Kreatives

Der Wegweiser, der in die falsche Reihenfolge geriet

Der Wegweiser, der in die falsche Reihenfolge geriet

06:20, Werkstatt im Bödeli. Zwei gelbe Blechtafeln liegen auf dem Bock, frisch beschriftet, die Farbe riecht noch. Die obere ist unsere. Drei Ziele stehen darauf, untereinander, mit Zeiten: das nächste zuoberst, das fernste zuunterst. So will es die Norm, und so denkt der Mensch beim Gehen.

Die Ziele sind dieselben wie vorher. Die Reihenfolge nicht mehr.

Der Weg, den die Tafel künftig anzeigt, führt nicht mehr über die offene Krete, sondern zweihundert Meter tiefer durch den Buchenwald. Das ist keine Laune der Werkstatt. Die Berner Wanderwege bauen ihr Netz um, rund zehntausend Kilometer im Kanton, mehr Schatten, mehr Wasserstellen, Routen näher an Bäche und in den Wald hinein. Ein Weg wird nicht schlechter, wenn er länger wird, nur ehrlicher.

07:05, Ladefläche. Auftrag für den Sonntag: erst die Tafel für den Kandertal-Weg, dann unsere. Der Kollege mit dem Anhänger fährt einen BMW, Jahrgang 2022. Beim Startknopf blinkt das Innenlicht auf, und auf dem Bildschirm klettert Spider-Man über eine gezeichnete Motorhaube. Der Kollege drückt weg. Er habe das Auto gekauft, weil ihm damals versprochen worden sei, drinnen sei Ruhe. Die Tafel rutscht auf der Ladefläche einen Zentimeter nach links und äussert sich nicht.

08:30, Kandertal. Punkt eins fällt aus. An der A6 wird eine Brücke saniert, die Umleitung ist eng und geduldig, und wer sie zweimal fährt, verliert den Vormittag. Der Kollege dreht. Damit ist die Reihenfolge des Tages gekippt: Die zweite Tafel wird die erste, die erste liegt bis Montag unter einer Decke.

09:50, Talausgang Lauterbrunnen. Sonntagmorgen, und die Strasse steht so, wie es der Vorstoss beschreibt, der im Grossen Rat liegt und eine Gesamtverkehrsstrategie für den Tourismusverkehr verlangt. Siebzig Wasserfälle, eine Strasse. Drei Reisecars mit demselben Ziel halten sich unabhängig voneinander für früh dran. Die Tafel steht senkrecht im Gestell und zeigt nach hinten in den Stau, wo sie mit Zeitangaben in Stunden gerade wenig hilft.

11:30, Buchenwald oberhalb der alten Krete. Zwei Löcher, zwei Bolzen, Wasserwaage. Die Tafel hängt neu im Halbschatten und zeigt dasselbe an wie vorher, nur zwanzig Minuten langsamer und fünf Grad kühler.

Eine Wanderin rastet, nimmt aus dem Deckelfach etwas, das aussieht wie ein Stück braunes Leder, und beisst hinein. Getrocknete Tomatensauce, im Ofen zu Platten gedörrt, heute wieder ein Trick, mit dem sich Gewicht sparen lässt. Ihr Begleiter rechnet laut an Mittwoch herum: 12. August, kurz vor Sonnenuntergang, die grösste partielle Sonnenfinsternis hierzulande bis 2075. Er überlegt, ob man dafür weit fahren müsse.

Muss er nicht. Der Baum, unter dem er sitzt, erledigt das.

Jede Lücke zwischen zwei Blättern ist eine Lochkamera. Sie wirft kein rundes Sonnenbild auf den Boden, sondern ein Abbild dessen, was oben gerade übrig ist. Am Mittwoch wird der Buchenschatten deshalb voller kleiner Sicheln liegen, hunderte davon, alle in dieselbe Richtung gekippt. Der Schatten, der wegen der Hitze zum Argument geworden ist, ist an diesem einen Abend auch noch ein Projektor.

Oben auf Maui hat unterdessen ein Sonnenteleskop Wirbel im Plasma sichtbar gemacht, samt dem Vorgang, der sie antreibt. Es ist derselbe, der im Meer die Strudel dreht. Zwei sehr verschiedene Flüssigkeiten, eine Regel.

14:40, dieselbe Stelle. Das Gewitter kommt, wie angesagt, mit zwanzig Minuten Verspätung. Die Tafel bekommt ihre erste Wäsche und hält still. Die Bolzen sind neu, die Schrauben ziehen an, die alte Tafel auf der Krete steht seit dreissig Jahren an der Sonne und hätte den Regen dringender gebraucht.

19:00, Werkstatt. Auftragszettel abgehakt, in der falschen Reihenfolge, wie an jedem Tag, an dem etwas dazwischenkommt. Nachtrag der Abteilung Fussball: Der Meister aus Thun verliert in Basel, Sion gewinnt in der Nachspielzeit gegen Vaduz, und Lugano schiesst dem FCZ fünf Stück in einer Höhe, in der es kühl bleibt.

Nachtrag der Abteilung Blech: Punkt eins liegt unter der Decke und zeigt in die Dunkelheit ein Ziel an, das erst am Montag stimmt.


Eingewobene Meldungen vom Sonntag, 9. August 2026:

  • Die Berner Wanderwege wollen ihr Netz an die Hitze anpassen: mehr Schatten, mehr Wasserstellen, Routen näher an Flüsse und in Wälder, rund 10’000 Kilometer im Kanton. Quelle: 20 Minuten
  • Lauterbrunnen und Grindelwald: Vorstoss im Grossen Rat für eine Gesamtverkehrsstrategie beim Tourismusverkehr. Quelle: Plattform J
  • Kandersteg: Brückensanierung an der A6 mit örtlicher Umleitung. Quelle: Plattform J
  • BMW spielt in Fahrzeugen ab Jahrgang 2020 beim Start eine Spider-Man-Werbung auf dem Bordbildschirm ab, samt blinkendem Innenlicht. Zwei Jahre zuvor hatte der Hersteller werbefreie Innenräume versprochen. Quelle: 20 Minuten
  • Wanderproviant: Tomatensauce als Leder dörren und mitnehmen. Quelle: 20 Minuten
  • Das Inouye-Sonnenteleskop auf Maui zeigt erstmals Plasmawirbel auf der Sonnenoberfläche und deren Antrieb; derselbe physikalische Vorgang erzeugt in den Meeren Wirbel und Wellen. Quelle: 20 Minuten
  • Am Mittwoch, 12. August, die grösste partielle Sonnenfinsternis in der Schweiz bis 2075. Quelle: Astronomie Schweiz
  • Nachtrag Super League vom Sonntag: Basel schlägt Meister Thun, Sion gewinnt gegen Vaduz in der Nachspielzeit, Lugano gewinnt 5:0 gegen den FCZ. Quelle: 20 Minuten
  • Kulisse: Hitze um 34 Grad, am Nachmittag Gewitter in den Alpen. Quelle: Polizeinews / MeteoSchweiz-Prognose