Fünf Stationen gegen einen Hunger, der noch nicht da ist
Werner Aeschbacher hat einen Zettel mit fünf Adressen und einen Kaffee, der kalt wird, bevor er ihn trinkt. Fachstelle Vorsorge, Kanton Bern, Dienstagmorgen. Sein Auftrag heisst schlicht: kontrollieren, was für den Ernstfall bereitsteht, bevor der Ernstfall fragt.
06:40 Uhr, Bern, Sekundarschule Weissenbühl. Die Schulleiterin wartet mit einem Ordner. Der Regierungsrat hat Handlungsbedarf erkannt: Deepfakes im Klassenchat, gefälschte Sprachnachrichten von Lehrpersonen, ein Kind, das ein Bild von sich selbst nicht wiedererkennt. Werner bringt das neue Merkblatt, drei Seiten, keine Antworten, nur Fragen, die man stellen soll, bevor man glaubt. Die Schulleiterin unterschreibt den Empfang. Er nickt und geht.
08:15 Uhr, Rechenzentrum, Ittigen. Ein fensterloser Raum, der nach Lüftung riecht. Der Bundesrat hat eine Roadmap gutgeheissen: Verwaltung und Behörden sollen sich auf quantensichere Kryptografie vorbereiten, bevor ein Rechner existiert, der die heutigen Schlüssel in Minuten knackt. Niemand weiss, wann dieser Rechner kommt. Genau deshalb steht er schon auf der Liste. Werner prüft ein Formular, das den Umstieg dokumentiert, ein Verfahren, das noch niemand braucht. Er unterschreibt trotzdem.
10:00 Uhr, Sendeanlage bei Münsingen. Der Techniker klettert vom Mast und wischt sich die Hände an der Hose ab. Der Bund versteigert die Mobilfunkfrequenzen neu, Swisscom, Sunrise und Salt wehren sich gegen die Bedingungen, und Comcom-Präsident Martin Bürki rechnet mit vier Bietern, mehr nicht. Ein vierter Anbieter, sagt der Techniker, brauche vor allem eines: Geduld, Standorte, und einen Grund, warum er die ersten drei nicht einfach kopiert. Werner trägt die Kontrollnummer der Anlage in sein Formular ein und fährt weiter.
12:30 Uhr, Innertkirchen, Kraftwerke Oberhasli. Der Grossrat hat die Konzession verlängert, die grossen Eigner behalten hundert Prozent ihrer Aktien, die kleinen Stromversorger das Nachsehen. Werner steht auf dem Damm und schaut auf das Wasser, das seit Jahrzehnten dasselbe Gefälle hinunterfällt und trotzdem jedes Jahr neu verhandelt wird. Ein Kraftwerksangestellter erklärt ihm die Zahlen, ohne dass er danach fragt. Reserve, sagt der Mann, heisst hier: Wasser, das oben bleibt, bis es gebraucht wird. Genau wie unten im Tal, nur ohne Ordner.
15:45 Uhr, Bauernhof bei Seedorf. Letzte Adresse. Ein Lastwagen mit Notreserven aus dem Futtermittelfonds des Bundes steht bereits vor der Scheune, freigegeben wegen der Transportprobleme nach dem trockensten Sommer seit Messbeginn. Der Bauer zählt die Ballen, während sein Hofhund unter dem Anhänger liegt und keine Anstalten macht, sich für irgendetwas zu interessieren, das nicht nach Futter riecht. Werner fragt, ob das reiche. Bis November, sagt der Bauer, wenn nichts Verrücktes passiert.
Was Werner nicht sagt, weil es nicht auf seinem Zettel steht: Manche Tiere lösen das Problem billiger. Ein Kolibri oder eine Fledermaus, die nachts nicht genug frisst, fährt den eigenen Stoffwechsel für ein paar Stunden herunter, Körpertemperatur runter, Herzschlag runter, Verbrauch runter, bis der Morgen wieder Futter bringt. Torpor heisst das, keine Winterruhe, nur eine kurze, kalkulierte Pause, in der das Tier weniger von sich selbst braucht, damit die Reserve länger reicht. Niemand füllt in dieser Zeit etwas nach. Der Körper wartet einfach kleiner.
Um 17 Uhr ist Werners Zettel abgehakt, fünf von fünf. Er fährt zurück nach Bern, vorbei an der Sendeanlage, am Rechenzentrum, an der Schule, deren Fenster jetzt dunkel sind. Nichts von dem, was er heute kontrolliert hat, wurde heute gebraucht. Das ist der Job. Man merkt erst, ob die Reserve gestimmt hat, wenn sie fehlt.
Eingewobene Meldungen vom 2. September 2026:
- Der Bundesrat befürwortet eine Roadmap für Post-Quantum-Kryptografie, zwei Motionen verlangen die Vorbereitung der Verwaltung auf quantensichere Verfahren. Inside IT
- Der Bund versteigert die Mobilfunkfrequenzen neu, Swisscom, Sunrise und Salt wehren sich, Comcom-Präsident Martin Bürki rechnet mit vier Bietern. Inside IT und SRF
- Der Berner Regierungsrat sieht Handlungsbedarf beim Schutz vor KI-Deepfakes an Schulen. Plattform J
- Der Oberländerrat verlängert die Konzession der Kraftwerke Oberhasli, die grossen Eigner behalten ihre Aktienanteile, kleine Stromversorger das Nachsehen. Plattform J und SRF
- Die Schweiz gibt wegen Transportproblemen nach dem trockenen Sommer Notreserven aus dem Futtermittelfonds des Bundes frei. Plattform J
