Der Regen, der dreimal anklopfen musste
Es war einmal ein Regen, der hatte sich verspätet. Nicht um eine Stunde und nicht um einen Tag, sondern um einen ganzen Sommer. Er kam in der Nacht auf den achtzehnten August über den Jura herein, vierzig Liter auf den Quadratmeter im Gepäck, und er war fest entschlossen, alles auf einmal wiedergutzumachen.
Beim ersten Mal klopfte er über einem Wald bei Basel an.
Er liess sich fallen, wie man sich in ein Bett fallen lässt, und schlug auf Blätter, die schon braun waren. Zwei von drei Buchen dort stehen mit gelichteten Kronen. Manche Blätter waren vom Rand her vertrocknet, andere von der Mitte her, was so aussieht wie ein Sonnenbrand und im Grunde auch einer ist. Der Regen rutschte über die Blätter ab, sammelte sich in den Rinnen der Rinde, lief den Stamm hinunter und lag dann auf dem Waldboden herum wie ein Gast, den niemand hereinbittet. Neunzehn von hundert Bäumen in diesem Land sind Rotbuchen. Der Regen hätte gern etwas für sie getan. Der Boden nahm ihn nicht.
Beim zweiten Mal klopfte er über einem Dorf im Aargau an.
Dort stand ein Brunnen, und der Brunnen war abgestellt. Man hatte ihn abgestellt, weil Leute mit Tauchpumpen und grossen Fässern gekommen waren und mitgenommen hatten, was für alle gedacht war. Der Regen fiel in die leere Brunnenschale, fand keinen Abfluss nach unten, sondern nur den nach der Seite, und war innerhalb von zwanzig Minuten wieder weg. Er fiel auch auf die Strasse, auf die Trottoirs, auf ein Dach in Bern, unter dem eine Verwaltung gerade fünfzehn Jahre und neuntausend Beiträge auf einer Plattform beendete, die einmal Twitter geheissen hatte, und er fiel auf ein Rechenzentrum in Zürich, dessen Leitungen in der Woche zuvor unter einer Welle von Anfragen zusammengebrochen waren, die niemand beantwortet haben wollte. Vier Stunden am Dienstagabend, noch einmal am Mittwochmorgen. Nicht zu viel Wasser. Zu viel Wasser pro Sekunde.
Der Regen wurde langsam ungeduldig, was für einen Regen ungewöhnlich ist.
Er verstand nämlich nicht, was er falsch machte. Er brachte Wasser. Es fehlte Wasser. Und trotzdem lag er nach jedem Versuch nur da und lief weg.
Was er nicht wusste: Ein Boden, der lange trocken liegt, wird nicht durstiger, sondern störrischer. Auf den Bodenkörnchen sitzen dünne Häutchen aus Wachsen und Pilzfäden, Reste von allem, was dort einmal gewachsen ist. Solange der Boden feucht ist, stören sie nicht. Trocknet er ganz aus, richten sich diese Häutchen auf und stossen das Wasser ab. Der Fachbegriff dafür ist Hydrophobie, und in der Praxis heisst er: Der ausgedörrte Boden weist zurück, was er am nötigsten braucht. Dazu kommt die Verkrustung obenauf. Ein Boden schluckt nur eine bestimmte Menge pro Stunde. Was schneller kommt, läuft ab, egal wie sehr es gebraucht wird.
Beim dritten Mal machte es der Regen anders.
Er hörte auf zu schütten und begann zu nieseln. Er fiel nicht mehr auf den Boden, sondern zuerst ins Kronendach, wo die Blätter ihn bremsten und in Tropfen zerlegten, dann in die Streuschicht aus altem Laub, die ihn festhielt wie ein Schwamm, und erst danach, Stunde um Stunde, in die Poren darunter. Das Moos quoll auf. Die Häutchen legten sich um. Und die obersten Zentimeter Erde, die seit Wochen wie Zement gewesen waren, wurden wieder das, was sie eigentlich sind: ein Filter mit Geduld.
Genau in dieser Woche schaltete der Messenger in Zürich einen Schutz vor die eigenen Rechner, der den ankommenden Verkehr abfängt und ausdünnt, bevor er dort ist, wo es wehtut. Seit dem vierzehnten August um 18.05 Uhr läuft er. Es ist dieselbe Idee wie das Laub über dem Waldboden, nur mit mehr Kabeln.
Am Morgen war der Regen fast aufgebraucht. Ein bisschen war angekommen, das meiste nicht, und in über hundertfünfzig Gemeinden versiegen die Quellen weiter. Im Bündnerland stapelten sich derweil die Siloballen einer Heuernte, für die es zu wenig Lagerplatz gibt, weil dort in diesem Sommer zu viel gewachsen war statt zu wenig.
Und wenn er nicht abgeflossen ist, dann sickert er noch heute.
Eingewoben sind diese realen Meldungen vom 18. August 2026 und den Tagen davor:
- Der ersehnte Regen bringt gebietsweise bis zu 40 Liter, aber keine nachhaltige Entspannung; in über 150 Schweizer Gemeinden versiegen Quellen, die Grundwasserpegel sinken weiter — 20 Minuten, SRF Meteo
- Zwei Drittel der untersuchten Buchen im Hardwald bei Basel sind stark geschädigt; die Rotbuche stellt rund 19 Prozent aller Schweizer Bäume — SRF Wissen, Plattform J
- Die Aargauer Gemeinde Veltheim stellt ihre öffentlichen Brunnen ab, weil Wasser mit Tauchpumpen und Fässern abtransportiert wurde — SRF
- Die Stadt Bern verlässt nach 15 Jahren und rund 9000 Beiträgen die Plattform X und beendet das Bluesky-Pilotprojekt — Plattform J
- Mehrere DDoS-Angriffe legten den Schweizer Messenger Threema und dessen Zürcher Colocation-Partner Nine zeitweise lahm; seit dem 14. August filtert ein vorgeschalteter Schutz den Verkehr — Inside IT
- Bündner Bauern haben nach einer grossen Heuernte zu viele Siloballen und zu wenig Lagerplatz — SRF
