Elf Stunden für zwei Meter
Man hält mich für langsam. Das stimmt nur, wenn man es eilig hat. Ich habe zwei Fühler oben für das Licht und zwei unten für den Boden, mehr Ausrüstung gibt mir die Natur nicht mit, und wer mich für einfältig hält, soll selbst einmal versuchen, mit der Zunge eine Gartenmauer zu lesen. Ich lese sie jede Nacht. Nur langsam, und nur das, was gerade unter mir liegt.
Heute Nachmittag lag unter mir plötzlich Eis, hart und rund wie kleine Kiesel, und die Tomatenblätter über mir waren binnen einer Minute von Netz zu Spitze zerschossen. Wo vorher eine pralle Frucht hing, klebte jetzt nur noch Saft am Stiel, süss und alt zugleich, wie etwas, das viel zu früh aufgehört hat zu wachsen. Ein Beet weiter, das habe ich an der veränderten Feuchtigkeit im Boden gemerkt, hat der Hagel fast alles genommen; neun von zehn Früchten, heisst es, bei einem Bauern nicht weit von hier, und die Beraterinnen in den Treuhandbüros sollen den Landwirten schon geraten haben, jetzt nicht abzuwarten, sondern gleich zu rechnen. Ich habe davon nichts gehört. Ich habe es geschmeckt.
An der Hecke zum Spitalgarten hinüber verläuft seit dem Frühling eine gesprühte Linie im Gras, orange, ungefähr einen Fühler breit, dort, wo ein Kabel für eine neue Verwaltungssoftware liegen sollte. Ich bin ihr schon oft gefolgt, weil frisch markiertes Gras anders riecht als altes. Diese Woche ist die Linie einfach stehen geblieben, mitten im Rasen, ohne Graben, ohne Kabel. Irgendwo im Haus dahinter hat es einen Sicherheitsvorfall gegeben, und der ganze Wechsel des Systems wartet jetzt, bis jemand sagt, es sei sicher genug. Das Gras über der Farbe wächst inzwischen wieder normal nach. Es weiss nicht, dass es einmal eine Frist war.
Am Zaun zur Aare hin hängt seit gestern ein Rettungsring zum Trocknen, und das Seil daneben ist steifer als sonst, so wie Seile werden, wenn sie unter Zug standen. Zwei Menschen haben letzte Woche einem Mann aus der Strömung geholfen und sind dafür gestern geehrt worden, so viel weiss ich von der feuchten Salzkruste auf dem Gummi. Mehr nicht. Ich kenne keine Namen, nur Gewicht und Nässe, und das reicht mir auch.
Wo die Bahnschranke steht, ist der Kies neben den Schienen seit ein paar Tagen an einer Stelle feucht, obwohl kein Regen fiel und kein Öl glänzt, nur klares Wasser, das schneller verdunstet, als ich hinkomme. Ein Zug, sagt man, der bald durch Sardinien fahren soll, tropft dort beim Testlauf nichts als das, was er selbst aus Wasserstoff macht. Kein Russ, kein Fleck. Nur ein Fleck aus reinem Wasser, so unauffällig, dass ihn ausser mir niemand bemerkt.
Ein Stück weiter liegt im Gras ein kleines Schild, das jemand verloren hat. «Ahorn» steht darauf, in Blockschrift, und ich vermute, es ist einem Wagen voller solcher Schilder entfallen, der nach Thun unterwegs war, wo diese Woche jede Baumart von A bis Z ausgestellt wird, mit Namen und Herkunft und Jahresringen zum Anfassen. Ich bin über das Wort gekrochen, langsam, wie über jedes andere Wort auch. Holz merkt sich sein Alter in Ringen. Ich merke mir meins in Kalk, Schicht um Schicht am Rand meiner Schale.
Vor sechs Wochen, mitten in der Hitze, habe ich mich selbst zugemauert. Nicht aus Angst, sondern aus Rechnung: eine dünne Haut aus getrocknetem Schleim über die Öffnung gezogen, den Puls verlangsamt, und gewartet, ohne zu wissen, wie lange. Man nennt das ein Epiphragma, falls es jemanden interessiert. Es ist kein Notausgang. Es ist eine Wette auf später. Erst der Regen von vorgestern, dann der Hagel von heute, haben die Haut wieder aufgeweicht, und ich bin nicht zurückgekehrt aus irgendetwas, ich bin einfach weitergegangen, genau an der Stelle, wo ich aufgehört hatte.
Für die zwei Meter von der Hecke zum Zaun habe ich heute Nacht elf Stunden gebraucht. Wer es eilig hat, soll rennen, mir soll es recht sein. Ich habe die Zeit auf meiner Seite. Im wörtlichsten Sinn, den es gibt.
Eingewobene Meldungen vom 29. August 2026:
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