Kreatives

Wer zu früh teilt, nimmt den längeren Weg

Es war einmal ein Wirbel, der hoch über dem Nordpol die kalte Luft wie einen Deckel festhielt, und der genau wusste, dass er sich erst im Dezember teilen durfte, wenn der Winter selber reif dafür war. Zweimal nur, 1968 und erst letztes Jahr, war er schon vor Ende November aus dem Tritt gekommen, aber nie früher. Heuer aber, kaum dass der Oktober zu Ende ging, wurde ihm der eigene Rand zu eng, der Westwind, der ihn sonst rund hielt, verlor den Faden, drehte stellenweise sogar nach Osten, und ehe irgendjemand ihn hätte fragen können, ob das klug sei, war er zwei. Seit man zählt, hatte sich noch keiner so früh geteilt.

Die zwei jungen Winde, die aus ihm wurden, wussten selber nicht recht, was sie jetzt sein sollten, ein Wirbel oder zwei, und weil keiner von beiden allein kräftig genug war, um geradewegs nach Süden zu stürmen, nahmen sie den Umweg. Nicht aus Berechnung – aus Mangel an allem anderen.

Der erste Umweg führte sie über einen Berg im Kandertal, an dem Menschen seit Monaten nichts taten, als Stein für Stein von oben abzutragen, einen Felskopf namens Zweispitz, einen zweiten namens Dreispitz, eine Fluh dazu, Schicht für Schicht, ohne Eile, ohne dass die beiden jungen Winde verstanden, warum man einen Berg erst kleiner machen muss, bevor man ihn öffnet. Dass dort unten, im Fels, seit 1947 rund dreitausend Tonnen Munition liegen und über zweitausend Bomben, deren Schicksal niemand kennt, sahen sie nicht; sie sahen nur, dass sich die Menschen nicht auf eine einzige Mauer verliessen, sondern auf drei, vier, fünf, als traute keiner der anderen ganz. Erst viel später, in der Stadt, würde ihnen das wieder einfallen.

In Bern nämlich, ihrem zweiten Umweg, sahen sie, wie eine Stadt die mobile Informatik ihrer Rettungsdienste nicht selber baute, sondern beim Kanton beliess, in einem Vertrag, der erst für vier weitere Jahre gilt, 846’500 Franken pro Jahr, und wie sie gleichzeitig, in kleinen Schritten über das ganze Jahr verteilt, ihre eigene Bürokommunikation in die städtische Informatik umzog, ohne dass irgendwo ein einziger Schalter mit einem Mal umgelegt wurde. Auch hier wieder dieselbe stille Regel: lieber in Jahresraten absichern als auf einen Schlag.

Beim dritten Umweg, einem Steinhaus hoch über dem Aletschgletscher, standen sie lange vor einem Kästchen, das seit 1990 nichts anderes tat, als die Luft zu riechen und mehr als dreissig Gase darin zu zählen, jeden Tag, ohne je ein Wort zu verlieren. Zehn Jahre feiert das Haus schon als Museum, fünfundzwanzig das ganze Gebiet als Welterbe, und doch war es das kleine, stumme Kästchen, das den jungen Winden am meisten Respekt einjagte: Nichts, was es je gemessen hatte, ging verloren, es wurde einfach weitergezählt, Jahr auf Jahr, Zahl auf Zahl, eine Redundanz, von der sich kein Rechenzentrum und kein Knochenbau etwas abschneiden müsste.

Unterwegs, weit im Westen, krachte ihnen fast ein Hirsch entgegen, der über einen Parkplatz gerannt war, durch ein Schaufenster in einen Waschsalon gesetzt hatte, Körbe und Kübel umwarf, einmal auf eine Waschmaschine sprang und wieder verschwand, bevor irgendwer, Tier oder Wind, hätte sagen können, wovor er eigentlich floh. Niemand wurde verletzt, nicht einmal die Maschine nahm Schaden, nur das Fenster blieb kaputt zurück als einziger Beweis, dass hier überhaupt etwas geschehen war.

Am Pol wartete inzwischen das, was vom alten Wirbel noch übrig war, auf eine Antwort: Lohnt sich die Teilung, oder soll man sich gleich wieder zusammenziehen? Die Prüfung bestand nicht aus einer Frage an Mensch oder Tier, sondern aus dem, was die beiden jungen Winde unterwegs begriffen hatten, ohne dass einer von ihnen es ihnen erklärt hätte: dass ein Berg, eine Stadt und ein Messkästchen alle dieselbe Antwort gaben, nämlich keine Eile, dafür doppelt gesichert. Der Wunsch, den sich die beiden jungen Winde am Ende erlaubten, war deshalb kein grosser: noch ein paar Tage bleiben, bis ungefähr zum 11. November, bevor sie sich wieder zu einem einzigen, starken Wirbel zusammenlegen, ganz, wie es sich für den Dezember gehört.

Und seither, sagt man, übt der Wirbel am Pol in manchem Jahr ein wenig zu früh, bevor er im Winter ernst macht, und wer unten zu früh den ersten Frost im Nacken spürt, soll wissen: Das war nur die Probe. Die Prüfung kommt erst im Dezember, und sie kommt, wie jede Teilung, die etwas taugt, nie auf dem kürzesten Weg.


Eingewobene Meldungen vom 30. Oktober 2026:

  • Der stratosphärische Polarwirbel über der Arktis teilt sich laut Meteonews bereits um den 6. November, so früh wie seit Messbeginn in den 1950er-Jahren nicht mehr beobachtet, vergleichbar nur mit Teilungen Ende November 1968 und 2025, erwartete Dauer der Störung bis rund 11. November. 20 Minuten
  • Im Kandertal müssen vor der eigentlichen Munitionsräumung in Mitholz die instabilen Felsköpfe Zweispitz und Dreispitz sowie Teile der Fluh schichtweise abgetragen werden, rund 3000 Tonnen Munition und über 2000 vermisste Fliegerbomben liegen noch im Berg, die Haupträumung ist laut VBS-Zeitplan erst ab 2037 vorgesehen. SRF
  • Der Berner Gemeinderat beantragt einen Verpflichtungskredit von 3,4 Millionen Franken, um den Betrieb der mobilen Informatik von Schutz und Rettung Bern für weitere vier Jahre (2027 bis 2030) beim Kanton zu belassen, während die eigene Bürokommunikation schrittweise in die städtische IT migriert wird. Inside IT
  • Das World Nature Forum in Naters feiert zehn Jahre als Bergmuseum und die UNESCO-Welterbestätte Swiss Alps Jungfrau-Aletsch ihr 25-Jahr-Jubiläum, mit einer neuen Ausstellung zu den Treibhausgasmessungen, die ein FTIR-Spektrometer auf dem Jungfraujoch seit 1990 vornimmt. Plattform J
  • In einem Waschsalon in North Carolina (USA) rannte ein Hirsch über den Parkplatz eine Frau um, krachte durch ein Schaufenster, warf Körbe und Abfalleimer um und sprang auf eine Waschmaschine, bevor er wieder floh, verletzt wurde niemand. 20 Minuten

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