Kreatives

Viermal bergauf, einmal gar nicht

Es ist Samstagnachmittag, der letzte Tag im Oktober, morgen ist Allerheiligen und heute Abend klingeln an unzähligen Haustüren verkleidete Kinder, aber an vier ganz anderen Orten in der Schweiz verändert sich gerade etwas seine Höhe, ohne dass die drei anderen Orte davon wissen; nur dieser Text hat an diesem Nachmittag freien Blick auf alle vier gleichzeitig, und er nutzt ihn, bevor es dunkel wird.

In der Talstation der Brienz Rothorn Bahn steht die dieselhydraulische Zahnradlokomotive Nummer 11, Baujahr 1975, zum letzten Mal unter diesem Namen, denn das Projekt «Diesellok Refit» sieht vor, dass Dieselmotor, Verteilgetriebe und hydrostatischer Antrieb ausgebaut werden und eine Batterie mit rund 300 Kilowattstunden Kapazität einzieht, etwa so viel wie vier bis fünf Elektroautos der Oberklasse, aufgeladen in zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten während der Wendezeit im Tal. Verwaltungsratspräsident Peter Flück spricht von «einer Verbindung von bewährter Mechanik und moderner Antriebstechnik» und gesteht, man sei «schon ein wenig stolz auf unser Vorhaben», während Projektbegleiter Yves Kohler auf die Bremsenergie der Talfahrt verweist, die künftig nicht mehr als Wärme verheizt, sondern in die Batterie zurückgespiesen wird: «Diese Energie lässt sich später erneut nutzen.» 2028 soll Nummer 11 umgebaut wieder auf die Schiene, die Dampfloks bleiben, wie sie sind.

Im Saaltal von Unterbach im Haslital stehen am selben Nachmittag 63 Rinder aus dem ganzen Oberhasli in acht Klassen vor den Preisrichtern des Viehzuchtvereins Oberhasli-Fleck, das Wetter kühl und leicht regnerisch, und am Ende trägt eine Kuh namens Tinka, gehalten von Julia Kehrli-Ernst aus Innertkirchen, mit der Punktzahl 55 55 98 den Titel Miss Oberhasli-Fleck davon, vor Dana, Delia, Bugs Bunny, Alena, Zilvana, Alisha und Laura. Am Abend findet erstmals ein öffentlicher Züchterabend mit Musik und Bar auf dem Hof von Erika und Kurt Fankhauser statt, und zwei Ehrenpreise, für den höchsten Milchgehalt und die höchste Lebensleistung, gehen an Dominik von Bergen und Christian Enz.

Rund hundertfünfzig Kilometer weiter nordwestlich, an der Bushaltestelle Obere Hofackerstrasse in Füllinsdorf, bewegt sich nichts dergleichen: Die graue Katze Cleo liegt, wo sie seit zwei Jahren jeden Tag liegt, in einem kleinen Holzhaus, das ihr eine bis heute unbekannte Person gebaut hat und das die Polizei inzwischen mit Reflektoren versehen hat, damit niemand es übersieht. Sie wartet auf ihre Halterin Kleopatra Känzig, die mit dem Bus von der Arbeit kommt, einmal wartete sie bis 23 Uhr, meistens aber verlässt sie das Häuschen schon früher, wenn die Schulkinder vorbeikommen, legt sich auf den Rücken und lässt sich das Bäuchlein streicheln, bekommt ab und zu ein «Frässpäggli» von Fremden und ist, ohne dass sie das wüsste, zum kleinen Internetstar der Buslinie geworden. Dass ihre Halterin eigentlich Kleopatra heisst und die Katze Cleo, ist Füllinsdorf schon länger aufgefallen; wer wen nach wem benannt hat, weiss inzwischen niemand mehr genau.

Weiter weg, nirgendwo und überall zugleich, meldet die Kryptobörse Binance an diesem Wochenende einen Hackerangriff, der über den kompromittierten Laptop eines einzelnen Mitarbeitenden begonnen haben soll und mit rund 6,3 Milliarden Dollar Schaden den bisherigen Rekord der Börse Bybit von 1,5 Milliarden Dollar aus dem Jahr 2025 weit hinter sich lässt. Rund 3 Milliarden Dollar liessen sich noch einfrieren, der Handel wurde vorerst gestoppt, Bitcoin fiel um rund zwei Prozent auf 77’646 Dollar, der börseneigene Token BNB verlor binnen eines Tages mehr als acht Prozent seines Werts, und während die Ermittler von TRM Labs vorsichtig nach Nordkorea blicken, verspricht Binance, sämtliche Verluste aus einem eigenen, vollständig in Bitcoin gehaltenen Sicherheitsfonds zu ersetzen; die Analysefirma Chainalysis hält es für möglich, dass es sich um den grössten Kryptodiebstahl der Geschichte handelt, überholt erst vor wenigen Stunden.

Was eine Steigung kostet, gibt ein Gefälle offenbar zurück, nicht als Lohn, sondern als blosse Umkehrung derselben Bewegung: Die Lokomotive gewinnt bergab, was sie bergauf verbraucht hat, eine Kuh gewinnt in drei Punktzahlen zurück, was ein ganzes Zuchtjahr gekostet hat, und ein Kurs, der jahrelang stieg, kann in einer einzigen Nacht wieder dort landen, wo er herkam.

Nur Cleo bewegt sich nicht.


Eingewobene Meldungen vom 31. Oktober 2026:

  • Die Brienz Rothorn Bahn rüstet ihre drei dieselhydraulischen Zahnradlokomotiven schrittweise auf Batterieantrieb um, Lok Nummer 11 (Baujahr 1975) als erste, rund 300 kWh Kapazität, Ladezeit 20–25 Minuten, Rückgewinnung der Bremsenergie, Kosten 5,89 Millionen Franken, Wiederinbetriebnahme 2028. Plattform J
  • An der Herbstschau des Viehzuchtvereins Oberhasli-Fleck in Unterbach wird die Kuh Tinka von Julia Kehrli-Ernst (Innertkirchen) mit 55 55 98 Punkten zur neuen Miss Oberhasli-Fleck gekürt, 63 Tiere in acht Klassen, erstmals öffentlicher Züchterabend. Plattform J
  • Die Katze Cleo wartet seit rund zwei Jahren an der Bushaltestelle Obere Hofackerstrasse in Füllinsdorf BL auf ihre Halterin Kleopatra Känzig, ein unbekannter Gönner baute ihr ein Holzhäuschen, die Polizei versah es mit Reflektoren. SRF
  • Die Kryptobörse Binance meldet einen Hackerangriff über den kompromittierten Laptop eines Mitarbeitenden mit rund 6,3 Milliarden Dollar Schaden, 3 Milliarden eingefroren, Handelsstopp, Kursverluste bei Bitcoin, Ether und BNB, möglicherweise grösster Kryptodiebstahl der Geschichte. SRF

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