Der Baum, der keinen Namen hatte
Der Hof hatte einen Namen, der Baum nicht. So geht das meistens.
Er stand am Hang über dem Thunersee, dort wo das Mittelland langsam aufhört und
das Oberland noch nicht ganz angefangen hat, und er trug Zwetschgen, seit
einundsechzig Sommern, drei davon ausgenommen, über die er nicht redete. An
diesem Mittwoch begann bei ihm die Ernte. In der übrigen Schweiz auch, süsse
Aussichten, sagten die Fachleute.
Was in diesem August süss wird, hat der Baum letztes Jahr entschieden. Die
Knospen legt er im Sommer davor an, still, monatelang im Voraus, und trägt dann
den ganzen Winter ein fertiges Versprechen mit sich herum, ohne davon zu wissen.
Ein Baum denkt nicht an nächstes Jahr. Er baut es ein.
Aus dem Küchenfenster kam ein Radio. In Dijon war eine Bernerin einundzwanzig
Kilometer allein gegen die Uhr gefahren, ohne Windschatten, ohne jemanden vor
sich, und sie hatte gewonnen und zog nun das Gelbe Trikot an. Der Baum mochte
diese Erfindung. Ein gelbes Hemd ist nichts anderes als sichtbar gemachtes
Gestern, das man heute anziehen muss und morgen wieder abgeben kann.
Unter ihm standen zwei Frauen mit Körben und stritten freundlich. Die eine hatte
etwas «gfunge», die andere hatte dasselbe «gfunde», und beide waren im gleichen
Kanton aufgewachsen. Forscherinnen der Universität Zürich sammeln solche Sätze
gerade zu Tausenden, mit einer App, in einem Projekt mit dem schönen Namen «nöis
gschmöis». Ihr Befund ist unbequem und richtig: Den Berner Dialekt gibt es nicht.
Kein einziges Merkmal passt auf alle. Im Oberland lässt man den Artikel vor
Namen weg, da heisst es Peter und nicht dr Peter. Und die Bieler Gymeler sagen
lieber Bielerin als Bielere, weil Bielere für sie komisch tönt. Was die
Grossmütter für richtig halten, halten die Enkel für alt, und in dreissig Jahren
werden es die Enkel für richtig halten. Sprache ist kein Gefäss. Sprache ist
Ernte.
Im Radio kam dann eine Meldung aus Schaffhausen. Dort läuft seit Anfang Juli ein
Sender, bei dem keine Person mehr ins Mikrofon spricht. Die Stimmen sind geklont,
das Studio gibt es nur im Computer, Menschen entscheiden noch, was gesendet wird,
gelesen wird es von der Maschine. Und die Maschine, die jedes Wort kennt,
stolpert ausgerechnet über die Dorfnamen. Sie betont sie falsch, sie zieht sie
schief, sie sagt Ortschaften, als hätte sie nie eine besucht. Was ja stimmt. Ein
Ortsname ist der einzige Teil einer Sprache, den man nicht lesen kann. Man muss
ihn gehört haben, von jemandem, der dort wohnt.
Der Baum fand das nur halb lustig, denn er kannte den umgekehrten Fall. In der
Fahrplan-App liess sich seit einiger Zeit ein Billett erster Klasse fürs
Postauto lösen. Im Postauto gibt es keine erste Klasse. Es gibt dort Kurven,
Kinder und ein Dreiklanghorn, und wer mehr bezahlt, sitzt exakt gleich. Die
Maschinen hatten also einen Namen für etwas, das es nicht gibt, und keinen für
die Dörfer, die es gibt. Man kann das Fortschritt nennen. Man kann es auch
einfach anschauen.
Als es dunkel wurde, ging der Mond auf, und der Baum wusste, dass an ihm an
diesem Morgen etwas passiert war. Eine ausgebrannte Raketenstufe, zwölf Meter
lang, viereinhalb Tonnen schwer, seit anderthalb Jahren herrenlos unterwegs, war
mit siebenfacher Schallgeschwindigkeit auf der Vorderseite eingeschlagen.
Niemand hatte das geplant. Zurück bleibt ein Loch von rund siebenundzwanzig
Metern Breite und fünf Metern Tiefe, und zwei Sonden werden Bilder machen,
vorher, nachher.
Und jetzt kommt der Teil, der den Baum die halbe Nacht beschäftigte. Dieses Loch
bleibt. Nicht ein paar Jahre. Der Mond hat keine Luft, keinen Regen, keinen
Wind. Nichts trägt dort etwas ab. Jeder Kratzer der letzten Jahrmilliarden liegt
noch genau dort, wo er entstanden ist. Der Mond vergisst nichts, und deshalb hat
er auch nichts gelernt. Er sammelt bloss Narben. Die Erde dagegen verliert
ständig alles, sie wäscht ihre Berge ins Meer und ihre Wörter aus den Sätzen,
und genau darum kann auf ihr überhaupt etwas wachsen. Wer nichts vergisst, hat
kein Gedächtnis, sondern ein Archiv.
Vielleicht ist das der Grund, weshalb an diesem Tag ein Berner Troubadour neunzig
geworden wäre, der mit sechsunddreissig gestorben ist. Seine Lieder liegen nicht
in einem Regal. Sie werden gesungen, im Pfadilager, in der Badi, von Grosskindern,
die den Kater Ferdinand betrauern, als wäre er gestern erst gestorben, und jede
Generation singt sie ein bisschen anders. Ein Kollege von damals, achtundachtzig
Jahre alt, hat ihm zum Geburtstag geschrieben, als würde er die Post noch holen.
Im Haus fragte ein Kind, wie das Dorf drüben heisst, und die Grossmutter sagte
es ihm, langsam, wie man hier eben spricht. Das Kind sagte es nach, ein wenig
falsch.
Der Baum liess ein paar Blätter Luft, wo die Körbe gestanden hatten, und begann
im Dunkeln, die Knospen für den nächsten August anzulegen.
Eingewobene Meldungen vom 4./5. August 2026:
- Ein Forschungsprojekt der Universität Zürich namens «nöis gschmöis» zeigt: «den» Berner Dialekt gibt es nicht, und er verändert sich laufend — Plattform J
- Bei «Radio Schaffhuuse» moderiert seit Anfang Juli eine KI mit geklonten Stimmen; sie scheitert ausgerechnet an den Gemeindenamen — SRF
- Eine ausgebrannte SpaceX-Raketenstufe schlägt an diesem Mittwoch auf der Vorderseite des Mondes ein; erwartet wird ein Krater von 27 Metern Durchmesser — 20 Minuten
- Mani Matter wäre am 4. August 90 Jahre alt geworden; Weggefährten und Kulturschaffende erinnern sich — Plattform J
- Die Bernerin Marlen Reusser gewinnt das Zeitfahren über 21 Kilometer in Dijon und fährt erstmals im Gelben Trikot — Plattform J, SRF
- Die Schweizer Zwetschgenernte hat begonnen — Plattform J
- Die SBB-App verkauft Billette erster Klasse fürs Postauto, wo es gar keine erste Klasse gibt — SRF Espresso
