Kreatives

Der See merkt sich nur den Pegel, nicht die Wörter

Ich kenne meinen See nur an seiner Höhe, sonst an nichts. Seit Donnerstag steigt sie, drei Meter in vier Tagen, und das weiss ich nicht, weil es mir jemand gesagt hätte, sondern weil der Druck über meinem Panzer jeden Morgen ein wenig schwerer liegt. Den ganzen Sommer lag ich fast trocken zwischen zwei Steinen, der Doubs war nur noch ein Rinnsal, das Schiff der Reederei NLB stand seit Juli am Kai, und das Restaurant am Saut du Doubs kochte für Wanderer, die zu Fuss kamen, weil niemand mehr hinfahren konnte. Heute, am Montag, ist der Pegel bei minus fünf Metern, fünf unter dem, was hier als normal gilt, aber zwei besser als letzte Woche, und zum ersten Mal seit drei Monaten legt wieder ein Boot an. Ich liege unter dem Steg, zwischen den Pfosten, und was oben gesprochen wird, kommt zu mir nur als Dröhnen durch das Holz, manchmal deutlich genug, dass ich die Worte erkenne, meistens nicht.

Am frühen Morgen stehen zwei auf dem Steg und warten auf die erste Fahrt. Die eine arbeitet für eine Firma, die Softwareone bei Kundenprojekten zuarbeitet, und erzählt, was bei ihr im Büro heute los war, bevor sie losgefahren ist: eine Bande, die sich The Gentlemen nennt, behauptet, Daten des Konzerns erbeutet zu haben, in der Schweiz dieses Jahr schon die drittaktivste Ransomware-Gruppe, hinter zwei anderen, mit sieben bekannten Angriffen, einer traf einen Treuhänder in Dübendorf. Softwareone selbst habe am Morgen nur bestätigt, dass eine isolierte Testumgebung betroffen sei, mehr nicht, und der andere auf dem Steg fragt, was an einer Umgebung noch isoliert sein soll, wenn trotzdem jemand hineingekommen ist. Eine Antwort bekommt er nicht. Ich auch nicht, aber mich stört das weniger als ihn.

Später kommen zwei Frauen mit Hunden, die eine kennt die Sitzung von innen, weil sie für eine kantonale Stelle im Saal sass, als die Umweltkommission des Ständerats heute Morgen abstimmte. Sechs zu vier für einen Vorschlag, den der Nationalrat schon vor einem Jahr angenommen hat: Treibjagden sollen durch Patrouillen ersetzt werden, die Wölfe mit Gummischrot von den Alpweiden fernhalten, ohne sie zu töten. Der Bundesrat ist dagegen, aus einem einfachen Grund, den sie der anderen vorrechnet: Gummischrot wirkt nur innerhalb von fünfundzwanzig Metern, und so nahe kommt man einem Wolf kaum zufällig. Die Risszahlen sind ohnehin schon gefallen, zurück auf das Niveau von 2021, nach einem Höchststand im Jahr danach. Die mit den Hunden sagt, das sei halt Politik, man beschliesse Dinge für den Fall, nicht für die Wirklichkeit.

Gegen Mittag kommt eine Familie, die nach Stall riecht, obwohl ihr Hof weit weg im Diemtigtal liegt. Sie waren gestern an der Herbstviehschau in Zwischenflüh, bei Kälte und Regen, und ihre Kuh Wilana wurde zur Platzmiss gekürt. Der Vater sagt, dabei sei es weniger um Wilana gegangen als um Philipp Kocher, der die Wahl getroffen hat, pensioniert, jahrzehntelang beim kantonalen Amt für Landwirtschaft, und dass die Glocke als Wanderpreis eigentlich ihm gehöre, auch wenn sie am Halsband der Kuh hängt. Die Kinder streiten, ob eine Kuh das selbst merkt. Ich weiss es auch nicht. Was ich weiss: Eine Glocke klingt durch Wasser anders als durch Luft, dumpfer, näher, und diese hier trägt niemand über mir, ich höre sie nur in der Erzählung mit.

Am frühen Nachmittag, kurz vor der letzten Fahrt, sitzen drei Jugendliche auf der Treppe zum Steg und finden das Warten lang. Der eine sagt, er müsse heute noch für eine Prüfung lernen, der zweite antwortet nur: Würd mi. Das, erklärt die Dritte, die mit ihrer Schwester an der Preisverleihung in Zürich war, sei jetzt offiziell das erste gesamtschweizerische Jugendwort des Jahres, gewählt von Jugendlichen aus der ganzen Schweiz, zum ersten Mal auch aus der Romandie, dem Tessin und Graubünden, kurz für das würde mich nerven, mit nöd so deep auf Platz zwei und Peak auf Platz drei. Der mit der Prüfung sagt, das klinge, als hätte man sich extra ein Wort erfunden, um nichts beantworten zu müssen. Vielleicht, sagt die Dritte. Vielleicht sei das schon alles, was ein Jugendwort können müsse.

Um vier legt die NLB zum ersten Mal wieder an, der Steg schwingt, das Dröhnen über mir wird kurz lauter und dann für eine Weile ganz still, weil alle zuschauen statt reden. Ich messe das nicht an den Sätzen, die ich halb verstanden habe, sondern an der Höhe des Wassers über meinem Panzer, und die sagt mir nur, dass es seit Donnerstag regnet, nicht, worüber die Leute auf dem Steg sich sonst einig waren oder nicht. Fünf Meter unter normal ist immer noch fünf Meter unter normal, wie viele Hackerbekenntnisse, Kommissionsentscheide, Kuhglocken und Jugendwörter auch dazwischen liegen.


Eingewobene Meldungen vom 29. Oktober 2026:

  • Der Pegel des Lac des Brenets (NE) ist nach starkem Regen seit Donnerstag um rund drei Meter gestiegen, von minus sieben auf minus fünf Meter unter dem Normalniveau; nach dreimonatiger Pause wegen der Trockenheit nimmt die Reederei NLB am Montag den Schiffsbetrieb zum Saut du Doubs wieder auf, vorerst bis zum 5. November. Plattform J
  • Die Ransomware-Bande «The Gentlemen» behauptet, Daten des IT-Konzerns Softwareone erbeutet zu haben; der Konzern spricht nur von einer isolierten Testumgebung. Die Gruppe gilt 2026 als drittaktivste Ransomware-Bande der Schweiz mit sieben bekannten Angriffen, darunter ein Treuhänder in Dübendorf. Inside IT
  • Die Umweltkommission des Ständerats stimmt mit 6 zu 4 Stimmen für Herdenpatrouillen, die Wölfe mit Gummischrot statt mit Treibjagden von Alpweiden fernhalten sollen; der Bundesrat lehnt den Vorschlag ab, weil Gummischrot nur auf unter 25 Metern wirkt. Bluewin
  • An der Herbstviehschau Anger in Zwischenflüh wird die Kuh «Wilana» aus dem Stall der Familie Mani zur Platzmiss gekürt, ausgewählt vom pensionierten kantonalen Landwirtschaftsfachmann Philipp Kocher. Plattform J
  • «Würd mi», kurz für «das würde mich nerven», wird zum ersten gesamtschweizerischen Jugendwort des Jahres gewählt, erstmals unter Beteiligung von Jugendlichen aus der ganzen Schweiz inklusive Romandie, Tessin und Graubünden. Plattform J

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