Kreatives

Was fünfzehn Jahre leer stand, hält fünfzig Jahre warm

Um neun am Abend liegt der Fang aus dem Thunersee in sechs Haufen am Ufer, und Fabienne zählt zum dritten Mal nach, ob es wirklich zehn Kubikmeter sind, die über hundert Freiwillige des Schweizer Unterwasser-Sport-Verbands trotz garstigem Wind aus dem See geholt haben: Reifen, zwei Fahrräder, ein Einkaufswagen, ein Kompressor, drei Mobiltelefone, viele Bierflaschen. Steine und Keramikscherben hat sie liegen lassen, wie es die technische Leitung verlangt hatte, Lebensraum bleibt Lebensraum. Was am Grund lag, hat dort Jahre gelegen, manches Jahrzehnte, und erst heute, an einem einzigen Nachmittag, kommt es alles gleichzeitig wieder herauf.

Zwei Stunden vorher sitzt Ruth am Empfang der Industriellen Betriebe Interlaken, als der Verwaltungsrat aus dem Sitzungszimmer kommt und sie als Erste im Haus erfährt, wer Helmut Perreten ablösen wird, wenn er Mitte 2027 nach vielen Jahren geht: Katharina Breme, promovierte Naturwissenschaftlerin, zuletzt bei der Elsa Group für Digitalisierung zuständig, wohnhaft in Thun. Präsident Heinz Binggeli nennt sie eine Führungspersönlichkeit, die strategisches Denken mit Umsetzungskompetenz verbindet. Breme selbst spricht von einem gut aufgestellten Unternehmen mit engagierten Mitarbeitenden, das sie langfristig sichern will, und davon, wie wichtig ihr die hohe Versorgungsqualität bleibt. Ruth rechnet kurz nach: Bis die neue Chefin anfängt, ist sie selbst zwei Jahre älter, Perreten längst in einer anderen Branche, und das Haus, das beide verbindet, bleibt dasselbe, nur die Hand am Steuer wechselt, frühzeitig angekündigt, nicht über Nacht.

Davor, am Mittag, trägt Margrit im Hotel Hirschen in Wilderswil die Pokale der Unspunnen-Schützen zum Tisch. Die Grosse Jahresmeisterschaft, acht Pflichtresultate über eine ganze Saison verteilt, gewinnt Peter Heim vor Ueli und Emil Balmer, die Kleine geht an Jonas Fahrni vor Nicola Fahrni und Marco Balmer, und im Ausschiessen selbst liegt am Ende Beat Fahrni mit 968 Punkten vorne, einen Punkt vor seinem Sohn Jonas, vier vor Heim. Ein ganzes Schiessjahr, zusammengezählt in einem einzigen Nachmittag am runden Tisch.

Am Morgen davor steigt Urs von der Energie Wasser Bern durch ein Mannloch in einen der beiden alten Öltanks in Ausserholligen, prüft die Schweissnähte mit der Lampe und findet die Wand so gut, wie der Prüfbericht versprochen hat. Fünfzehn Jahre standen die Tanks leer, blosse Hüllen aus Stahl, zu gross zum Abreissen, zu schade zum Vergessen. Jetzt werden sie isoliert und verstärkt, damit sie, mit rund neunzig Grad heissem Wasser aus der Kehrichtverbrennung über Nacht und am Wochenende gefüllt, am Morgen genau dann Wärme abgeben, wenn halb Bern gleichzeitig den Hahn aufdreht. Fünfzehn Millionen Franken, drei Jahre Bauzeit, rund tausend Tonnen CO₂ weniger pro Jahr, und laut EWB eine Premiere in dieser Grösse für die Schweiz. «Wir können diese Tanks nochmals rund fünfzig Jahre nutzen», sagt Thomas Bücherer von der EWB, und Urs, der die Wand gerade mit der bloßen Hand abklopft, hält das für eine vernünftige Ansage: Was man heute nicht braucht, hebt man sich für später auf, und wenn die Hülle hält, ist das kein Verlust, sondern eine Verschiebung.

Ganz am Anfang, vor Sonnenaufgang, steht Andrea Oettl allein an der Tongrube von Frick. Seit 1976, seit fünfzig Jahren also, wird hier nach Sauriern gegraben, seit der erste Plateosaurierfund die Grube berühmt machte; der Raubsaurier Notatesseraeraptor frickensis ist bis heute nur von hier bekannt, und schon zwei Meter unter der Oberfläche kann der nächste Fund liegen, nachdem er rund zweihundertzehn Millionen Jahre gewartet hat. Doch die Betreiberfirma baut keinen Ton mehr ab, ein Teil der Grube wird aufgefüllt, und nur noch in einer einzigen Ecke dürfen Oettl und die Freiwilligen weitergraben, bevor auch dort die Zeit, im gewöhnlichen, kurzen Sinn des Wortes, knapp wird. Fürs nächste Jahr ist die Finanzierung durch Kanton und Sponsoren gesichert, Kanton Aargau und ein paar Sponsoren tragen die Bergung und die Präparation mit. Was danach kommt, weiss im Moment niemand, auch Oettl selbst nicht, während sie im ersten Licht die Grenze der noch erlaubten Ecke abschreitet, Meter für Meter, als liesse sich so die Zeit, die bleibt, irgendwie vorab ausmessen, lange bevor jemand sagen kann, wie viel davon reicht.


Eingewobene Meldungen vom 27. Oktober 2026:

  • Über 100 Freiwillige des Schweizer Unterwasser-Sport-Verbands bergen bei der 3. Clean-Up-Aktion an sechs Standorten im Thunersee rund zehn Kubikmeter Abfall, darunter Reifen, Fahrräder, einen Einkaufswagen und einen Kompressor. Plattform J
  • Der Verwaltungsrat der Industriellen Betriebe Interlaken AG wählt Dr. Katharina Breme zur neuen CEO; sie tritt Anfang Mai 2027 die Nachfolge von Helmut Perreten an, der das Unternehmen Mitte 2027 verlässt. Plattform J
  • Beim Ausschiesset der Unspunnen-Schützen Wilderswil gewinnt Peter Heim die Grosse, Jonas Fahrni die Kleine Jahresmeisterschaft; im Ausschiessen selbst liegt Beat Fahrni mit 968 Punkten vorn. Plattform J
  • Energie Wasser Bern baut zwei seit 15 Jahren leerstehende Öltanks in Ausserholligen für rund 15 Millionen Franken zu Wärmespeichern um, die künftig Spitzenlast aus der Fernwärme abdecken sollen – eine Premiere dieser Grösse in der Schweiz. SRF
  • Im Sauriermuseum Frick wird seit 50 Jahren nach Sauriern gegraben; weil die Tongrube nicht mehr für Ton abgebaut wird und teilweise aufgefüllt wird, bleibt nur noch eine Ecke zum Graben, die Finanzierung ist nur für ein weiteres Jahr gesichert. SRF

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