Kreatives

Ich zähle nur Gewicht, keine Gesichter

Ich merke jemanden, bevor ich weiss, wer es ist: an der Verteilung des Gewichts auf dem Belag, an einem Zögern mitten im Schritt. Getreidewagen haben mich so nie zögern gespürt, als sie noch zur Mühle in Unterseen rollten; seit die BLS 1987 mein Anschlussgleis stilllegte und zehn Jahre später die Weiche herausnahm, kommen nur noch Füsse und Räder, und an diesem Sonntag im Oktober ungewöhnlich viele Stimmen auf einmal.

Am Mittag steht eine Frau mit Messband und Pegelstab eine Viertelstunde auf meiner Mitte, wiegt sich leicht von einem Fuss auf den anderen und erklärt dem Mann neben ihr, was sie selbst unter mir gemessen hat: dass das Gefälle keinen Meter beträgt, dass zwei Schächte am Grund reichen würden für je fünfunddreissig Kilowatt und zusammen über sechshunderttausend Kilowattstunden im Jahr, später vielleicht das Vierfache. Der Interlakner Bauentwickler Adrian Haug, der mich im April 2022 gekauft hat, nennt das selbst nur eine «Vision», die noch verfeinert werden müsse. Mit dem Strom liesse sich das Regionalspital, das jährlich rund vier Gigawattstunden braucht, in der grösseren Ausbaustufe mehr als zur Hälfte versorgen, unter den Turbinen soll eine stehende Welle entstehen, und oben, auf mir, eine Bar. Was ich von alldem am Ende tragen werde, weiss die Frau selbst noch nicht.

Am Nachmittag kommt ein junger Mann mit Werkzeugkoffer von der Seite der Lütschine, auf dem Weg nach Brig, und erzählt seinem Begleiter, was ihn aufgehalten hat: dass die Firma Elektro Supersaxo aus Saas Fee den kleinen Brigerischen IT-Betrieb Bar Informatik übernimmt, über eine neue Tochter namens ICT Supersaxo, vierzehn Angestellte, Name und Standort bleiben. Er selbst trägt Kupferdraht und Kanalrohr, schwer in der Hand; was die andere Firma verkauft, lässt sich nicht stapeln und nicht in einen Koffer packen, und trotzdem steht heute auf dem Papier, wem es gehört.

Kurz vor Sonnenuntergang kommt eine Frau mit Feldstecher von der Beobachtungsstation herunter und ruft einer anderen, die gerade erst ankommt, die Zahl des Tages zu: In der ganzen Schweiz haben an diesem Wochenende rund 3400 Menschen an 61 Stellen mitgezählt, zusammen etwa 250’000 Zugvögel, am meisten Ringeltauben, Buchfinken und Stare, dazu ein Schlangenadler und ein Gelbbrauen-Laubsänger, beide selten genug, um am Abend noch einmal erzählt zu werden. Jeder dieser Vögel hat sich in den Tagen vorher schwerer gefressen, als er eigentlich ist, weil dieses zusätzliche Gewicht das einzige Gepäck ist, das er nach Afrika oder in den Mittelmeerraum mitnehmen kann.

Am Abend hält ein Lieferwagen mit Walliser Kennzeichen kurz auf mir an, und der Fahrer erklärt dem Beifahrer, warum sie den weiten Weg über den Pass genommen haben: Im Spreitgraben zwischen Innertkirchen und Guttannen ist am Donnerstag nach Regen so viel Gestein vom Ritzlihorn heruntergekommen, dass die Grimselpassstrasse verschüttet wurde, noch bevor es jemand sehen konnte; ein Warnsystem im Gerinne schlug früh genug Alarm, sodass Guttannen nur stundenlang von der Walliser Seite her erreichbar war, kurz nach fünf Uhr war die Strecke zwischen Boden und Guttannen wieder offen, verletzt wurde niemand. Wie viele Tonnen das waren, weiss der Fahrer nicht, nur, dass die Strasse jetzt wieder trägt, was vorher ungewiss war.

