Rösi und die Frage, wie viele genug sind
Rösi war Kundschafterin, und Kundschafterinnen haben unter Ameisen den Ruf,
dauernd unterwegs und nie ganz zufrieden zu sein.
Ihr Hügel stand am Waldrand über dem Diemtigtal, achtzig Zentimeter hoch, gebaut
aus Nadeln, Zweiglein und Harzkrümeln, und wer ihn für einen Haufen hielt, hatte
nie hineingeschaut. Die Kuppel ist ein Dach, das Regen ablaufen lässt. Darunter
liegen Kammern, Gänge, Kinderstuben, und das Ganze wird auf Temperatur gehalten,
ohne dass jemand einen Regler dreht. An diesem Nachmittag war die Luft so trocken,
dass die Nadeln unter Rösis Füssen knackten wie altes Papier. Der Sommer hatte
sich festgesetzt und wollte nicht mehr weg.
Weiter unten, wo Menschen wohnten, stand ein Fenster offen, und daraus kam eine
Nachricht, die Rösi ausnahmsweise interessierte. Eine grosse Fussballzentrale
hatte vorgehabt, einen Teil ihres wichtigsten Turniers an Investoren zu verkaufen.
Zuerst hatten fünfundfünfzig europäische Verbände gesagt, dann machen wir eben
nicht mit. Danach hatten die Nordamerikaner das Gleiche gesagt. Und dann war die
Zentrale plötzlich der Meinung, es sei ohnehin nur ein Vorschlag gewesen.
Rösi blieb stehen, was bei einer Ameise selten vorkommt.
Denn genau so entscheidet ihr Volk, wenn es umziehen muss. Kundschafterinnen
laufen los, finden Ritzen, Spalten, hohle Stämme, und jede beurteilt ihren Fund
für sich. Wer etwas Gutes gefunden hat, holt eine Kollegin und führt sie langsam
hin, Schritt für Schritt, mit dauerndem Kontakt. Das ist mühsam, und es ist
Absicht: Nur wer den Weg selber gegangen ist, kann später andere holen. So füllt
sich der beste Ort langsam. Und irgendwann, wenn dort gleichzeitig genug
Kundschafterinnen stehen, kippt etwas. Niemand ruft es aus. Die Ameisen hören
einfach auf zu führen und fangen an zu tragen, dreimal so schnell, und der Umzug
ist beschlossen, bevor irgendjemand ihn beschlossen hat.
Es überzeugt also keine die andere. Es wird nur gezählt, ohne zu zählen. Rösi
fand, die Fussballzentrale hätte sich viel Papier sparen können, wenn sie das
gewusst hätte.
Über die Schwelle ging an diesem Tag auch anderswo etwas. Im Kanton Zug hebt ein
Sprachcomputer namens Nick beim Strassenverkehrsamt rund hundert Anrufe im Monat
selber ab, und weil das offenbar reicht, soll er bald eine kräftigere Version
bekommen. In Luzern dagegen war ein Chatbot nach drei Tagen wieder abgeschaltet
worden, weil die Antworten nicht genügten. Rösi kannte den Unterschied. Zwischen
«brauchbar» und «weg damit» liegt keine Meinung, sondern eine Linie. Wer sie
knapp erreicht, darf bleiben und wachsen. Wer sie knapp verfehlt, verschwindet,
und drei Tage später weiss niemand mehr, wie er hiess.
Aus demselben Fenster kam kurz darauf die Meldung, in Liechtenstein hätten
Unbekannte einunddreissigtausend Datensätze aus einem Register geholt. Man wusste
weder, wer, noch ob damit etwas geschieht. Rösi verstand das Wort Register nicht
sofort. Als sie es verstanden hatte, war sie erleichtert. Im Hügel gibt es kein
Register. Es gibt keinen Ort, an dem alles steht, was das Volk weiss, und deshalb
kann man es auch nicht in einem Stück mitnehmen. Wer den halben Hügel abtrüge,
hätte nur einen halben Hügel, und das Wissen bliebe im Rest verteilt und stur
weiterlaufen. Für ein Register genügt ein Passwort.
Oben am Berg stritten die Menschen unterdessen darüber, ob es auf Berghütten
künftig Champagner geben solle statt Rivella. Rösi kannte beides nicht, aber sie
kannte Hütten. Eine Hütte ist ein Ort, an dem man nicht draussen ist. Alles
Weitere ist Ausstattung.
Und ganz zum Schluss, als die Sonne schon schräg stand, hörte sie noch, in Japan
verkaufe man jetzt einen Kühlschrank, in den man sich hineinsetzen könne. Das war
der Moment, in dem Rösi beinahe gelacht hätte, wenn Ameisen das könnten. Ihre
Schwestern machen es umgekehrt. Sie legen sich an heissen Tagen obenauf, lassen
sich vollsonnen, laufen dann hinunter in die Kammern und geben die Wärme dort ab,
wo die Brut liegt. Sie stellen sich nicht in die Kälte. Sie tragen die Hitze
hinein, weil sie jemand brauchen kann.
Als es dämmerte, kam Rösi heim. Sie meldete nichts, sie rief nichts aus. Sie ging
durch den Eingang, stellte sich zu den anderen und blieb stehen.
Es war einfach eine mehr.
Eingewobene Meldungen vom 3./4. August 2026:
- Alle 55 Uefa-Verbände wollen die WM boykottieren, Nordamerikas Concacaf schliesst sich an, und die Fifa zieht ihre Investorenpläne zurück — 20 Minuten, 20 Minuten, Plattform J
- Der Zuger KI-Voicebot «Nick» beantwortet rund hundert Telefonanfragen pro Monat selbstständig und soll ausgebaut werden, während der Luzerner Chatbot «Luzi» nach drei Tagen wieder abgestellt wurde — Inside IT, Inside IT
- Hacker stehlen 31’000 Datensätze aus einem Liechtensteiner Register — Inside IT
- Diskussion über Luxus auf SAC-Hütten: Schampus statt Rivella? — 20 Minuten
- In Japan gibt es neu den Kühlschrank zum Hineinsitzen — 20 Minuten
