Der Kubikmeter, der kein Billett löst
Diese Reportage hat keine Hauptfigur, sondern ein Volumen. Etwa einen Kubikmeter
Luft, der an diesem Morgen über der Autobahn im Mittelland liegt und am
Nachmittag dreieinhalbtausend Meter höher sein wird. Er löst kein Billett, er
wird nicht gewogen, und er kommt trotzdem an.
Grindelwald, Talstation, halb zehn. Die Schlange steht bis auf den Vorplatz.
An der Kasse arbeitet eine Frau, die hier seit elf Sommern die Leute abfertigt
und die sagt, sie habe im Juli mehr Turnschuhe und Einkaufstaschen gesehen als
Wanderschuhe. Keine Bergsteiger. Menschen, die für zwei Stunden vier Grad
möchten. Die Zahlen des Verbands geben ihr recht: bis Ende Juli sieben Prozent
mehr Ersteintritte als im Vorjahr, verglichen mit dem Schnitt der letzten fünf
Jahre neunundzwanzig, und das Berner Oberland führt die Liste an. Am Samstag
fahren hier zusätzlich die Teilnehmer der Eiger Bike Challenge los und nehmen
viertausendzweihundert Höhenmeter aus eigener Kraft. In dieser Woche wirkt das
fast wie eine Meinungsäusserung.
Der Kubikmeter braucht dafür nichts. Über einem aufgeheizten Talboden dehnt
sich Luft, wird leichter als das, was um sie herum steht, und steigt. An
Hitzetagen arbeiten die Berge wie eine Pumpe: Die Sonne heizt die Hänge, die
Hänge heizen die Luft, die Luft klettert an ihnen hoch und zieht unten neue
nach. Wer in der Gondel sitzt, fährt in derselben Richtung, nur langsamer und
gegen Bezahlung.
In der Kabine steht eine Frau aus Köniz und erzählt einer Bekannten, was sie am
Vortag im Quartier gesehen hat: einen Mann vom Werkhof, der auf allen vieren im
Rasen sass und Käfer in ein Gläschen las, metallisch grün, gut zwei Zentimeter
lang. Der Japankäfer, nach Spiez nun auch in Bern und Köniz. In Teilen beider
Gemeinden darf der Rasen bis Ende September nicht mehr gewässert werden,
einundzwanzig Gemeinden sind betroffen. Die Logik dahinter ist unfreundlich,
aber sauber: Die Weibchen legen ihre Eier in feuchten Boden. Ein brauner Rasen
ist kein Versäumnis, sondern eine geschlossene Tür. Der Käfer selbst ist nicht
geflogen gekommen. Er ist mitgefahren, in Erde, in Pflanzentöpfen, auf
Anhängern.
Bergstation, dreitausendfünfhundertachtzig Meter, kurz nach eins. Hinter einer
rosafarbenen Tür im Stollen, an der die Touristenströme vorbeilaufen, stehen
Pumpen, die Tag und Nacht laufen. Jede Stunde saugt die Station eine neue
Luftprobe an. Eine Technikerin, die für zehn Tage oben ist und in der Küche
gerade Tee macht, erklärt es beiläufig: Man messe hier nicht, weil hier etwas
passiere, sondern weil hier normalerweise nichts passiere. Die Luft sei so
sauber, dass jede Spur auffalle. Dann könne man sie mit Wettermodellen
zurückverfolgen, nach Frankreich, nach Deutschland, oft in die Poebene, manchmal
bis zu einer einzelnen Fabrik.
Und seit einigen Jahren bis in die Autos, die unten im Stau stehen. Die neuen
Kühlmittel in den Klimaanlagen, HFO, sind das Ergebnis eines gelösten Problems:
Sie zerstören die Ozonschicht nicht mehr, und als Treibhausgas taugen sie auch
kaum noch. Dafür zerfallen sie in der Atmosphäre zu Trifluoressigsäure, einer
PFAS-Chemikalie, die mit dem Regen herunterkommt und dann bleibt. Die Empa hat
sie hier oben als Erste überhaupt nachgewiesen. In der Schweiz fährt inzwischen
etwa die Hälfte der Fahrzeuge mit dem neuen Stoff.
Damit ist der Kubikmeter angekommen, ungefähr gleichzeitig mit den Leuten, die
vor ihm geflohen sind. Die Atmosphäre ist der einzige Verkehrsträger ohne
Tarif, ohne Fahrplan und ohne Kontrolle. Sie sortiert nicht. Sie nimmt den
Blütenstaub mit und die Abluft, das Kühlmittel und den Wasserdampf, und sie
setzt alles am selben Ort wieder ab. Der Berg hält nichts auf. Er macht nur
sichtbar, was ohnehin überall ist, weil er der einzige Ort ist, an dem sonst
nichts danebensteht.
Alles andere hier oben wird gewogen. Auf der Terrasse rechnet ein Mann von der
Hüttenlogistik vor, was ein Flug zur Konkordiahütte kostet, hinauf zu jenen
hundertneunundfünfzig Schlafplätzen, die man vom Gletscher aus über
fünfhundertsechsundzwanzig Treppenstufen erreicht. Als die Hütte gebaut wurde,
lag sie fünfzig Meter über dem Eis. Heute sind es rund zweihundert. Kilo für
Kilo, sagt er, alles Kilo für Kilo. Neben ihm erklärt eine Frau ihrer Kollegin,
dass ihr Team ab dem Herbst Leute in Lissabon habe, nach Rotterdam und Riga der
dritte Standort, und dass Arbeit offenbar auch so ein Gut sei, das man dorthin
schiebt, wo es günstiger liegt. Und ab Januar 2027 kostet ein A-Post-Brief
1.40 Franken, wobei im Grundtarif noch fünfzig Gramm erlaubt sind. Fünfzig
Gramm sind ungefähr zehn Blatt Papier.
Der Lift bringt uns in fünfundzwanzig Sekunden hundertacht Meter tiefer. Auf
dem Rückweg durch den Stollen stehen die Zeiger der Uhren im Verkaufsfenster
alle auf zehn nach zehn. Das ist reine Psychologie, sagt jemand im
Vorbeigehen: ein lachendes Gesicht.
Eingewobene Meldungen vom 6. August 2026:
- Seilbahnen Schweiz meldet bis Ende Juli sieben Prozent mehr Ersteintritte als im Vorjahr und neunundzwanzig Prozent mehr als im Fünfjahresschnitt; das Berner Oberland führt mit vierundzwanzig Prozent — Plattform J
- Am Samstag startet in Grindelwald die Eiger Bike Challenge über 4200 Höhenmeter — Plattform J
- Der invasive Japankäfer hat nach Spiez auch Bern und Köniz erreicht; in Teilen beider Gemeinden darf der Rasen bis Ende September nicht mehr gewässert werden, insgesamt sind 21 Gemeinden betroffen — Plattform J
- Auf der Forschungsstation Jungfraujoch misst die Empa Kühlmittel aus Autoklimaanlagen, die in der Atmosphäre zu einer langlebigen PFAS-Chemikalie zerfallen — SRF
- Swisscom plant nach Rotterdam und Riga einen dritten Nearshoring-Standort in Lissabon — Inside IT
- Die Post erhöht die Briefpreise ab 2027; die A-Post kostet 1.40 Franken, und im Grundtarif sind noch 50 Gramm erlaubt — Plattform J, 20 Minuten