Ganz zuletzt, als es schon dunkel ist, bleiben zwei Jugendliche mit Velos auf mir stehen, und die eine erzählt der anderen, was ihr der Physiklehrer am Nachmittag noch erzählt hat: dass der Physik-Nobelpreis an Francis Halzen geht, für ein Observatorium namens IceCube, einen Kubikkilometer Eis am Südpol mit über fünftausend Lichtsensoren, die seit 2013 hochenergetische Neutrinos aus dem fernen All nachweisen. Das seien Teilchen fast ohne Gewicht, von denen allein aus der Sonne jede Sekunde um die 65 Milliarden durch einen einzigen Fingernagel fliegen, ohne dass irgendjemand etwas davon merkt, bis eines von ihnen, selten genug, auf einen Atomkern im Eis trifft und für einen Wimpernschlag aufleuchtet. Anders als geladene kosmische Strahlung, die von Magnetfeldern abgelenkt wird, fliegen sie geradeaus und zeigen genau dorthin, wo sie entstanden sind, vermutlich in der Nähe gewaltiger Schwarzer Löcher.

Was ich von alldem begreife, ist wenig, aber genug: Dass etwas fast kein Gewicht hat und trotzdem durch einen ganzen Planeten fliegt, ohne irgendwo anzustossen, kommt mir inzwischen weniger seltsam vor als am Morgen. Unter mir fliesst seit hundert Jahren dieselbe Aare, ohne dass je jemand wusste, wie viele Kilowattstunden in ihr stecken, bis heute eine Frau sie mit einem Messband befragte; über mir ziehen seit Jahrtausenden dieselben Vögel, ohne dass einer von ihnen wüsste, wie viel er selbst zusätzlich wiegt, bis eine Zählerin es für ihn aufschrieb; oberhalb von Guttannen lag das Gestein, das den Spreitgraben hinunterkam, vermutlich jahrelang unauffällig bereit. Verändert hat sich heute nichts von alldem, nur gemessen wurde es, verschoben, einmal auch verkauft.

Mein eigenes Gewicht kennt inzwischen, wer mich vermessen hat, ob ich das zusätzliche einmal tragen werde, weiss im Moment noch niemand, am wenigsten ich.


Eingewobene Meldungen vom 11. Oktober 2026:

  • Interlakner Bauentwickler Adrian Haug plant für die stillgelegte, fast hundertjährige Eisenbahnbrücke zwischen Interlaken und Unterseen ein Kleinwasserkraftwerk (zunächst 2×35 kW/612’000 kWh, später 140 kW/2,45 Mio. kWh pro Jahr), eine künstliche Surfwelle und eine Bar; Stromlieferung ans Regionalspital Interlaken im Gespräch mit Spitäler-FMI-Chefarzt Tobias Hertle, Projekt am Anfang eines langen Bewilligungsverfahrens. Plattform J
  • Das Elektroinstallationsunternehmen Elektro Supersaxo aus Saas Fee übernimmt über die neue Tochter ICT Supersaxo den IT-Betrieb Bar Informatik aus Brig (gegründet 1990, 14 Mitarbeitende), Name und Standort bleiben, Ziel ist der Ausbau des ICT-Bereichs. Inside IT
  • An den BirdLife-Zugvogeltagen zählten in der Schweiz rund 3400 Teilnehmende an 61 Beobachtungsstellen etwa 250’000 Zugvögel, am häufigsten Ringeltauben, Buchfinken und Stare, als Seltenheiten ein Schlangenadler und ein Gelbbrauen-Laubsänger. Plattform J
  • Ein Murgang im Spreitgraben zwischen Innertkirchen und Guttannen verschüttete am 8. Oktober nach Regenfällen die Grimselpassstrasse, ein Warnsystem löste rechtzeitig Alarm aus, die Strecke zwischen Boden und Guttannen war kurz nach 17 Uhr wieder offen, verletzt wurde niemand. Plattform J
  • Der Physik-Nobelpreis 2026 geht an Francis Halzen für das IceCube-Neutrino-Observatorium am Südpol (ein Kubikkilometer Eis, über 5000 Lichtsensoren bis 2450 m Tiefe, Nachweis hochenergetischer Neutrinos aus dem All seit 2013). SRF

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