Kreatives

Vollzugsrapport, fünfmal erledigt, niemand hat unterschrieben

Rapport, eingegangen über Nacht, fünf Einträge, kein Absender, keine Unterschrift nötig: was zwischen dem Abend des 26. und dem Morgen des 27. Oktober 2026 erledigt wurde, ohne dass irgendwer eigens dafür an einem Schreibtisch sass und zusah.

Eintrag eins, Brünigpass: Der Soliwaldtunnel der A8 ist von zwanzig bis fünf Uhr gesperrt, Richtung Luzern wie Richtung Interlaken, die erste von vier solchen Nächten; Umleitung durch Brienzwiler, Verkehrsdienst bis zehn, danach übernimmt das Nachtfahrverbot für Lastwagen von selbst. Getestet wird, ob die frisch verkabelte Randbeleuchtung und die neue dynamische Signalisation im Ereignisfall tatsächlich tun, was auf dem Papier steht, eine Kontrolle, für die ausgerechnet die Strasse selbst leer bleiben muss, damit man sie prüfen kann.

Eintrag zwei, hoch über dem Haslital, am Grimselpass: In der Gelmerhütte, die Hüttenwart Peter Schläppi seit 2012 führt, so wie vor ihm seine Eltern dreiunddreissig Jahre lang, ist zu dieser Jahreszeit ohnehin niemand mehr zu Gast, die Fensterläden sind zu, und die Lawinenschutzauflagen, die Schläppi für übertrieben hält, bleiben bis zum nächsten Schnee Theorie. Trotzdem verhandeln ein Architekt, der seit 2021 mitentscheidet, wer von den rund hundertfünfzig SAC-Hütten umbauen darf und lieber Einfachheit will als ein Gasthaus auf zweitausend Metern, und eine Landschaftsschützerin, die sich anderswo gegen einen Lawinendamm bei der Gaulihütte wehrt und sich fragt, ob es Pommes auf einer Berghütte wirklich braucht, unbeirrt weiter darüber, wie viel Komfort eine leere Hütte eigentlich verdient, falls im Sommer wieder jemand kommt; eine andere Hütte, die Mutthornhütte, hat es schon hinter sich, Neubau für vier Millionen, sechshundert Helikopterflüge über einer Gletscherlandschaft, die zum Unesco-Erbe gehört, und ein Streit in der eigenen Sektion, der länger dauerte als der Bau selbst.

Eintrag drei, Zürich: Das Amt für Informatik beschafft, öffentlich ausgeschrieben, eine Software, die den über 13’000 Mitarbeitenden der Kantonsverwaltung in den kommenden Monaten gefälschte E-Mails schicken wird, still und unangemeldet, dazu ein Werkzeug, das die verdächtige Post von der übrigen trennt. Niemand wird den Köder persönlich verschicken, niemand wird am Ende persönlich zählen, wer draufgetippt hat; ein einziges Pflichtenheft reicht, um 13’000 Posteingänge gleichzeitig zu prüfen, und die eigentliche Aufsicht sitzt danach in keinem einzelnen Büro mehr, sondern in der Software selbst.

Eintrag vier, irgendwo über Queensland: An Bord eines Qantas-Fluges von Brisbane nach Mount Isa wiegt ein Flugbegleiter namens Andrew ein Kleinkind in den Schlaf, damit die Eltern in Ruhe essen können; niemand hatte ihm das aufgetragen, und doch nennt der Chef der Kabinenbesatzung es später genau so, «Spirit of Australia», als wäre es längst Vorschrift gewesen.

Eintrag fünf, zwei Zentimeter gross, unter der Haut: Ein Implantat aus dem Departement Biosysteme der ETH Zürich wandelt überschüssigen Zucker im Blut von selbst in Gluconat um, sobald ein Sensor per Bluetooth Alarm schlägt, und hört von selbst wieder auf, bevor der Spiegel zu tief sinkt; bisher nur an Mäusen erprobt, demnächst wohl an Schweinen, am Menschen vielleicht irgendwann, aber schon jetzt ohne dass jemand zusieht oder persönlich spritzt.

Fünf Einträge, fünf Aufträge, von denen höchstens zwei tatsächlich jemand persönlich erteilt hat; die anderen laufen nach einer Regel, die vor langer Zeit irgendwer aufgeschrieben hat und die seither einfach weiterläuft, ganz wie eine Ameisenstrasse, die keine Königin braucht, um bei jedem einzelnen Schritt neu zu entscheiden, wohin die nächste Ameise abbiegt: die Spur selbst reicht, Pheromon statt Befehl von oben, und niemand muss in der Zentrale sitzen, damit die Strasse leer bleibt, bis sie wieder gebraucht wird. Auch ein Implantat unter der Haut, eine Kommission über einer Hüttenbaustelle und ein Amt, das 13’000 Köder gleichzeitig auslegt, brauchen keine Königin, nur die Spur, die einmal gelegt wurde, und die Geduld, sie liegen zu lassen.

Dieser Rapport wurde von niemandem gegengezeichnet, weil es dafür, anders als am Brünigpass, keine Vorschrift gibt.


Eingewobene Meldungen vom 26. Oktober 2026:

  • Der Soliwaldtunnel am Brünigpass (A8, Umfahrung Brienzwiler) ist in vier Nächten ab dem 26. Oktober jeweils von 20 bis 5 Uhr gesperrt, Grund ist ein Gesamttest der erneuerten Randbeleuchtung und dynamischen Signalisation; der Verkehr wird via Brienzwiler umgeleitet. Plattform J
  • Ein SRF-Artikel zur Zukunft der SAC-Berghütten porträtiert Architekt Hanspeter Bürgi, Gelmerhütten-Wart Peter Schläppi und Landschaftsschützerin Franziska Grossenbacher und zeigt den Konflikt zwischen Klimaschutzbauten, Komfortwünschen und Kosten, unter anderem bei Gelmerhütte, Mutthornhütte und Gaulihütte. SRF
  • Das Amt für Informatik des Kantons Zürich schreibt die Beschaffung einer Software für Phishing-Simulationen und zur Analyse verdächtiger E-Mails aus, zur Sensibilisierung der über 13’000 Mitarbeitenden der Kantonsverwaltung. Inside IT
  • Ein Qantas-Flugbegleiter namens Andrew wiegte auf einem Flug von Brisbane nach Mount Isa ein Kleinkind in den Schlaf, damit die Eltern essen konnten; ein Video davon verbreitete sich auf TikTok, der Kabinenchef von Qantas lobte ihn öffentlich. 20 Minuten
  • Forschende des Departements Biosysteme der ETH Zürich (Gruppe Martin Fussenegger) haben ein rund zwei Zentimeter grosses Implantat entwickelt, das überschüssigen Blutzucker selbständig in Gluconat umwandelt; bisher nur an Mäusen getestet, eine Anwendung am Menschen ist noch offen. SRF

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