicht unzulässig, schreibt Galaxus dazu, aber man wisse, dass eine so späte Post Irritation auslöse, sagt Kommunikationsverantwortliche Seraina Cadonau. Die Schuld bleibt bestehen. Nur einfordern lässt sie sich nicht mehr.


Eingewobene Meldungen vom 21. Oktober 2026:

  • Das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation schreibt auf der Beschaffungsplattform eine neue «Swiss Government Cloud» aus, drei Infrastrukturen mit unterschiedlichen Datenschutzstufen, Gesamtvolumen bis zu 7 Milliarden Franken, da die heutigen Systeme laut Ausschreibungstext die Digitalisierungsanforderungen nicht mehr erfüllen. Inside IT
  • Mehrere Hundert Menschen zogen am 19. Oktober in einem Schweigemarsch der IGF Alpenregion vom Schulhaus Unterbach über die Startpiste des Militärflugplatzes Meiringen zur Scheune Fankhauser, gegen den Lärm des F-35A und für mehr Mittel für Lärmschutzfenster, vom Nationalrat von 30 auf 51 Millionen Franken abgelehnt, IGF-Präsident Peter Michel und SP-Nationalrätin Ursula Zybach äusserten sich vor Ort. Plattform J
  • Das Wasserspiel auf dem Berner Bundesplatz wird mit der Umstellung auf die Winterzeit am Sonntag, 25. Oktober, letztmals in Betrieb genommen und erst zum Frühlingsanfang 2027 wieder eingeschaltet, dazwischen stehen Reinigungs- und Unterhaltsarbeiten an. Plattform J
  • Kirgistan hat den Schneeleoparden, von dem im Land noch rund 300 Tiere leben, vor drei Jahren zum nationalen Symbol erklärt, ein Prämiensystem des Snow Leopard Trust (22’000 Som für einen gefassten Wilderer, 10’000 Som pro beschlagnahmtem Gewehr) sowie die Herabstufung der Art von «gefährdet» auf «verletzlich» zeigen Wirkung, Biologe Kuban Jumabaev bleibt dennoch vorsichtig. SRF
  • Ein Systemfehler liess Galaxus über Jahre bei mehr als 4000 Bestellungen die Rechnung vergessen, rund 1400 davon sind inzwischen verjährt, Kommunikationsverantwortliche Seraina Cadonau erlässt Betroffenen die Zahlung auf Wunsch, da verjährte Forderungen zwar zulässig, aber oft irritierend seien. SRF

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