Kreatives

Der Sonntag, an dem sich alles selber bremst

Mailand, Navigli-Viertel, kurz nach acht Uhr morgens: Wer heute am Kanal entlanggeht, riecht zuerst und sieht erst danach. Es riecht nach Altöl, nicht nach Espresso, und die Tauben halten mehr Abstand zum Wasser als sonst. Seit Freitagabend zieht sich ein Ölteppich über 28 Kilometer durch das Navigli-Kanalsystem, entdeckt bei Wartungsarbeiten an der Kanalisation in Magenta. Die Feuerwehr hat an der Schleuse Canottieri orangefarbene Absorptionsbarrieren gespannt, die die Ausbreitung Richtung Stadtzentrum bremsen sollen, nicht stoppen. «Der Schaden ist immens, ganz besonders für Fische und Vögel», sagt Claudio De Paola, Direktor des Parco del Ticino; die Vogelschutzliga behandelt bereits einen verölten Schwan. Eine Joggerin bleibt an der Barriere stehen und zählt die Flecken, die trotzdem durchgesickert sind. Es sind wenige. Genau das ist der Witz an einer Barriere: Sie hält nichts auf, sie bremst nur, so lange, bis dem Öl selbst die Kraft ausgeht, sich weiter auszubreiten.

Bern, Kellerraum eines Amtsgebäudes an der Bundesgasse, halb neun: Seit Mittwoch stehen dort zwei zusätzliche Serverracks, verkabelt, noch ohne Beschriftung. Ein Hauswart, der die Etage sonst nur wegen der Heizung betritt, hält das für eine Anschaffung fürs Archiv und irrt sich vollständig. Getestet wird hier der Ausstieg aus der Microsoft-Cloud: 170 Testpersonen haben ein erstes Jahr mit quelloffener Software hinter sich, jetzt werden 3000 Arbeitsplätze umgerüstet. «Microsoft verlagert seine Dienste zunehmend in die Cloud, dann liegen die Daten nicht mehr bei uns, sondern beim Anbieter», sagt Daniel Markwalder, der die digitale Transformation der Bundesverwaltung leitet. Als Vorbild dient das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein, das schon zu 80 Prozent unabhängig ist. Der Bund tastet sich langsamer heran: erst 170, dann 3000, dann zwei Jahre Beobachtung, bevor überhaupt über einen vollständigen Wechsel entschieden wird. Nicht aus Zögerlichkeit, sondern weil jede ersetzte Schnittstelle zeigt, wie viele andere Schnittstellen noch daran hängen.

Zürich, ETH Hönggerberg, ein Sitzungszimmer mit Blick auf den Zürichberg: An der Wand hängt seit gestern Abend eine zweite Weltkarte, die auf den ersten Blick falsch aussieht. Grönland ist plötzlich klein, Afrika riesig. Ein Erstsemester, der sich verirrt hat und kurz hereinschaut, hält das für einen Druckfehler. Es ist die «Equal Earth»-Karte, die die UNO-Generalversammlung nun empfiehlt, nachdem die afrikanische Staatengruppe seit Jahren auf die verzerrten Flächenverhältnisse der klassischen Mercator-Karte hingewiesen hat. «Eine Kugel lässt sich nie ohne Verzerrung auf eine Ebene bringen, das ist wie eine Orangenschale flachdrücken», sagt Lorenz Hurni, Kartografie-Professor an der ETH Zürich. Die neue Karte zeigt Flächen richtig und verzerrt dafür Winkel und Umrisse, die Mercator-Karte macht es umgekehrt. Es gibt keine Karte, die beides gleichzeitig kann, nur Karten, die sich für einen anderen Kompromiss entscheiden. Wer vergleichen will, wie gross ein Land wirklich ist, muss zuerst akzeptieren, dass es dafür seine gewohnte Form verliert.

Les Diablerets, Glacier 3000, kurz vor Mittag: Aus der Gondel sehen die Ausflügler zwei graue Flicken auf dem sonst weissen Gletscher, je hundert Quadratmeter gross, und halten sie zuerst für liegen gebliebene Frachtplanen. Es ist Schafwolle. Seit Ende Juni testen die Summit Foundation und die Universität Lausanne, ob das Naturmaterial die Eisschmelze so gut bremst wie die bisher üblichen Kunststoffplanen. Erste Messungen des Gletschermessnetzes Glamos zeigen: fast ebenso gut, 50 bis 70 Prozent weniger Schmelze an der abgedeckten Stelle, ohne dass sich Plastikfasern im Schmelzwasser lösen. Die Wolle stoppt den Gletscher nicht, sie bremst nur den Wärmefluss von der Luft ins Eis, und selbst das nur auf 0,02 Prozent der gesamten Gletscherfläche der Schweiz, wie die Organisatoren selber einräumen. Eine Bremse, die noch viel grösser sein müsste, um wirklich etwas zu bewirken.

Bönigen, Gemeindehaus, früher Nachmittag: Auf dem Pult der Finanzverwaltung liegt ein unterschriebenes Schreiben, noch nicht verteilt. Ab Dezember übernimmt Tamara Stanisavljevic die Stelle als Sachbearbeiterin Finanzen-Steuern, bei derselben Gemeindeverwaltung, bei der sie 2024 ihre Lehre abgeschlossen hat. Dazwischen lagen zwei Jahre bei verschiedenen Gemeinden im Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli, dazu ein laufender Fachausweislehrgang zur Gemeindefachfrau. Wer nur das Datum auf dem Schreiben liest, könnte meinen, hier sei einfach eine Stelle neu besetzt worden. Wer nachfragt, merkt: Die schnellste Art, irgendwo richtig anzukommen, ist offenbar, zuerst woanders hinzugehen.


Eingewobene Meldungen vom 6. September 2026:

  • Seit Freitagabend breitet sich ein Ölteppich über 28 Kilometer durch das Navigli-Kanalsystem in Mailand aus, Absorptionsbarrieren sollen die Ausbreitung bremsen, Fische und Vögel sind betroffen. 20 Minuten
  • Die Bundesverwaltung testet in einem Grossprojekt mit inzwischen 3000 Arbeitsplätzen quelloffene Software als Alternative zur Microsoft-Cloud, um die digitale Abhängigkeit zu verringern. SRF
  • Die UNO-Generalversammlung empfiehlt neu die flächentreue «Equal Earth»-Karte anstelle der verzerrenden Mercator-Projektion, ETH-Kartograf Lorenz Hurni erklärt Vor- und Nachteile. SRF
  • Auf dem Glacier 3000 in Les Diablerets bremsen testweise ausgelegte Schafwolldecken die Gletscherschmelze fast so wirksam wie bisherige Kunststoffplanen, bei geringerer Umweltbelastung. Plattform J
  • Die Gemeindeverwaltung Bönigen besetzt die Stelle Sachbearbeiterin Finanzen-Steuern mit einer ehemaligen Lernenden, die zuvor bei mehreren Gemeinden im Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli tätig war. Plattform J

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