Kreatives

Klimabulletin KB-14: Was schwer ist, vergisst die Wärme zuletzt

Klimabulletin KB-14, ausgegeben um vierzehn Uhr, Kanton Bern, Stichtag 25. September 2026: fünf Messpunkte, eine gemeinsame Nachmittagsstunde, keine Verbindung untereinander ausser dieser Liste selbst, die keiner der fünf je zu Gesicht bekommt.

Messpunkt eins, Sitzungszimmer einer Konjunkturumfrage in der Berner Altstadt, einundzwanzig Grad, reglose Luft aus der Klimaanlage: siebzehn Ökonominnen und Ökonomen haben zwischen dem dritten und dreiundzwanzigsten September geantwortet, und aus knapp einem Prozent Wachstumserwartung im Juni sind für dieses Jahr eins Komma sieben Prozent geworden, für nächstes Jahr von eins Komma fünf auf ebenfalls eins Komma sieben Prozent, die Bauinvestitionen springen von eins Komma zwei auf zwei Komma vier Prozent, die Teuerung sinkt leicht von null Komma sieben auf null Komma sechs Prozent, während die Arbeitslosigkeit bei drei Komma eins Prozent stehen bleibt, unbewegt wie ein Messwert, der weiss, dass er heute ohnehin nicht gebraucht wird.

Messpunkt zwei, Felsenkeller einer Alpkäserei im Val d’Anniviers, zehn Grad, unverändert seit Jahrzehnten, ganz gleich was draussen gerade herrscht: acht Laibe Walliser Raclettekäse aus den Jahren 1875 bis 2017 haben Forschende von Agroscope und der ETH Zürich diesen Monat in der Fachzeitschrift Current Biology genetisch entschlüsselt, im ältesten Laib von 1875 kein Hinweis auf Antibiotika, im Laib von 1975 dafür eine auffällig hohe Konzentration eines Tetracyclin-Resistenzgens, insgesamt eine deutlich grössere bakterielle Vielfalt in den älteren Proben als im heutigen Käse, denn Käse, so eine der beteiligten Forscherinnen, sei ein ausgezeichnetes Archiv für die Langzeitkonservierung von genetischem Material; der Fels selbst hat von alldem nichts weitergegeben, er hat es nur zugelassen.

Messpunkt drei, Kaiserhaus an der Berner Marktgasse, zwanzig Grad hinter meterdicken Sandsteinmauern aus dem achtzehnten Jahrhundert, drinnen spürbar kühler als draussen auf der Gasse: seit der Wiedereröffnung im April haben rund dreizehntausend Menschen die Geldausstellung Moneyverse besucht, an starken Tagen bis zu zweihundertvierzig, ab Anfang Oktober ziehen vierzehn neue Läden ein, darunter eine Taschenmarke aus gepresstem Traubentrester und Sneakers aus zirkulärer Produktion, und die Hofbar will künftig ein- bis zweimal pro Woche mit Livemusik den eigenen Rhythmus in den Innenhof bringen, weil ein solcher Aufbau, wie es der zuständige Gastronom formuliert, seine Zeit brauche.

Messpunkt vier, Sägemehlring in Schachen im Kanton Luzern, einunddreissig Grad an der Ringoberfläche, spürbar wärmer als die Luft eine Handbreit darüber: am Eidgenössischen Frauen- und Meitlischwingfest verteidigt die fünfundzwanzigjährige Jasmin Gäumann aus Zäziwil, in Schwingerkreisen Jäsle genannt, seit heute Mittag punktgleich mit zwei weiteren Konkurrentinnen an der Spitze der Jahreswertung liegend, ihren Titel als Schwingerkönigin, während das lose Sägemehl unter jedem Griff kurz aufstaubt, kurz dunkler wird, wo ein Rücken landet, und sich zwischen den Gängen schneller wieder abkühlt, als es irgendjemand am Ringrand bemerkt.

Messpunkt fünf, Swiss Smart Factory in Biel, vierunddreissig Grad an einem laufenden Servomotor, sechs Grad über der Halle: was Ende August beim ersten Embodied AI Jam von SAP Schweiz an humanoiden Robotern, vierbeinigen Roboterhunden und Drohnen zusammengebaut wurde, arbeitet vier Wochen später weiter, hebt Kisten, prüft Anlagen und meldet sich über die Software Joule bei denselben Geschäftsprozessen zurück, in einem so gleichmässigen Rhythmus, dass die Mechanik dabei wärmer wird als die Halle, die sie umgibt, während der zuständige Technologiechef des Unternehmens dazu sagt, man verlasse damit endgültig die reine Buchhaltungssoftware und lande in einer Halle, die tatsächlich Staub aufwirbelt, und die Teams hätten an einem einzigen Wochenende im August konkrete Anwendungsfälle entwickelt, von der Lagerautomatisierung bis zur Anlageninspektion, für die sonst Wochen eingeplant gewesen wären.

Amtliche Schlussbemerkung KB-14: An allen fünf Messpunkten herrschte um vierzehn Uhr dieselbe Sonne, doch nicht dieselbe Wärme, denn was viel wiegt, nimmt sie langsam auf und gibt sie ebenso langsam wieder her, während was wenig wiegt, sie sofort annimmt und ebenso schnell wieder verliert; die dicke Sandsteinmauer und der kalte Fels sind darin näher verwandt, als der Sägemehlring und der Servomotor es vermuten liessen, und am schnellsten von allen kühlen die Zahlen aus der Berner Altstadt, denn Prozente haben überhaupt kein Gewicht. Ende der Messreihe, keine weiteren Vermerke.


Eingewobene Meldungen vom 25. September 2026:

  • Schweizer Ökonominnen und Ökonomen heben ihre Wachstumsprognose für 2026 von 0,9 auf 1,7 Prozent an, Umfrage unter 17 Fachpersonen vom 3. bis 23. September, Bauinvestitionen springen auf 2,4 Prozent, Arbeitslosigkeit bleibt bei 3,1 Prozent. Plattform J
  • Agroscope und ETH Zürich entschlüsseln genetisch acht Walliser Raclettekäse-Laibe von 1875 bis 2017 aus dem Val d’Anniviers, veröffentlicht in Current Biology: grössere Bakterienvielfalt in alten Proben, Tetracyclin-Resistenzgen ab 1975 nachweisbar. Plattform J
  • Ein halbes Jahr nach der Eröffnung zieht das Kaiserhaus in Bern eine positive Bilanz: rund 13’000 Besucherinnen und Besucher der Geldausstellung Moneyverse, 14 neue Läden ab Oktober, mehr Livemusik in der Hofbar. Plattform J
  • Jasmin Gäumann aus Zäziwil verteidigt am Eidgenössischen Frauen- und Meitlischwingfest in Schachen ihren Titel als Schwingerkönigin, punktgleich mit zwei Konkurrentinnen an der Spitze der Jahreswertung. Plattform J
  • SAP Schweiz lässt beim ersten Embodied AI Jam in der Swiss Smart Factory Biel humanoide Roboter, Roboterhunde und Drohnen an Lagerautomatisierung und Anlageninspektion arbeiten, gesteuert über die KI-Software Joule. PCtipp

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