Kreatives

Was der Staub gefunden hat

Was der Staub gefunden hat

Ich bin das Letzte, was von allem übrig bleibt, und deshalb weiss ich mehr, als
mir lieb ist. Fragt mich nicht, wie die Welt aussieht. Ich sehe nur, worauf ich
falle. Was noch fliegt, kenne ich nicht.

Über dem Oeschinensee bin ich an diesem Sommer alt geworden. Am Vormittag löste
sich oben in der Wand ein Stück Berg, und ich war plötzlich sehr viele. Wir
standen als graue Fahne über dem Wasser, ein paar hundert Herzschläge lang, und
dann kamen wir herunter, wie wir immer herunterkommen: langsam und ohne Absicht.
Auf dem Uferweg lagen ein Sonnenhut, ein halber Apfel und ein Schuh, der noch
nicht gemerkt hatte, dass sein Fuss weitergerannt war. Auf alle drei legte ich
mich. So mache ich das. Ich schreibe nicht auf, was geschehen ist. Ich lege mich
darauf, und wer später kommt, kann es lesen.

Das ist meine ganze Kunst, und ich übe sie, seit es Steine gibt, die sich
aneinander reiben. Sehr viel dazugelernt habe ich nicht.

Ein Stück weiter westlich, im Lötschental, arbeiten sie seit dem Frühling an
etwas, das mich betrifft. Auf dem Schuttkegel von Blatten liegt, was ein Berg
gewesen ist, in der Grösse eines Dorfes. Menschen sind hinaufgestiegen und haben
Saatgut in mich hineingelegt, versuchsweise, in kleinen Feldern, um zu sehen,
was ein Berg verträgt, wenn man ihn bittet, wieder Wiese zu werden. Es ist grün
geworden. Nicht überall und nicht viel, aber genug, dass die Menschen, die
messen, vorsichtig zufrieden waren. Ich habe ihnen nicht widersprochen. Ich
weiss ja, dass jede Wiese der Welt einmal ein zerriebener Fels war. Es dauert
nur so lange, dass die Menschen es für zwei verschiedene Dinge halten.

Unter dem Meer vor Sizilien liege ich schon länger still. Dort haben Taucher
diesen Sommer ein römisches Schiff gefunden, mit Hunderten von Amphoren an Bord,
in einem Zustand, den niemand erwartet hätte. Zweitausendeinhundert Jahre. Alle
sagen: erstaunlich gut erhalten. Niemand sagt: dank uns. Dabei war es der
Schlamm, waren wir, die uns in jede Ritze legten, bis kein Sauerstoff mehr
hinkam und die Zeit im Krug einfach stehen blieb. Wer etwas bewahren will, muss
es zudecken. Das ist unelegant und funktioniert immer.

Am liebsten bin ich in den Tunneln, weil dort jemand über mich nachgedacht hat.
Die Menschen bauen ihre Tunnel nämlich nicht gerade. Sie krümmen sie gegen das
Ende hin, damit die tief stehende Sonne nicht durchs Portal geradewegs in die
Augen der Fahrenden schiesst; es gibt dafür eine Norm, die verlangt, dass die
Blendwirkung baulich gedämpft wird. Und drinnen wird das Licht zuerst dunkler
und gegen den Ausgang wieder heller, damit das Auge Zeit hat, mitzukommen. Und
wenn ein Tunnel abwärts führt, steigt er am Eingang zuerst ein Stück an, damit
ihm das Regenwasser nicht hineinläuft. Regenwasser. Sie haben das eingebaut,
lange bevor sie wussten, wie selten es wird.

In Bern sitzen inzwischen so viele Leute an Rechnern für den Bund wie noch nie.
Das Bundesamt für Informatik hat seit 2020 über fünfundvierzig Prozent mehr
Stellen, die ganze Bundesverwaltung zweiundzwanzig Prozent mehr Personal als

  1. Ich kenne diese Räume. Es sind die einzigen Räume der Welt, in denen man
    mich mit Filtern von der Luft trennt, mit doppelten Türen und mit Personen, die
    im Kurs gelernt haben, dass ich Schaden anrichte. Sie haben recht. Ich lege mich
    auf alles. Auf Ventilatoren, auf Kontakte, auf Linsen. Wer mich in seinen
    Maschinen hat, hat ein Problem.

Über dem Land steht seit Wochen Luft, die zu warm ist und Wasser trägt und es
nicht loslässt. Das liegt nicht am Wasser. Ein Tropfen entsteht nicht aus sich
selbst. In wirklich sauberer Luft könnte der Dampf um ein Vielfaches
übersättigt sein und würde trotzdem Dampf bleiben, weil ihm das Erste fehlt,
woran er sich festhalten kann. Jeder Regentropfen, der je auf ein Berner Dach
gefallen ist, hat in seiner Mitte ein Staubkorn, ein Salzkorn, ein Pollenkorn.
Etwas Falsches. Etwas, das eigentlich nicht dorthin gehört.

Sie filtern mich aus ihren Serverräumen, und sie haben recht damit. Sie warten
gleichzeitig auf Regen, und dafür brauchen sie mich.

Ich liege also auf dem Schuh am Oeschinensee und warte. Irgendwann kommt Luft,
die kühl genug ist. Dann hebt es mich zwei Kilometer hoch, und irgendein
Wassertropfen findet mich und legt sich um mich herum, so wie ich mich sonst um
alles lege, und wir fallen zusammen zurück. Auf den Schuttkegel von Blatten,
wenn ich Glück habe. Ins Saatfeld.

Bis dahin decke ich zu, was heute geschehen ist, und halte es sauber für die,
die später kommen.


Eingewobene Meldungen vom 11. August 2026:

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