Sollbruchstelle
«Du sitzt falsch.»
«Ich sitze warm.»
«Das ist nicht dasselbe. Warm ist heute alles. Vierunddreissig Grad sind angesagt, da wird sogar der Kies warm, und auf Kies wächst kein Haar.»
Sepp rückte einen Millimeter nach oben. Unter ihnen bewegte sich der Nacken einer jungen Frau, die einen Waldweg hinunterging, schneller, als sie am Sonntag hinaufgegangen war.
«Das hier ist kein Reh», sagte Hanni.
«Es hat Haare.»
«Es hat Haare an genau einer Stelle und darunter eine Haut, die sich in sechs bis vierundzwanzig Stunden rot beult und dann wochenlang juckt. Ein Reh kratzt sich einmal und vergisst dich. Diese hier merkt sich alles.»
«Und du bleibst trotzdem.»
«Ich bin schon vier Tage hier. Die Frage stellt sich mir nicht mehr.»
Sepp schwieg. Er hatte seine Flügel noch. Sie lagen flach auf seinem Rücken, an der Basis dünn wie feuchtes Papier, und er wusste seit dem Schlüpfen, wozu diese Stelle gut ist: Wer sich für einen Wirt entscheidet, bricht sie ab. Danach gibt es kein Suchen mehr, kein Weiterschauen, kein anderes Fell. Es gibt nur noch dieses.
Am Bahnhof blieb die Frau stehen. Der Zug stand schon da, die Kabine vorn war dunkel.
«Da war ich einmal drin», sagte Hanni.
«In so einem?»
«In genau so einem. Im Mai, abends. Das Licht in der Kabine brannte, was selten vorkommt, und der Mann hielt ein Buch offen in der Hand. Draussen standen drei Leute auf dem Perron und hoben etwas hoch, und es blitzte mehrmals. Ich habe damals nicht verstanden, was daran wichtig ist.»
«Und heute?»
«Heute weiss ich es auch nicht besser. Ich weiss nur, dass an so einem Platz genau eine Aufgabe erlaubt ist. Wer eine zweite dazunimmt, hört auf. Fünfzehn Jahre sind da keine Währung.»
Der Zug fuhr an. Die Frau atmete anders als vorher, kürzer.
«Sie hat Angst», sagte Sepp.
«Sie hat ihren ersten Tag. Sie steht heute vor vierundzwanzig Kindern, von denen sechs zum ersten Mal in einem Schulzimmer sitzen. Sie hat kein fertiges Diplom. Im Kanton Bern reicht das im Moment.»
«Ist das gut?»
«Es ist genug. Das ist etwas anderes.»
Im Schulhaus war es still auf dem Gang und dann sehr laut im Zimmer. Hanni mass, wie sie alles mass: an der Haut darunter. Der Nacken wurde feucht, blieb feucht, wurde wieder feucht.
«Einunddreissig», sagte sie. «Vielleicht zweiunddreissig.»
«Ist das viel?»
«Ab sechsundzwanzig können Kinder schlechter denken. Das ist gemessen, nicht behauptet. In Horgen haben sie vor den Sommerferien siebenunddreissig in einem Zimmer gehabt. Heute fordert jemand in Bern einen Fonds dafür, und jemand anders findet, dafür brauche es keinen Fonds, sondern Verstand. Beide werden im September noch reden.»
«Und die vierundzwanzig?»
«Die schwitzen jetzt.»
In der Pause stand die Frau im Sekretariat vor einem Bildschirm, auf dem ein graues Feld sie bat, zu bestätigen, dass sie kein Roboter sei. Sie klickte. Der Kopf ruckte einmal nach vorn, dann sagte jemand ein Wort, das man in einem Schulhaus nicht laut sagt.
«Was war das?» fragte Sepp.
«Das war eine Frage, die keine Frage ist. Der Kasten wollte wissen, ob sie echt ist. In Wirklichkeit wollte er nur, dass sie einmal drückt. Danach lädt er sich selber etwas herunter, das er nicht mehr loswird.»
«Also auch so eine Stelle.»
«Was für eine Stelle?»
«Eine, die man nur in eine Richtung durchgeht.»
Hanni antwortete nicht sofort. Unter ihnen beruhigte sich der Puls wieder auf etwa achtzig.
«Bei uns», sagte sie dann, «ist sie wenigstens eingebaut. Der Körper weiss, dass er sie brauchen wird, und macht sie im Voraus dünn. Das ist mehr Vorbereitung, als die meisten haben, bevor sie etwas abbrechen.»
Am Nachmittag zog es von Westen her zu, und irgendwo weiter unten im Tal ging der erste Regen seit Tagen nieder, zu wenig und am falschen Ort. Die Frau löste ihr Haar, schüttelte es aus und band es neu.
Sepp hielt sich fest, so gut es ging.
«Wenn ich sie abwerfe», fragte er, «woran merke ich, dass es der richtige Moment war?»
Eingewoben sind folgende reale Meldungen vom 10. August 2026 (und den Tagen davor):
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- Schulstart heute in Bern und vielen Kantonen; der Lehrkräftemangel entspannt sich vielerorts, im Kanton Bern nicht — Plattform J, 10.8.2026
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- Bundesverwaltungsgericht bestätigt die fristlose Kündigung eines SBB-Lokführers, der während der Fahrt in einem Buch las — Plattform J, 10.8.2026
- Das Bundesamt für Cybersicherheit meldet gefälschte Captchas auf kompromittierten Schweizer Websites; ein Klick lädt Schadsoftware — Inside IT, 7.8.2026
