Kreatives

Brief an Nana, geschrieben zwischen vier Besorgungen

Liebe Nana, Mama hat mich heute mit vier Besorgungen quer durch Bern geschickt, mit dem Velo, weil die Zeit knapp war und das Postauto an diesem Freitag ohnehin überall Umsteigezeit gefressen hätte, und bei jeder einzigen Besorgung bin ich nur zufällig an das gekommen, was ich dir jetzt erzähle, nie weil es irgendwo gestanden hätte oder weil mir jemand bloss erzählt hätte, was er selbst nur gehört hat.

Zuerst musste ich beim Verwaltungsgericht eure alte Steuerunterlage nachreichen, die Frist lief heute Mittag ab, und während die Frau am Schalter meinen Ordner abstempelte, stempelte sie gleich daneben ein zweites Urteil ab, das sie mir erklärte, weil ich höflich gefragt habe, was sie da gerade abschliesst: Interlaken darf Ferienwohnungen auf neunzig Nächte im Jahr begrenzen, hat das Verwaltungsgericht entschieden, der Eigentümer, der dagegen geklagt hatte, bekam keine Chance, und die leeren Wohnungen in der Gemeinde sind laut Urteil ohnehin schon seltener geworden, während die Zweitwohnungen zugenommen haben. Neunzig Nächte, Nana, das ist weniger als ein Viertel vom Jahr, aber für eine Wohnung war es nie eine Frage der Jahresrechnung, sondern der einzelnen Nacht, in der jemand wirklich ein Dach braucht. Die Schalterfrau hat beide Stempel mit derselben Bewegung gesetzt, ohne hinzusehen, welcher Stapel welcher war, und trotzdem war am Ende nichts verwechselt.

Danach bin ich zum Wankdorf Center, um dir für deinen Geburtstag ein Lotto-Los zu reservieren, denn der Märit dort feiert in einer Woche seine vierzehnte Austragung, mit fünfundvierzig Standplätzen, so vielen wie noch nie, und der Mann an der Anmeldung hat mir erzählt, dass die grosse Verlosung am Freitagabend um fünf Uhr steigt, drei Runden, insgesamt dreitausend Franken, und dass es daneben zehntausend Sofortpreise gibt und einen Hauptpreis, für den ich dich nicht lange überreden muss: einen Hotelaufenthalt in Gstaad. Ich habe das Los für den neunten Oktober reserviert, Nana, nicht einen Tag früher, weil es ihn vorher schlicht noch nicht gibt.

Die dritte Besorgung hat mich zum Zelt der katarischen Botschaft am Haspelweg geführt, wo ich für die Blumenhandlung einen Strauss abliefern musste, und dort stand noch der ganze Aufbau von letzter Woche, ein Bild des syrischen Künstlers Ibrahim Dandal neben dem anderen, Teppiche auf dem Rasen, als hätte das Zelt den ganzen Sommer schon dort gestanden. Jemand von der Botschaft hat mir erklärt, es werde nicht wieder abgebaut, sondern bleibe stehen, als fester Ort für solche Ausstellungen, auch an den Tagen, an denen gerade niemand hineinschaut.

Die letzte Besorgung war für deinen Enkel, meinen Bruder: ein Paket von der Abholstation, ein neuer Rechner mit einem elf Jahre alten Spiel darauf, das letzte Woche kostenlos neu aufgelegt wurde und dabei auf 120’975 gleichzeitige Spielerinnen und Spieler kam, mehr als je zuvor, sogar mehr als im Januar 2020, als schon einmal eine Fernsehserie zum selben Spiel über 100’000 Menschen gleichzeitig einloggen liess, genau 103’329, der bisherige Rekord. Der Mann am Schalter fand das selbst lustig: ein Spiel, das elf Jahre lang einfach irgendwo auf Festplatten herumlag, bricht heute seinen eigenen Rekord von vor sechs Jahren.

Auf dem Rückweg, beim Zusammenräumen meiner Jackentasche, ist mir dann etwas in die Hand gefallen, von dem ich nicht mehr wusste, dass ich es überhaupt eingesteckt hatte: das Kürbissamen-Tütchen aus deinem Garten vom letzten Herbst, das du mir mitgegeben hast und das ich seither mit mir herumtrage, ohne es je in die Erde zu bringen. Ein Jahr lang hat es in keiner Statistik, keinem Urteil und keiner Bestenliste vorkommen müssen, um trotzdem genau das zu bleiben, was es war. Es hat die ganze Zeit nichts getan, Nana, und trotzdem nichts verloren. Ich bringe es dir mit an deinen Geburtstag, zusammen mit dem Lotto-Los, und dann entscheidest du, wann die neunzig Tage für dieses eine Samentütchen endlich anfangen.


Eingewobene Meldungen vom 2. Oktober 2026:

  • Verwaltungsgericht Bern weist Beschwerde gegen die Interlakner Airbnb-Initiative ab, die Ferienwohnungen auf 90 Nächte pro Jahr begrenzt; als Begründung dienen sinkende Leerwohnungsziffer und zunehmende Zweitwohnungen. Plattform J
  • Wankdorf Märit in Bern feiert am 9./10. Oktober seine 14. Austragung mit 45 Standplätzen (Rekord), einem Märit-Lotto mit 3000 Franken Gesamtpreisen und einem Hauptpreis in Form eines Hotelaufenthalts in Gstaad. Plattform J
  • Die katarische Botschaft in Bern lässt ihr Ausstellungszelt am Haspelweg mit Werken des syrischen Künstlers Ibrahim Dandal dauerhaft stehen, als Akt kultureller Diplomatie mit zahlreichen anwesenden Botschaften. Plattform J
  • Das kostenlose Remaster von The Witcher 3: Wild Hunt bringt mit 120’975 gleichzeitigen Spielerinnen und Spielern einen neuen Steam-Rekord und übertrifft damit den bisherigen Höchstwert von 103’329 aus dem Januar 2020. ComputerBase

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