Kreatives

Der Hunger hat heute Morgen fünf Adressen

Um acht Uhr ist der Hunger überall gleich alt.

In Zweidlen im Kanton Zürich hebt in diesem Moment ein ganzer Starenschwarm gemeinsam vom Stoppelfeld ab, so plötzlich und so dicht, dass eine News-Scout-Leserin ihr Telefon zückt und später sagt, das sehe man nur einmal im Leben, neun Sekunden Vogelwolke, die sich über den Feldrand hebt und wieder schliesst. Die Vogelwarte Sempach bestimmt anhand des Videos die Art, Stare, auf dem Zug in ihre Winterquartiere, die meisten Richtung Italien oder Spanien, manche bleiben über den Winter in der Schweiz, und erklärt das schlagartige, geschlossene Auffliegen damit, dass die Tiere gerade erst aufgewacht sind, genauso plötzlich, wie sie abends vor dem Schlafengehen auffliegen, nur diesmal mit leerem statt vollem Magen und einem langen Flug vor sich, für den zuerst noch etwas gefunden werden muss, das satt macht.

Eine knappe halbe Autostunde weiter südlich, im Zürcher Furttal, rollt zur selben Stunde ein fahrerloses Taxi in einen Kreisel. SRF-Digitalredaktor Reto Widmer sitzt auf dem Rücksitz und nennt die Fahrt hinterher überraschend unspektakulär, das Fahrzeug fahre vorsichtiger als ein Mensch, ein mulmiges Gefühl stelle sich nie ein. Nur an einer Stelle zögert das System: Ein Autofahrer bietet eine Lücke an und winkt, das Robotaxi, das Kameras, Lidar, Radar und digitale Karten zu einer eigenen Route verrechnet, erkennt die Geste nicht und bleibt stehen, bis die Begleitperson am Steuer eingreift. Am Strassenrand sucht zur gleichen Zeit ein Fuchs im feuchten Gras nach etwas Essbarem, quert die Fahrbahn ohne anzuhalten, wird von den Sensoren erkannt, eingeordnet, umfahren. Für das eine Lebewesen reicht ein Muster aus Umriss und Bewegung, für das andere fehlt dem System noch das passende Wörterbuch.

In Bern öffnet zur gleichen Stunde ein Depot ausserhalb des Campus seine Kisten, über 29000 Rohdiamanten, einst von der Diamond Trading Company in London für die Wissenschaft freigegeben, von Jeffrey und Francesca Harris der Universität Bern geschenkt und seit Ende September eine der grössten Sammlungen ihrer Art weltweit. Der einzelne Stein ist kaum mehr wert als ein Kaffee, rund zehn Dollar im Schnitt, doch in seinen winzigen Einschlüssen steckt, was sich sonst nirgends findet, ein Archiv aus dem Erdinnern, das erzählt, wie und wo Minerale entstehen, die noch niemand lebend zu Gesicht bekommen hat. Vor dem Gebäude pickt eine Krähe im Kies, ohne zu wissen, dass unter ihr gerade die teuerste Art von Hunger gestillt wird, die es gibt, die Neugier einer ganzen Fakultät.

Hoch über dem Haslital, am Bidmisee, ist der Wasserstand in diesem Oktober so weit gesunken, dass die Gemeinde Hasliberg trotz der bereits dritten Sparstufe keine spürbare Entlastung ihrer Quellen erreicht. Für 79000 Franken mietet sie bei der Firma Membratec eine Filteranlage, von Oktober bis März, und lässt eine Leitung zum Reservoir Sood graben, das die Weiler Wasserwendi, Goldern und Hohfluh versorgt. Am noch offenen Seeufer, dort wo sich das Wasser seit Wochen zurückzieht, steht in dieser Stunde ein Reh und trinkt aus demselben See, der in wenigen Wochen durch Rohre laufen wird statt durch ein Bachbett.

Irgendwo in einem Büro, dessen Licht um diese Zeit noch niemand braucht ausser einer Katze, die an der Schreibtischlampe eine Motte jagt, tritt eine Pfote viermal auf dieselbe Zahlenreihe. Zufall, aber kein harmloser, «1234» steht laut einer Auswertung geleakter Schweizer Passwörter durch den Content Creator Manuel Bürge auf Platz zwei der meistgenutzten Kennwörter im Land, gleich hinter «123456». Cybersicherheitsexperte Nicolas Mayencourt hält solche Zahlenfolgen für in Sekunden knackbar, persönliche Angaben wie Haustiernamen oder Geburtsdaten nennt er sehr problematisch, weil Angreifer sie als Wörterbuch nutzen, und rät zu einem Satz statt einem Wort, zu einem eigenen Kennwort pro Dienst, zu einem zweiten Faktor, der zuschlägt, wenn der erste längst erraten ist.

Um Viertel nach acht ist der Himmel über Zweidlen bereits wieder leer, die Fahrbahn im Furttal frei, der Kies vor der Diamantensammlung ungepickt, die Leitung am Sood noch nicht verlegt, das Passwort immer noch «1234», fünf Orte, eine einzige Stunde, und keiner weiss vom anderen.


Eingewobene Meldungen vom 19. Oktober 2026:

  • Ein Starenschwarm hebt am Morgen in Zweidlen (ZH) plötzlich und geschlossen vom Feld ab; die Vogelwarte Sempach bestätigt anhand eines News-Scout-Videos die Art und erklärt das schlagartige Auffliegen mit dem gerade erwachten Zugvogeltrupp auf dem Weg in die Winterquartiere. 20 Minuten
  • Im Zürcher Furttal fahren seit Oktober 2026 per App bestellbare Robotaxis frei im Gebiet; SRF-Digitalredaktor Reto Widmer beschreibt eine ruhige Testfahrt, bei der das Fahrzeug einzig die Winkgeste eines Autofahrers in einem Kreisel nicht erkennt. SRF
  • Jeffrey und Francesca Harris schenken der Universität Bern über 29000 einst von der Diamond Trading Company freigegebene Rohdiamanten, eine der weltweit grössten Forschungssammlungen ihrer Art, bekanntgegeben Ende September 2026. Swissinfo
  • Wegen anhaltender Dürre stützt die Gemeinde Hasliberg ihr Trinkwassernetz ab Oktober mit gefiltertem Wasser aus dem Bidmisee, Kostenpunkt 79000 Franken für eine bis März gemietete Anlage der Firma Membratec. Plattform J
  • Eine Auswertung geleakter Schweizer Passwörter durch Content Creator Manuel Bürge zeigt «1234» auf Platz zwei der meistgenutzten Kennwörter; Cybersicherheitsexperte Nicolas Mayencourt rät zu langen Passphrasen statt einfacher Zahlenfolgen. 20 Minuten

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